"Es ist sehr bequem hier, auch wenn ich für gewöhnlich etwas erhöhter sitze"

"Ich hörte, Ihre Wohnung würde demnächst frei"

campfire [3]
Kartendokumentationstirade, Kurzform
Kurz in die BBC Serie The Beauty of Maps reingeschaut. Nach dem dritten Schnitt auf irgendeine Person, die anekdotisch berichtet, wie great Karten doch wären, wie wonderful und powerful und wassweissich eine experience mit Karten gewesen wäre, dauerhaft weggeschaut.
Man fühlt sich, als würde man den so Vorgeführten zu nahe treten, weil ihnen nichts als Nichtigkeiten abgeluchst werden, das aber immerhin unter großem Ausleuchtungs- und wahrscheinlich auch nicht unbedeutendem Maskenaufwand.
campfire [1]
Unlängst in Heidelberg

campfire [2]
Unlängst am Bildschirm

Amsel, wetzend

campfire [1]
Hotel Europäischer Hof, Heidelberg

Kampf um die Stadt, Ausstellung, Wien, Künstlerhaus
Wien, zwischen den zwei Weltkriegen, Kampf um die Stadt. Verlust des Reiches, allmähliche Umnachtung des urbanen Wasserkopfes Wien durch Älplertum im auch geistig geschrumpften Umland sowie natürlich auch andere geistige Schrumpfungsprozesse der Zeit. Ein paar Splitter hier notiert.
Dramatisierte Grafik im politischen Propagandaprakat, Tracht und Brauchtumspflege im Kampf gegen die (linke) Politisierung (aber auch: “Arbeitertrachtler”), Massenaufmärsche von Militaristen, sie unterstützenden Priestern und Nonnen im Ornat.
Sozialistischer Städtebau und dessen Diskutabilität (Kritik an großen Wohnbauprojekten der 1920er Jahre als monumentale Repräsentationspaläste durch Verfechter luftiger, aber peripherer Gartenstädte). Elektrifizierung der Stadt – Ansichtskarten mit magisch strahlenden Lichtpunkten in der dunklen Stadt, Lichttourismus, Reisen zu den Leuchtpunkten.
Einführung der Kurzstreckenkarte in den Straßenbahnen. Betonung, dass man mit der Kurzstreckenkarte nur auf Plattformen mitfahren dürfe, auf denen Rauchen nicht gestattet sei (impliziert: in den regulären Wagen durfte geraucht werden). Humoristische Plakate zur Aufforderung der Verkehrsmittelbenützer zum Wohlverhalten: Sitzplatz an Ältere, und, übrigens, Pfeifen von Liedlein stört die anderen! (Pfeifen im ÖPNV, die Klingeltonplage der 1910er.)
Erstaunt, dass praktisch alle der großen städtischen Wiener Bäder (Kongreßbad, Amalienbad, auch viele Kinderfreibäder, die es heute nicht mehr gibt) in recht kurzer Zeit während der 1920er Jahre errichtet wurden. (Architekturmodell des Amalienbads mit dem berühmten Glasdach, das geöffnet werden konnte, im 2. WK zerstört).
Nicht gewusst, dass die Höhenstraße ein austrofaschistisches Prestigeprojekt war.
[Gegenüber der Radiopropaganda der 1930er Jahre ist Radio Niederösterreich heute ein politisch aufgeklärtes Medium.]
Gustav Deutsch montierte “Home movies” zusammen, gedreht mit der “Pathé Baby”. Tonlose Familienausflüge der Wohlhabenden, Puppi und Mausi, Daddy mit der coolen Sonnenbrille der 1920er Jahre, alles sehr Lucino-Visconti-mäßig. Eine unglaublich glücklich und schön aussehende alte Dame, oder Frau, in Kittelschürze, umflort von ihrem weißen Haar, lachend mit strahlenden Augen.
Viel, zu viel zu sehen. Im Erdgeschoß der Ausstellung dann der Eindruck der Lieblosigkeit, Anhäufung, Aneinanderreihung schon irgendwie interessanter Exponate zu Standards der Wiener Stadtkultur, die halt auch irgendwie vorkommen mussten (Kabarett, Varieté), ohne die feine Hand, die die stärker historischen Teile der Ausstellung im ersten Stock zu einem Fluss formte (auch dort allerdings mitunter der Eindruck, dass einzelne Exponate abhaken, was gesagt werden muss: Arbeitslosigkeit, Marienthal, urbanes Elend). Aber das mag an kognitiver Überforderung gelegen haben.
Allgemeine Texte in den einzelnen Räumen auch auf Englisch, Texte zu den einzelnen Exponaten nur auf Deutsch.
Antizyklischer Kinogang: "Home" (Ursula Meier, 2008)
Im nahegelegenen (und das ist bei diesen Temperaturen ein wichtiges Kriterium) Bellaria Kino läuft derzeit “Home”, ein bereits etwas älterer Film von Ursula Meier.
