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- 9 01 2003 - 01:06 - katatonik

Der Unvergleichliche

Der Unvergleichliche kam so vor einiger Zeit an einem sonnigen Frühlingstag in meine damalige Wohnung zu Wien. Da standen schon Umzugskisten, manche sogar schon bepackt. Es war ein Umzug von Wien nach Wien.

Der Unvergleichliche trug so ein schwarzes Leder-Gilet, wie ich es ansatzweise von Papa Zottl kannte, der in seiner Werkstatt im Waldviertel geniale Zaunholzprügelschäl- und zurechtschneidungsmaschinen erfand, in dessen Küche das katatonische Siebenjahrealt an einer Hobby-Filterzigarette zog, und dessen Traktor das katatonische Achtjahrealt fahren durfte. Das Leder-Gilet von Papa Zottl war schaf-fluff-gefüttert. Hätte das katatonische Unterzehnjahrealt das Wort “cool” gekannt, es hätte es so genannt, das Gilet. Das Gilet vom Unvergleichlichen hatte keinen Schaf-Fluff. Es war nicht mit genialen Erfindungen, rauen Zigaretten und schweren Traktoren verbunden. Es war nur blöd.

Der Unvergleichliche hatte einen großen Hund. Der Hund zog ein etwa achtjähriges Mädel an der Leine. Er hatte auch einen Haberer dabei, der Unvergleichliche.

So kamen sie also in eine versiffte Wohnung am Hernalser Gürtel, deren wesentliche Vorzüge
abgesehen vom günstigen Preis, zu dem man die Wohnung auch gut vier Jahre unbewohnt lassen konnte – ausschließlich außerhalb ihrer selbst lagen. Ausblick auf Kirche, Fahrschule, Gefängnis und Krankenhaus, somit visuelle Anbindung an zentrale Stationen des Daseins, zuzüglich Aug-in-Aug-Position mit Fahrgästen der vorüberziehenden U6, sowie rätselhafte passiv-voyeuristische Positionierung vis-à-vis dem schattenhaft durch Jalousien sichtbaren männlichen Bewohner im fünften Stock eines Hauses auf der anderen Seite des Gürtels.

Diese Vorzüge interessierten die Menagerie des Unvergleichlichen überhaupt nicht. Sie sahen sich an Wänden, bei Zuleitungen und bei Abflüssen um, weil der Unvergleichliche der Neffe der Hausbesitzerin war und ich den Mietvertrag kündigte, und weil sie nachsehen wollten.

Sie sahen hierhin und dorthin. Sie sagten wenig. Ich hatte in meiner Kündigung Anspruch auf Investitionsersatz für den Einbau einer Gasetagenheizung gestellt. Der Unvergleichliche und sein Haberer sahen sich dermaßen grantig um und mich dermaßen griesgrämig an, dass ich mich bemüßigt fühlte anzumerken, ich wolle mich ja nicht bereichern, ich würde ja nur Anspruch auf etwas erheben, was mir ohnehin zustünde.

Der Unvergleichliche sah mich an und sagte: “Zuastehn – zuastehn duad eana goa nix!” Er belohnte meinen Nichtwiderspruch mit der Zusage, meinen Bankkredit für den Heizungseinbau zu übernehmen. Er würde sich bald bei der Bank melden, versprach er.

Im Prinzip ist – oder besser: war – der Unvergleichliche so unvergleichlich, dass seine Rede indirekt nicht wiedergegeben werden kann, fällt mir gerade auf. Die indirekte Rede nimmt dem Unvergleichlichen seine Unvergleichlichkeit. Die Beschreibung seiner Rede mit Sprechaktverben – meinen, sagen, antworten – nimmt ihr ihr markantes Geblaffe, das ihr freilich wesentlich ist.


Der Unvergleichliche meldete sich nie bei der Bank. Ich meldete mich bei ihm, rief ihn am Handy an. Krank war er, hat er g’sagt. Krank, pah. Lahme Ausrede. Nach einem kurzen Austausch gewundener Blaffereien meinte er: “Schickens ma des Fax no amoi, mit der Nummer von der Frau von der Bank.” Da ich ihm besagtes Fax bereits zweimal geschickt hatte, machte es Klick im Fluff meiner Gehirnwindungen und ich blaffte ihn an. Ende der Anblaffung war so etwas wie ”... und wenn mir jemand ein Fax in so einer Angelegenheit schickt, also, ich kann es mir nicht leisten, sowas zu ignorieren!”. Ich hörte seinen Schock. Er blaffte: “Na, na, aber se können sich doch ned mit MIR vagleich’n!!!!!!” Dann legte er auf. Daher nennen die Socken und ich ihn “den Unvergleichlichen”.

Ich versuchte mehrmals, ihn über seine Handynummer zu erreichen. Erst im Abstand von Tagen. Dann im Abstand von Wochen. Dann Monate. Nichts. Da man in Österreich auf Investitionsersatz erst klagen kann, wenn die aufgekündigte Mietwohnung neu vermietet wurde, mußte ich mit rechtlichen Schritten warten.

Zwei Tage vor meiner Abfahrt nach andernorts bemerkte ich, dass die Wohnung neu vermietet worden sein mußte.

Ein Anwalt wurde gebeten, dem Unvergleichlichen zu schreiben, ihn höflich und bestimmt an seine Zahlungsverpflichtung zu erinnern und die Wahrscheinlichkeit einer Klage in den Raum zu stellen. Er erhielt Antwort von Sachwaltern, die zahlungswillig waren.

Der Unvergleichliche war verstorben.

Dass ich mich mit ihm nicht vergleichen kann, war das letzte, was er zu mir sagte. Wo hat wohl das Handy geläutet, das ich angerufen hatte? Wann wurde es von einem willentlich ignorierten Handy zu einem Totenhandy?

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