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- 31 05 2003 - 23:47 - katatonik

Also, irgendwie, also


”[Deutsche Christen]
Bewegung: Eine Viertelmillion Pur-Fans fährt nach Berlin, legt gelbe Halstücher an und blockiert fünf Tage lang die zentralen Plätze mit Infobuden und linkischem Chorgesang.
Aufklärung: 30000 treffen sich in der Waldbühne und lassen sich vom Esoteriksuperstar und Feudalherrscher a.D. erzählen, wie Weltfrieden funktioniert.
Widerstand: Unter Anleitung eines Saarbrücker Theologen, der als emeritierter Professor den angedrohten schwersten Konsequenzen schutzlos ausgeliefert sein wird, versammeln sich 2000 in der Gethsemanekirche und nehmen gemeinsam Esspapier ein.”

(Wörterberg, bei dem übrigens die Perma-Links nicht funktionieren).

“Esoteriksuperstar und Feudalherrscher a.D.” gelesen, gewusst, der Dalai Lama ist gemeint, und gedacht, nein, irgendwie geht das nicht.

Assoziationsknäuel aus dem Hinterkopf: Der Mann war 24, als er sein Land verliess. Davor: erzogen in einer alt-ehrwürdigen buddhistischen Klostertradition, verstrickt in Machtkämpfe von Adelsclans in Tibet und andrängenden Chinesen. Feudale Gesellschaft. Der Mann selbst versuchte, so gut es ging, Gesellschaft und Bildung zu modernisieren, zu demokratisieren, aber es demokratisiert sich nun einmal denkbar schlecht, wenn die People’s Liberation Army vor der Tür steht und im Zweifelsfall selbige lieber eintritt, als höflich anzuklopfen.

Seit seinem Exodus aus China leben er und andere Exilierte, mittlerweile in mehreren Generationen, in Nordindien. Dort: kompliziertes Kräftespiel zwischen exilierten Abkömmlingen alter Adelslinien und buddhistischer Traditionslinien, Reformparteien, die den Einfluss religiöser Würdenträger im tibetischen Exilparlament zurückdrängen wollen, neo-religiösen Bewegungen, die ihn stärken wollen, und so weiter. Fortschritte, Rückschritte, Stellentritte. Immer wieder Verhandlungen mit der Regierung in Beijing, Enttäuschungen, Demütigungen, Verhandlungen, Zwistigkeiten, Gezetere, Diplomatie. Vereinnahmungen, immer wieder, von Esoterikern bis hin zu tibetischen Traditionalisten. Neuerdings verschärfte Kritik an dem Herrn im Westen, mit neo-maoistischem Pathos, an dem sich jeder Soldat der People’s Liberation Army einen Ast abfreuen würde.

Ach ja, mit diesem ganzen Knäuel im Hinterkopf lese ich den Anwurf “Esoteriksuperstar und Feudalherrscher a.D.”, der eigentlich, wenn ich es recht verstehe, deutsche Christen, die dem Dalai Lama zuhörten, anhöhnen sollte, aber dann doch an dem Herrn selbst kleben bleibt.

“Esoteriksuperstar”: dieser seltsame Mechanismus, mit dem schwachsinnige Rezeption östlicher Religionen im Westen dann letztlich doch den östlichen Meistern selbst angekreidet wird.


Bürde des Amtes in schwieriger Zeit? Das erzählt der wahrscheinlich selber, wenn er mal nicht damit beschäftigt ist, seine Büchlein an Hinterknopfknäuellose zu verkaufen oder schwachsinniger Rezeption östlicher Religionen zu willfahren, der Ärmste. Aber es stimmt, fürs Tun deutscher Christen ist er nicht hauptverantwortlich. Permalinks funktionieren bei Blogger immer nur so weit, wie das Archiv aufgefrischt ist, was soeben nachgeholt wurde.

mv (Jun 1, 00:43) #


Der wirksamste Beitrag zur Modernisierung: Der Herrschaft entsagen.

mv (Jun 1, 00:50) #


Nächster Schritt im Spiel: die Willfährigkeits-Assoziation. Na, vielleicht sind sie nicht schuld, die Ostmeister, aber willfährig sind sie immer noch. Sie könnten sich ja vielleicht auch mal verständlicher ausdrücken, nicht dauernd so bauernfängerisch lächeln oder nicht immer so bunte Kleider tragen. Geld machen sie ja auch noch damit, die Schweine. Also echt.

Der Herrschaft entsagen? Ich hab mir jetzt mal so überlegt, wie die Geschichte Tibets und der Tibeter nach 1959 verlaufen wäre, wäre der D.L. als politische und spirituelle Integrationsfigur abgetreten. Bin auf keinen wirklich grünen Zweig gekommen.

Einerseits hätte die Sinisierung Tibets weit brutaler verlaufen können, weil dann der Stand der tibetischen Exilregierung wesentlich schwächer gewesen wäre und die Westwirkung vernachlässigenswert. (Wenn die chinesische Regierung die überhaupt berücksichtig hat; wer weiss.) Für die Tibeter in Tibet, die es zu dieser Zeit ja auch noch in grösserer Anzahl gab als heute, wäre der Abtritt wohl desaströs gewesen - kaum ist er im Ausland, vergisst er uns, usw. usf.

