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- 25 04 2003 - 23:45 - katatonik

Nonchalante Angebermeldung des Tages

Na gut, wenn das so ist, fang ich halt an klassisches Chinesisch zu lernen.


Das ist die ideale Gelegenheit, katatonia zu fragen wie viele Sprachen sie denn beherrscht (und ob sich die obige "Angeber"meldung auf ihre Pläne bezieht). Ich habe eine naive Bewunderung für polyglotte Menschen entwickelt. Wenn ich also lese, daß die 21jährige Viva-Moderatorin Jelena "neben Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch...außerdem noch fließend Kroatisch und Slowenisch" spricht, dann bin ich entzückt ;-)

Franz Fuchs (Apr 26, 13:22) #


Ich kenne, glaube ich, gar keine wirklich polyglotten Menschen. Nicht was die aktive Sprachbeherrschung angeht, jedenfalls. Passiv, also verstehen, kann man allerdings eine ganze Menge Sprachen beherrschen - Jelena könnte wahrscheinlich problemlos behaupten, ausserdem gut mit Serbisch, Bosnisch, Portugiesisch und Rumänisch zurecht zu kommen, zum Beispiel. Indoeuropäische Dialekte halt.

xyll (Apr 26, 13:36) #


Klassisches Chinesisch, wie Katatonik es wahrscheinlich versteht, spricht man nicht, Franz, und es ist eigentlich auch keine Sprache, sondern ein esoterisches Schreibsystem, das nur locker mit der gesprochenen chinesischen Sprache verknüpft ist. Beim klassischen Chinesisch kann man kaum richtig trennen zwischen Grammatik einerseits und literarischer Rhetorik und ähnlichen Künsten andererseits. Und man kann auch kaum von jemandem sagen, er 'beherrsche' das klassische Chinesisch. Die Chinesen oder Mandschuren etc, die sich seiner bedienten, studierten daran eigentlich ihr ganzes Leben lang - bis sie in Form der Beamtenwürde die Grundreife bescheinigt bekamen, vergingen Jahre.

Lorenz (Apr 26, 13:44) #


Beherrschen tu ich gar nichts. Mein Englisch ist mittlerweile recht ok. Japanisch geht so, konkurriert sich im Gedächtnis aber heftig mit Französisch. Zumindest ich bekomme keine drei lebende Fremdsprachen so ins Hirn, dass ich einfach von der einen in die andre schalten kann.

Vom klassischen Chinesisch gedenke ich mir ab demnächst die Unterart des buddhistischen Chinesisch anzueignen, womit die Sprache chinesischer Übersetzungen buddhistischer Texte aus indischen Sprachen gemeint ist. Eigentlich vom Ansatz her sehr interessant, denn da das Schriftsystem ja nicht phonetisch, sondern nach Begriffen aufgebaut ist, läßt sich über die Aussprache chinesischer Texte aus dem 7.Jh. heute nur wenig sagen (muß man rekonstruieren; es gibt wohl phonetische Handbücher, aber gar so einfach dürfte es das alles trotzdem nicht machen).

Polyglotterie, jaja. Meiner Ansicht nach sind sowohl aktive als auch passive Sprachbeherrschung bei modernen Sprachen extrem situativ beschränkt. Ich traue mir im Englischen einiges zu, würde aber kaum mit einem Installateur fachgerecht den Einbau einer Kloanlage besprechen können, weil sich die Situation noch nie ergab. Solange die sozialen Situationen konvergieren, kann man von Sprachbeherrschung reden, aber sobald sie auseinanderdriften, wird's fasrig. Mangelnde Sprachbeherrschung kann ja mehreres umfassen, nicht nur geringen Wortschatz oder schwache Kenntnis der Syntax, sondern auch (und in der Praxis vor allem) Unkenntnis darüber, in welchen Situationen der typische Sprecher was sagt, um wie verstanden zu werden.

Deshalb ist das mit dem "fließenden Sprechen" wohl ok, solang man sich in Sprechergemeinschaften mit konvergierendem sozialem Background bewegt und nicht etwa zwischen dem deutschen Viva-Studio und einem spanischen Dentallabor hin- und herwechseln muß.

katatonik (Apr 26, 14:29) #


wow. ich bin ja schon stolz, wenn ich hochdeutsch sprechen kann...

gHack (Apr 26, 14:33) #


"Squeegee"... sehr schön onomatopoetisch!

gHack (Apr 26, 16:25) #


"Polyglott" ist, glaube ich, nicht so anspruchsvoll zu definieren, wie xyll das macht. Meiner Ansicht nach ist eine erwähnenswerte "Sprachkompetenzschwelle" beim jeweiligen aktiven (erweiterten) Grundwortschatz, was z.B. im Französischen 2000 bzw. 4000 Wörter sind, und der entsprechenden Grammatik anzusetzen. Wenn man diese Anforderungen erfüllt, kann man durchaus behaupten, eine "Sprache zu sprechen".

