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- 30 01 2003 - 19:10 - katatonik

Über Ümlüt

Bei der hier erwähnten Umlaut-Verhumorung dachte ich sofort an einen nicht mehr auffindbaren Artikel aus der Süddeutschen Zeitung. Wolfgang Koydl, der USA-Korrespondent, war glaube ich der Autor, erschienen vor ein paar Tagen. (Vielleich kann ja Herr bov wieder den Google-Cache anwerfen?) Wenn die marodierenden Socken vorübergezogen sind, kann ich mich vielleicht an den Altpapierhaufen wagen.

Es ging um das Phänomen, dass im amerikanischen Sprachgebrauch das Präfix “über” absolut über-hip geworden sein soll. Es gab viele witzige Beispiele dafür und einen Verweis auf einen witzigen (ebenfalls online unauffindbaren) New York Times-Artikel über das Über-Phänomen.

Meine bislang nur zaghaften Erkundungen des Terrains zeitigten das Online-Magazin Über, etliche Fundstellen des Ausdrucks Über-Fan, und auch der Ausdruck über-cool scheint sich im angloamerikanischen Online-Sprachraum großer Beliebtheit zu erfreuen.

More anon.


Ha, doch noch gefunden:

"Mitten in Washington

Vor Jahren wirkte hier ein Korrespondent, dem die Leser dieser Zeitung so manchen wahren wie tiefen Einblick in Seele und Alltag Amerikas verdanken. Er war beispielsweise der erste, dem nicht nur auffiel, dass viele Gebäude in diesem Land auf ein Fundament verzichten, sondern der auch darüber schrieb. Die traurigen Folgen, so notierte er seinerzeit, bestünden darin, dass schon ein mittelprächtiger Herbstwind reihenweise Vorortvillen davontrage, worüber Korrespondenten dann dramatische Geschichten verfassen müssten, die zu den Bildern in der Tagesschau passen.

Diesem Kollegen ist auch die Erkenntnis geschuldet, dass sich der Amerikaner ungern mit Texten abgibt, die in Sprachen verfasst sind, in denen Pünktchen über Buchstaben gesetzt werden – Weltidiome wie das Finnische, das Türkische oder Deutsche. Nie hätte er sich träumen lassen, dass diese Pünktchen einmal die Vereinigten Staaten erobern würden wie eine Wolke schwarzer Mikroben.

Denn Amerikas neuestes Modewort heißt „über“, und anders als früher, als man es höchstens im punktlosen Kontext von „Deutschland Uber Alles“ kannte, sind Pünktchen heute Pflicht. Bislang war der Import deutschen Sprachguts in die englische Sprache ja eher willkürlich und zufällig. Manches gehörte irgendwo organisch zusammen wie ice-berg und U-boat (letzteres ohne Pünktchen); anderes befasste sich mit dem unteren Ende der Gastronomie wie Hamburger, Wiener sausage und Kraut; und wieder andere Lehnwörter waren wie Marmorplatten vom Tempel teutschen Denkens heruntergekracht auf die unvorbereitete amerikanische Gesellschaft: Angst, Gestalt und Weltanschauung.

Doch über verspricht zum festen Bestandteil des amerikanischen Englisch zu werden wie vor ihm nur „Gesundheit“ und der Mädchenname Gretchen. Denn über ist nicht nur cool, es ist über-cool, um nicht zu sagen über-hip. So oft stolpert man über über, dass die New York Times nun unter der Überschrift „Ach du Lieber! Don’t You Wish Über Was Over“ die Überdosis mehr oder weniger überzeugender und überlegter Übernahmen aus dem Deutschen in die englischsprachige Presse beklagte.

Da gibt es das über-genre und die über-close-ups, den über-guru und die – selbstverständlich groß geschriebene – Überdiva. Sharon Osbourne ist ein Übershopper, die womöglich Kleidung mit „elements of über-style“ kauft, derweil der über-caterer Barton Gerald viel-leicht über-traditional ist und deshalb keinen über-burger mit schwarzen Trüffeln anbietet. Selbst die über- religion gibt es schon, die alle anderen Bekenntnisse überflüssig machen soll.

Vielleicht ersetzt das „über“ als Vorsilbe ja schon bald das abgenutzte „super“. Aus Amerika würde dann der Welt einzige Übermacht, und damit würde endlich mit dem richtigen Namen benannt, wovon überdurchschnittlich viele Deutsche ohnehin schon lange überzeugt sind. Der Supermarkt würde als Übermarkt entamerikanisiert, und Superman würde zum Übermann. Der trüge dann ein großes lächelndes Ü auf der Trikotbrust, und endlich, endlich könnte sich der Fundi-Flügel der Grünen mit der amerikanischen Massenkultur aussöhnen. Überfällig wäre es ja. " (Wolfgang Koydl, SZ, 25.1.2003)

katatonik (Jan 30, 19:14) #


Der NY-Times-Artikel findet sich auf deren Homepage auch, ist aber schon kostenpflichtig, da am 19.1. erschienen.

katatonik (Jan 30, 19:17) #


Guter Artikel, der von Koydl.

gHack (Jan 30, 20:21) #


Ja, der Artikel ist klasse!
Ich erinnere mich an meine Begeisterung, als ich - damals freche 16 Jahre alt - bei meinem ersten Englandaufenthalt den Begriff "Kindergarten" dort im normalen Sprachgebrauch hörte.

Ich bin "über" die in meinem Beitrag "mißbraüchte" Werbung "natürlich" vor allem wegen der "züfälligen" Gleichheit mit meinem Nachnamen (Bülle) gestolpert - und wäre nicht gleichzeitig Jennifer Aniston auf einem anderen Kanal zu sehen gewesen, hätte ich den garantiert "strohdümmen" Film, der dort annonciert "würde" wenigstens kurz angesehen ... es ist mir sicher nichts entgangen ;-)

Bülle, Jorge Raimond (Jan 30, 23:38) #


Ein über Artikel, hihi, man lacht Tränen! California uber alles! (Die Holländer haben übrigens seit ein paar Jahren an unserem "überhaupt" einen ziemlichen Narren gefressen.)

bov (Jan 31, 10:44) #


Kürzlich in einer Hotelbesprechung im Guardian gelesen: "Uber-modern with a touch of Zen". Als ehemaliger Marc Augé-Jünger freue ich mich immer wieder, etwas über die Ubermoderne zu hören.

kutter (Jan 31, 13:22) #

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