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- 14 11 2002 - 20:13 - katatonik

Strategie und Praktik

Soeben einen Text von Michael Klare gelesen, erschienen in der englischen Ausgabe von “Le Monde diplomatique”, November 2002 (nicht online). Michael Klare ist Professor für “peace and world secutirty studies” am Hampshire college, Amherst, Massachussetts. Er ist Autor des Buches “Resource Wars: The New Landscape of Global Conflict (Metropolitan Books, New York, 2001)”.

Der Text versucht, die Strategie der Bush-Administration nachzuzeichnen und stellt die These auf, militärische Strategien zur Modernisierung und Expansion US-amerikanischer Militärkapazitäten und energiepolitische Strategien zur Beschaffung ausländischen Öls würden zurzeit miteinander verknüpft. Es würde sich dabei um zwei Prioritäten mit unterschiedlichen Wurzeln handeln, die sich aber miteinander sowie mit der seit September 2001 neu entstandene Priorität eines “Krieges gegen den Terror” zu einem einheitlichen strategischen Design verknüpften. Dieses “Design” ist es, so Klare, das die amerikanische Außenpolitik zurzeit bestimmt, und nicht ein einziges Ziel.

Zum Thena Öl ruft Klare den so genannten “Cheney Report” vom Mai 2001 in Erinnerung. Es handelt sich dabei um einen unter der Federführung von Vizepräsident Cheney erstellten Plan, um die ansteigenden Energiebedürfnisse der USA über die nächsten 25 Jahre zu decken. Zwar sind auch Maßnahmen für Energiesparen darin enthalten, aber die meisten Vorschläge zielen auf die verstärkte Beschaffung von Energievorräten aus dem Ausland ab. Nach Klares Auffassung überdeckten die bisherigen, teils heftigen Diskussionen etwa über die Erschließung von Ölreservaten in Naturschutzgebieten in Alaska die Implikationen des Berichtes für die amerikanische Außenpolitik, die im letzten Abschnitt des Berichtes angesprochen sind, nämlich die angestrebte beträchtliche Erhöhung von Ölimporten.

In Zahlen: Für 2020 wird ein Anteil von 66% der Ölimporte am gesamten Ölberbreich projiziert (2001: 52%). Unter Berücksichtigung eines steigenden Bedarfes bedeutet das, die US-Ölimporte werden bis 2020 um 60% ansteigen müssen (16.7 million barrels pro Tag 2020, 10.4 heute). Dazu ist es nötig, die Produktion von Öl im Ausland sowie den Verkauf an die USA anzukurbeln.

Da ein Großteil der Ölländer nicht ausreichend Kapital hat, um in die Produktionsinfrastruktur zu investieren und einer amerikanischen Domination ihres Energiesektors gegenüber eher skeptisch ist, sieht der Cheney-Bericht zwei Methoden vor: (1) Steigerung der Importe aus den Ölländern am Persischen Golf, (2) geographische Diversifizierung der US-Importe, zu erreichen in Zusammenarbeit mit amerikanischen Energieunternehmen in den Gebieten um das Kaspische Meer (vor allem Aserbaijan und Kasachstan), im subsaharischen Afrika (Angola und Nigerie) und in Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko, Venezuela).

Der Cheney-Bericht diskutiere nicht, so Klare, die offensichtlichen sicherheitspolitischen Implikationen dieser Vorgangsweisen, da es sich ja im wesentlichen um politische nicht allzu stabile Regionen handelt. Auch wenn man nicht so weit geht, eine bewußte Absicht der Bush-Administration anzunehmen, so ist doch deutlich, dass eine dermaßen ausgerichtete Energiepolitik realistischer ist, wenn sie von einer Außenpolitik begleitet wird, die rascheren und besseren Einsatz militärischer Kapazitäten begünstigt (“a strategy favouring a big increase in US capacity to project military power”). Unabhängig von den Plänen politischer Persönlichkeiten ist diese Schlußfolgerung im “Quadrennial Defence Review Report” vom September 2001 tatsächlich gezogen worden. Dort wird die Abhängigkeit der US – und ihrer Verbündeten – von Energieressourcen im Mittleren Osten erwähnt, die Möglichkeit, dass Zugang zu diesen Ressourcen durch militärische Drohungen gefährdet sein könnte, sowie die Notwendigkeit, eine solche Gefährdung durch weltweite Einsatzfähigkeit amerikanischer Militärkräfte zu verhindern.

