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- 9 11 2002 - 21:41 - katatonik

Le Rap Japonais

In der Süddeutschen Zeitung (8.11.) ein Text von Holger Liebs über die soeben eröffnete Ausstellung “Manga – Die Welt der japanischen Comics” (Link aus Frame) in den Hamburger Deichtorhallen, zu sehen noch bis 5.1.

Der Text wird durchzogen von einer unterschwelligen Gegenüberstellung industrialisierter, vermasster Kulturproduktion und –rezeption in Japan sowie Ansprüchen auf Originalität, Einmaligkeit und Kreativität im Westen. Es geht dabei, deucht mir, ziemlich wirr zu.

So wird etwa behauptet, erst und vornehmlich dadurch, dass sich Manga-Figuren aus ihrer schnellebigen Produktionsumgebung durch hervorragende Qualitäten abhöben (Akira: nukleare Zuerstörungspotenz, Astro-Boy vulgo “Tetsuwan-Atomu”: juvenile Cyborg-Power), würden sie für den Westen und sein Bedürfnis nach vereinzelten Helden interessant. Da sich nun aber das Abheben und Herausragen besagter Figuren bereits in Japan manifestiert, fragt sich, ob hier tatsächlich so etwas wie eine West-Ost-Opposition noch von Belang sein kann. (Auf sowas kommt dann gern die Antwort, tja, die sind dort halt auch schon von westlichen Heldenidealen “infiziert”. Darauf ein mildtätiger Blick meinerseits und die Order einer weiteren Runde Sake.)

Was noch? “Die japanische Industrialisierung des Autorencomics, das Format der Endlos-Serien und vor allem die Deterritorialisierung der Bilder irritieren gängige Vorstellungen von Seltenheit, Kostbarkeit und Musealisierung.” Das mag sein, aber wo genau sind die gängig, die Seltenheitsvorstellungen? Im Westen ganz allgemein? Und nur da? Ist für diese Differenz nicht eher die Gegenüberstellung von serialisierter Billigbildproduktion (die es ja auch in den USA schon sehr lange gibt) und Idealen bürgerlicher Genialitätsindividualismen innerhalb moderner Gesellschaften ausschlaggebend? In diesem Fall scheint eine homöopathische Dosis Walter Benjamin einem Maßkrug Zen gegenüber vorzuziehen zu sein.

Dann gibt es in Holger Liebs Text noch eine Verflechtung der “futuristischen Coolness” und “posthumanen Ästhetik” von Takashi Murakamis bunten Blasenwesen mit typisch japanischer Kultur von anno dunnemal (Murakami ist bildender Künstler, der sich unter anderem typischer Manga-Ästhetik bedient). Ganz klar artikuliert wird diese Verflechtung nicht, aber in jedem Fall attackiert Murakamis Blasenwesenwelt “westliche Identitätsvorstellungen heftig”, und das schon allein mit ihrer Bilderflut. Das allerdings verstehe ich nicht, denn wie sollte ein Überfluß, eine Menge an Bildern, per se eine Attacke auf die Identitätsvorstellung des Westens darstellen?

Überhaupt würde ja, so weiter im Text, der Begriff “Manga”, wenn man ihn in die in der Edo-Zeit in Japan eingeführten chinesischen Zeichen zerlegt, “überfließen/überall/frei/zwanglos” und “Malerei/Zeichnung/Bild” bedeuten. Die Erklärung japanischer Begrifflichkeiten durch solche Bilderzeichenetymologien kommt ja häufig vor, gewinnt dadurch aber nicht an Plausibilität. Visuelle Gestalt bei chinesischen Schriftzeichen ist in Hinblick auf Begriffsgehalt, wie man so schön sagt, unterdeterminierend. Wenn man sich Ausdrücken für bestimmte Kulturprodukte, wie eben “Manga”, nähert, dann wäre ihr Gehalt sinnvollerweise durch Gegenüberstellung mit verwandten Begriffen zu ermitteln: wogegen wollten die, die Manga “Manga” nannten, diese wohl neue Kunstform abgrenzen, wovon wollten sie sie unterscheiden, und unter welchem Aspekt? Und: Hat sich das begriffliche Umfeld von “Manga” seither verändert, sodass diese ursprünglichen Bedeutungen heute nicht mehr verstanden werden oder gar nicht mehr im Bewußtsein sind? Ich weiß zu wenig über die Prägung des Begriffes “Manga” (vielleicht weiß die Ausstellung mehr), würde aber dennoch davon ausgehen, dass durch pseudo-etymologisches Wühlen in japanischen Ausdrücken wenig Einsichten über die Kunst von Murakami und ihr möglicherweise bestehendes Attackenpotenzial auf westliche Identitätsvorstellungen gewonnen werden können.