Jelena könnte übrigens tatsächlich mit gutem Grund sagen, daß sie bosnisch und serbisch spricht, da die Dreiteilung von bosnisch, serbisch und kroatisch "keine linguistische Basis hat" [Jost Gippert Sprachen und Sprachpolitik in Europa pdf].

Zur situativen Beschränkung: Genau deshalb rät einem diese Seite, sich ständig mehr oder minder häufige Alltagssituationen vorzustellen - Autofahren, Einbau einer Kloanlage - und dann in der jeweiligen Fremdsprache zu artikulieren.

Trotzdem:

Perfekte Zweisprachigkeit ist wahrscheinlich ohnehin eine Illusion. Solche Zweisprachigkeit würde voraussetzen, dass man zwei Leben lebt, z. B. eines in New York und eines in Berlin, ferner, dass man im Englischen wie im Deutschen gleich viel Erfahrungen macht (Kindergarten, Schule, Ausbildung, Wehrdienst, Babypflege), die Zeitgeschichte in gleichem Maße mitbekommt, die Dialekte annähernd gleich kennt, mit der jeweiligen Literatur vertraut ist, mit den gleichen Fachgebieten vertraut ist usw.

Als Beispiel für eine beeindruckende Vielsprachigkeit habe ich mal einen Bewerbungsbrief von James Murray, dem Herausgeber des "Oxford English Dictionary", abgetippt [mein Weblog 20.8.2002 wo der Ausdruck "naiv" auch wieder auftaucht, merke ich jetzt gerade ;-)]

Franz Fuchs (Apr 26, 20:02) #


Ja, der Link war mir noch im Hinterkopf. "Perfekte Zweisprachigkeit" so zu definieren, dass man auch tatsächlich in allen erdenklichen Situationen in einer Sprache funktioniert, halte ich für etwas zu heftig (so Sprache-Welt-Ineinssetzungen stehe ich recht skeptisch gegenüber). Das tut man ja nicht einmal muttersprachlich, wie ich aus diversen Besuchen in Baumärkten, Eisenwarenhandlungen und Fahrradgeschäften bestätigen kann. Der sprachpraktische Aspekt wird meiner Ansicht nach bei Vielsprachigkeitsdiskussionen gern unterschätzt, aber ihn so auszudehnen, dass Sprachbeherrschung gänzlich in reibungslos funktionierendem Alltagsleben aufgeht, nein, das geht zu weit! Jawoll!
Vielleicht wäre eine Alternative oder Ergänzung zu "Grundwortschatz plus Grammatik" als Kriterium sinnvoll die Möglichkeit, sich in Situationen, wo eine Sprache verwendet wird, weitgehend autonom lernend zu bewegen.

Bei Beherrschung mehrerer Sprachen innerhalb einer Familie (Deutsch/Englisch/Französisch etwa) wäre ich auch vorsichtig. Man bildet sich ja oft ein, man könne da vor allem Fremdwörter lateinischen Ursprungs aus der einen Sprache bedeutungsgleich in der anderen verwenden. Haut aber selten hin. Ob mann noch von Sprachbeherrschung redet, wenn Deutsch lernende Engländer ihre lateinischen Wortinseln auf Deutsch aussprechen und meinen, damit deutsch zu sprechen?
Im Japanischen bildet man sich oft ein, aus der Form chinesischer Schriftzeichen unmittelbare Schlüsse auf die Bedeutung von Wörtern ziehen zu können.Da gibt's dann oft Pseudo-Etymologien, die gern kulturhistorisch oder philosophisch dramatisiert werden.
Tatsächlich funktioniert das nur sehr eingeschränkt - da, wo sich der Lebensbereich in China und Japan überschneidet, also bei Alltagswörtern wie "Post" oder "Bank". Wenn die Sprache abstrakter wird oder auch näher in den persönlichen Bereich rückt, brechen solche Einbildungen leicht ein.

katatonik (Apr 26, 21:00) #


Ahem. Spät, aber doch, ertauchte aus den Wellen hiesiger Lagerfeuer metaphorisch ungelenk ein passender Eintrag in Sachen Spracherwerb.

katatonik (May 13, 00:07) #

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