Die Angriffe auf New York im September 2001 haben bestimmte Aspekte dieser Strategie in den Vordergrund gerückt und zur Konzeption eines “Kriegs gegen den Terror geführt”, der letztlich mit Bemühungen verknüpft wurde, den Zugang zum Öl vor allem im Persischen Golf und am Kaspischen Meer zu sichern (Ausbau der Militärbasen in Usbekistan und Kirgistan, Unterstützung von Aserbaijan vor dem Hintergrund von Konflikten aserbaijanischer Ölforschungsboote und iranischer Militärflotte, Einsatz amerikanischer Militärstrategen in Georgien; dazu kommt auch noch ein Antrag auf 100m US$ für den Schutz von Pipelines in Kolumbien im amerikanischen Kongress). Zwar werden diese Initiativen vordergründig mit dem Krieg gegen den Terror verknüpft, sie sind aber wohl auch mit dem Versuch verbunden, die Produktion und den Transport von Öl für die USA zu sichern.

Klare geht davon aus, dass diese drei Schlüsselstrategien der Außenpolitik – militärische Expansion, energiepolitische Zielsetzungen und der Krieg gegen den Terror – sich zu einer Strategie verknüpft hätten, mit oder ohne dahinter stehender Absicht amerikanischer Strategen. Er spricht von einer “vereinten Kampagne”, die er mit dem Slogan “the war for American supremacy” benennt (diesen Slogen halte ich persönlich in dem ansonsten sehr nüchtern verfaßten Text für etwas plakativ).

Es sei noch zu früh, die Bedeutung dieses Phänomens abzuschätzen, aber dennoch bietet Klare einige vorläufige Beobachtungen an. Darunter am wichtigsten: Die Gefahr dieser intergrierten Strategie bestünde in “overstretch”, also der unübersehbaren, unabschätzbaren Anforderung von immer mehr militärischen Ressourcen und Personal in Operationen, deren Ende gleichfalls nicht absehbar ist. Davor hat Bush in seiner Wahlkampagne immer gewarnt, aber jetzt scheint das als Strategie praktisch verfolgt zu werden, und zwar am Persischen Golf, in Zentralasien und in Kolumbien. In allen drei Fällen mache es die Kombination dieser drei Strategien zu einem Strang schwierig, Grenzen zu ziehen.


Auch sehr interessant: Die aktuelle Nummer von "Foreign Affairs", in der sich ein ehemaliger Newsweek-Chefredakteur mit der Aussenpolitik Bushs auseinandersetzt. Er geht dabei vor allem auf die Sonderstellung ein, die die USA sich selbst zuschreiben. Insgesamt ein intelligenter und sensibler Artikel, in dem auch die verschiedenen Schattierungen zwischen den Rumsfelds, den Wolfowitzes und den Condoleezzas herausgearbeitet werden.

gHack (Nov 14, 22:05) #


Korrektur: Der Autor des Artikels heisst Michael Hirsh und er war nicht Chefredakteur, sondern Auslandschef bei Newsweek.

gHack (Nov 14, 22:10) #


"Occam's razor" -- something like "always favor the simplest explanation over more complicated ones -- isn't often much help, I think: it depends on what you think the simplest explanation is.

Are American intentions in...
Iraq: (1) Oil (2) preventing Hussein from spending oil money to acquire nuclear weapons -- which would allow him to conquer more oil producing regions and/or attack Israel.
Columbia: (1) Oil (2) protect one of the main alternatives Columbia has to cocaine production. As I understand it, Columbian oil production is relatively small.
Caspian Sea: (1) Oil (2) bases for the Afghanistan war. Bush -- or any president --would be removed from office at the next election (if not sooner) if that war had not been carried out after 9/11, whether Afghanistan was 1, 100, or 10000 miles away from the Caspian sea.