Gegen Ende heißt es dann noch, das “sektiererische Geheimwissen um jede Manga-Figur, das diese meist nur einem verschwörerischen Lesezirkel zugänglich macht”, hätte etwas “zutiefst Irritierendes für die Freunde von Superman und der Bandes Dessinées”. Ich bewege mich weder in diesen, noch in jenen Zirkeln, aber das sektiererische Geheimwissen um Comic-Figuren (wie Superman) wärend meiner Pubertät hat die Freunde von Karl-Heinrich Waggerl und Peter Rosegger in meiner Verwandtschaft auch gehörig irritiert, so viel kann ich versichern. Tja, und dann heißt es, diese “Irritation” (mit sektiererischem Geheimwissen) wäre bleibend und käme ja nicht umsonst aus Japan, so wie die Hokusai-Schnitte, Ikebana, Sumo oder Zen-Buddhismus, denn schon Roland Barthes …

Wenn man japanische Kulturprodukte einmal ohne unmotivierten und nichts erklärenden Rückgriff auf den bekannten Begriffsassoziations-Rap besprechen könnte, dann wäre das ein beachtlicher Fortschritt.

Nun ja, die Ausstellung an sich klingt sehr interessant.

SZ-Artikel zu verlinken habe ich übrigens mittlerweile aufgegeben, weil das Archiv der SZ online de facto nicht mehr existiert. Tja, man geht also vom webtypischen Verlinken wieder zurück zu guten alten Zitationsformen des Buch- und Papiergewerbes.


Geh, Manga sind seit gut 10 Jahren nichts neues mehr. Wenn man sich die Arbeiten von Leuten wie Designers Republic anschaut, dann wird schnell klar, dass wir Stilelemente des Manga genauso benutzen wie japanische Künstler Stilelemente westlicher Arbeiten.

gHack (Nov 9, 23:04) #


Ja. Ich habe den Eindruck, dass die Kunst- und Kulturkritik gar häufig hinter die austauschmäßig ohnehin schon sehr verflochtene Realität zurückgeht. Sie hängt mit Ost-West-Zuordnungen einer romantischen Fantasie an und nach, in der einander archetypische östliche und westliche Stimmen begegnen und sich aus gesicherten, abgegrenzten Positionen miteinander unterhalten. Sie befaßt sich nicht mit dem oft weit banaleren und in jedem Fall viel unklareren, chaotischeren Austauschprozeß, der zwischen Leuten passiert, in deren kultureller Garderobe Manga ebenso wie Picasso hängen. Jetzt mal ganz allgemein gesagt.

katatonik (Nov 9, 23:16) #


Ein Projekt, das ganz gut funktioniert hat, war das gemeinsame Tokio-Designerbuch, das die Berner von "Büro Destruct" herausgegeben haben. Die sind halt einfach da hin und haben Kontakte gesucht und gefunden und merklich Spass dabei gehabt. Lustig war mal, als ich zusammen mit dem von Peter Schessl initiierten Münchner Comicprojekt Mitte der 90er auf einen Erlanger Comicsalon gefahren bin. Dort haben japanische Comicverlage nach europäischen Zeichnern Ausschau gehalten und Manga waren noch eher exotisch. Der Punkt ist, dass die Manga so manchen europäischen Comicverlag gerettet haben, weil diese sich im Comicboom der 80er verausgabt hatten: Zuviele Titel, zuwenig Interesse des Publikums. Jetzt geben Dragonball und Konsorten den Ton an, was aber auch ziemlich öde ist. Würde aus meiner bescheidenen Erfahrung heraus sagen, dass der Anteil an intelligenten japanischen Comics an deren Gesamtproduktion ungefähr dem auf europäischer und amerikanischer Seite entspricht. Es gibt immer einige Prestigeprojekte oder einzelne grossartige Zeichner, die sich durchsetzen. Was die Japaner allerdings den Europäern und sogar den Amerikanern voraus haben ist die Kombination der Manga mit Anime-Projekten. Kino hat halt doch nochmal eine ganz andere Reichweite und Manga/Anime verstärken sich gegenseitig. In Frankreich gibt es zwar viele fähige Zeichner und Computergrafiker, aber Zeichentrickspielfilme habe ich von dort noch nicht gesehen - eindeutig ein Standortnachteil.

gHack (Nov 9, 23:47) #


Ja, das stimmt schon alles. Mir ging's hier aber mehr um die Rezeption konkret im deutschsprachigen Feuilletonbereich, die der - auch von dir beschriebenen - Wirklichkeit insofern hinterherhinkt, als sie, wie ich meine, die falschen Register zieht. Ehrlich gesagt erstaunt mich das immer wieder. Bei manchen dieser Passagen bleibt mir als gutwilliger Leserin wirklich die Spucke weg, sodass ich, um nicht in Gefahr des Vertrocknens zu geraten, rasch zur Böswilligkeit Zuflucht nehme.

katatonik (Nov 10, 00:09) #

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