“Home” zeigt eine Familie, die in einem Haus mitten in ziemlich flacher und karger Landschaft direkt an einem nie in Betrieb gegangenen (sagt man so?) Autobahnteilstück lebt. Nun geht wider Erwarten die Autobahn doch in Betrieb, und die Familie versucht sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Das hat Witz, Tragik, Groteske, Depression. Isabelle Huppert spielt die Mutter, übrigens. Der Film ist sehenswert, aber Achtung – beim Verlassen des Kinos ist man sehr, sehr autosensibel.
Ursula Meier spricht in einem ausführlichen Interview auch über die Schwierigkeiten, einen Drehort zu finden:
“Wir haben tatsächlich ganz Europa abgegrast, wir waren selbst in Kanada, weil das Filmprojekt dort auf offene Ohren stiess, aber ein geeigneter Drehort war nicht auszumachen. Neu gebaute Autobahnstücke werden meist sehr schnell für den Verkehr freigegeben, sobald die Baufahrzeuge verschwunden sind – dazwischen liegt keine Zeit für Dreharbeiten. Ausserdem standen überall Autobahnbrücken, und die wollte ich auf keinen Fall im Bild, denn es geht im Film ja darum, dass die Familie durch den Verkehr von der Umwelt abgeschnitten wird und erfinderisch sein muss, wenn sie die Strasse überqueren will. Also haben wir uns stattdessen die Lande- und Startpisten von Flughäfen angeschaut. Aber auch da hatten wir ein Problem: Die waren alle zu kurz, denn die im Film vorbeirasenden Fahrzeuge mussten ja auf 120 km/h beschleunigen, bevor sie ins Bild kamen, und unmittelbar danach wieder abbremsen – zu langsam fahrende Autos wären im Film aufgefallen – und sowas ist auf so kurzen Strecken einfach zu gefährlich. Ausserdem stimmte im Umfeld der Flughäfen auch die Landschaft nicht, diese kahlen Grasböden waren mir zu hässlich.
Fündig geworden sind wir schliesslich im hintersten Bulgarien, zwischen Sofia und Istanbul. Dort stiessen wir auf eine völlig verlorene Landstrasse, die über zwei Kilometer hinweg verbreitert worden war, damit dort Flugzeuge zur Bewässerung der umliegenden Felder starten und landen konnten. Diese Einrichtung wurde aber nicht mehr gebraucht, und das Gelände war verlassen – alle drei Stunden kam vielleicht ein Trabant oder ein Pferd vorbei, und die konnte man problemlos umleiten. Auf diesem Gelände haben wir dann das Haus gebaut, die ganzen zwei Kilometer Strasse neu geteert und mit Sicherheitslinien bemalt, und diese Strecke wurde dann für gewisse Szenen von bis zu 300 Autos mit Statisten befahren. Es war also wie ein Riesenstudio unter freiem Himmel, wir hatten unser Haus, unsere Strasse unsere Fahrzeuge. Wenn ich “Moteur!” rief (was auf französisch soviel heisst wie: “Action!”), dann wurden tatsächlich die Motoren gestartet, und wir erlebten bis zu einem gewissen Grad auch das, was die Familie im Film durchmacht.”
Humanitäres Bleiberecht, Helen Lovejoy style
Die Priestersgattin Helen Lovejoy ist aus der Fernsehserie “The Simpsons” dafür bekannt, dass sie in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen im Tonfall größter Bestürzung einmahnt, man möge doch an die Kinder denken (“Will someone please think of the children?”).
In Österreich wird nun wieder über das humanitäre Bleiberecht diskutiert, anlässlich des Falles Arigona Zogaj (Kosovo). Die österreichischen Behörden befinden, Arigona und ihre Mutter dürften nicht in Österreich bleiben, obwohl Gutachter bei ihrer Mutter massive Suizidgefahr sehen. (Die anderen Familienmitglieder wurden bereits in den Kosovo ausgewiesen.) Auch die offensichtliche Integriertheit des Mädchens Arigona spielt keine Rolle.
Ein Argument, das gerne für die Gewährung des Bleiberechts an Arigona verwendet wird, würde Helen Lovejoy sicher gefallen: Die Kinder dürften nicht für die Fehler der Eltern bestraft werden. Wenn die Eltern ihre Familie mit illegalen Schlepperbanden nach Österreich bringen, so das Argument, soll man die Eltern dafür (durch Abschieben) bestrafen, nicht aber die Kinder. Die sollen dableiben dürfen.
Das ist in einem Land, das herzige Kindlein und fluffige Hundlein mag, möglicherweise als Strategie vielversprechend. Humanitär ist es nicht (werft die Eltern raus, lasst die Kinder da – in Heimen oder was?), und politisch engstirnig (wie kommt man eigentlich als Kosovare legal nach Österreich? He? Anyone?). Das Kindlein-Argument ist ein Schritt zurück.