I'm not sure how bad to feel that American officials want to diversify American oil supply sources; that seems like common sense to me. But at any rate, I think that Occam's razor and Klare simplify too much in these cases. Oil exists around the world, it's a key item, you can buy stuff with the money you make from it. But it's not all there is to world affairs, and even when it's part of the equation, as in Iraq, it's more for the power it confers to a "Fuehrer" than as a resource-grab.

It may be naive of me to not be as suspicious of Bush/Cheney as Klare and others are. I think there are straightforward, honorable explanations for the war in Afghanistan and the looming one in Iraq. I wish they'd take more action to reduce American energy consumption, I agree with that criticism very much.

(Please excuse not responding in German.)

Thomas Nephew (Nov 18, 05:11) #


Thanks for your comment. What strikes me as interesting in Klare's approach (at least in this article) is precisely the claim that there's more to US politics than oil, hence I do find the criticism of an overly sharp Occam's razor a bit misplaced *especially* with regards to this article: that there exists, or is in the making, a unified strategy which combines military with economic (and also political, I would add) interests to such a degree, and with such an extensity, that merely focusing on the one or on the other for the sake of analysis or assessment incurs the risk of serious distortion.

Note also that Klare repeatedly stresses that these developments may or may not reflect the intentions of the individual actors involved. Behind this lies the idea, as I understand it, that strategies and political action have a surplus of momentum and dynamics which escape analysis when one focuses on a simple "what does the president want"-explanation. On the whole, Klare's text concentrates rather on the consequences of certain (some more, some less) discernible developments rather than on the reasons or on their moral/political justifiability. As for those consequences, he also focuses on those which affect the US the most - issues of international law, Middle Eastern politics, unilateralism/multilateralism are not even raised. This is a limitation, sure, but with concentrating on strategies and their - as Klare claims: new - interrelation, Klare introduces a level of sophistication into debate which I very much welcome, precisely, as I said, because it does not succumb to the "they just do it for oil!"-reflex known from various critics of current Iraq initiatives.

(Besides, I myself can find "honorable explanations" only if I apply a razor and cut off various important implications that this initiative has, and will have, precisely in those areas that Klare does not discuss. I doubt that this razor would be of honorable Occamian descent, though :-))

katatonik (Nov 18, 10:47) #


You're right, I misinterpreted your description of Klare's comments; I wish I could have read the Klare article myself. I suppose I'm overly sensitive about the oil argument, and see it when it isn't there.

For what it's worth, I don't think Americans want world supremacy so much as a sense that a few clear and present dangers to us are being fought vigorously, and that our right to do so is not infringed. It's about security, and that seems an "honorable explanation" to me. That may nevertheless amount to the same thing as wanting world supremacy from your or Klare's perspective. If so, I'm tempted to say "too bad," but I'd rather say it's the way you'd feel in our shoes.

The Bush administration is another matter; they've sort of been genetically selected for "overreach" by the 2000 election, and by the fairly bitter political climate in the US during the 1990s. Regarding 9/11 and Iraq, though, I think they're following American public opinion about as much as they're leading it.

At the risk of misunderstanding you and/or Klare yet again, though: I doubt there's some unconscious policy with these guys. You've probably skimmed Rumsfeld's manifesto republished on "le sofa blog", you refer yourself to Cheney's document, and there's the notorious National Security Strategy document, likely largely a Condoleeza Rice production. As far as foreign policy goes, they've been pretty up front with their intentions.

Thanks for the interesting post and discussion. I hope you or others will have the last word.

Thomas Nephew (Nov 18, 19:53) #


I myself am not concerned with unconscious policies, but with consequences which clear and documented strategies have and which may not even be obvious to the ones that devise them.
As for the "honourable explanation", it seems to me that the problem is precisely there: to put it in a somewhat simplistic fashion, giants cannot afford to behave like dwarfs. For a giant, whose steps will shake the entire neighbourhood of dwarfs whereas their steps will not even wake him from his sleep, it is more than silly to insist that he has the same right to stomp around as the dwarfs, and that they'd better not infringe on it.
As to whether precisely Irak constitutes a "clear and present danger" to the US, and as to whether waging war against Irak will serve to remove that danger - well, that's open to debate. I myself side with those who are skeptical about this.

katatonik (Nov 20, 16:58) #

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