Ob andererseits Reformkräfte, die in Dharamsala erst heute wirklich spürbar werden, schon früher hätten werken können? Ich glaub's ehrlich gesagt nicht, weil auch ohne D.L. genug mächtige Traditionalisten in Dharamsala herumsassen, mit denen vermutlich nicht einmal ein Exilparlament hätte errichtet werden können. Vom Standpunkt der Demokratisierung gesehen scheint mir D.L. eigentlich, wenn man die Umstände berücksichtigt, die beste Option gewesen zu sein (oder das geringste Übel, je nachdem, wie man's beschreiben möchte).

Was ich übrigens eigenartig finde: dass der Linken in Europa, wenn es um die Diskussion der möglichen Veränderung tibetischer feudaler Wirklichkeit geht, meist nur gerade jene Variante missionarischen Maoismus' einfällt, die die chinesische Regierung tatsächlich vollzogen hat.

katatonik (Jun 1, 09:36) #


Im Guardian gibts diese Woche die Rezensioneiner revisionistischen Monographie über Tibet. Diese Passage dürfte katatonik gefallen:

I am all for reality on the Tibet question and indeed on the place itself. I wonder, though, if the search for reality has to start from a mythology created not by Tibetans but by westerners: knocking down nonsense does not necessarily lead to the truth; to conclude, as French seems to, that one can only campaign from a position of ignorance and misunderstanding does a disservice to the many who do see the complexities of the Tibetan situation but who still think it a just cause.

Franz Fuchs (Jun 1, 12:26) #


Hallo? Ist das professionell verursachte Sensibilität? Wenn ich grobe Verallgemeinerungen in Richtung Ostmeister oder unberufene Spekulationen über die Perspektiven tibetischer Reformbewegungen hätte anbringen wollen, dann sicherlich nicht in katatoniks Kommentarbox.

Müsste mich übrigens aber sehr täuschen, wenn die Auftritte des Herrn D.L. als Hauptdarsteller eines kleinen, feinen Zweigs der Unterhaltungsindustrie (Kongressgrussworte zu Friede Freude Eierkuchen) damit sehr viel zu tun hätten. Und dass das so ist, kann dem Herrn in Jahrzehnten kaum entgangen sein. Man könnte natürlich genauso sagen, Dieter Bohlen habe immer nur seine Musik machen wollen.

Danke für den mehrfach angebotenen Marxismus! Der Herrschaft zu entsagen würde ich dem D.L. (und anderen, mutmasslich unter der Bürde ihres Amtes ächzenden Figuren) allerdings nicht als politische Strategie empfehlen wollen, sondern als allgemeines Prinzip. Ist so ziemlich das Gegenteil von missionarischem Marxismus.

mv (Jun 1, 13:05) #


Schon klar, nicht Du schriebst von missionarischem Marxismus, mir muss es beim Antworten nur so erschienen sein.

mv (Jun 1, 13:13) #


@Franz Fuchs: Danke fürs Zitat, das ist ermunternd.

@mv: Teil eins des vorigen Beitrags war hämisches Weiterspinnen Deiner Häme, was zugegeben weder originell noch fair war. Teil zwei war unhämisches Weiterspinnen Deiner Herrschaftsentsagungsempfehlung, bzw. der Versuch, selbige als historische Möglichkeit auszuloten. Wie gesehen, hat mich das nicht weit geführt. Das hat mit dem D.L. in der Friedensindustrie nix zu tun, war ja auch nicht darauf bezogen.

Herrschaftsentsagung als "Allgemeines Prinzip"? Ich weiss nicht, was ich damit anfangen soll. Dass es gut wäre, wenn zumindest gewisse politische Amtsträger ihrer Herrschaft entsagen würden, von jeher entsagt hätten? Mein Hirnknäuel rollt sofort wieder in Richtung Betrachtung historischer Einzelfälle, aber das scheint ja nicht, die Richtung zu sein, in die Dein Knäuelanstosskatzenbein weisen möchte. Hm.

Kongressgrussworte in Sachen Frieden usw. sind für Friedensnobelpreisträger vermutlich Kerngeschäft. Für religiöse Würdenträger vielleicht ganz allgemein. Ja, und? Ich weiss nicht, wie D.L. das sieht, aber es ist bekannt, dass unter Exiltibetern zumindest in gewissen Kreisen die Verbreitung tibetischer Kultur im Westen, auch durch Teilnahme an Hollywood-Produktionen und -Events, als der Exilpolitik förderlich erachtet wird. Die Leute sind ja nicht blöd und haben die Wichtigkeit der Image-Förderung schon längst für sich entdeckt. Dass das mit den Esoterik-Wahrnehmungen der rein spirituellen Tibeterleins nicht zusammenpasst, nun ja, geschenkt. Dass die tibetische Imagewerbung gewisse Aspekte der tibetischen Geschichte auslässt, ist aufgrund ihres Charakters als Imagewerbung ebenfalls nicht verwunderlich. Ich weiss nicht, ob das noch irgend etwas mit Deinem Originalbeitrag zu tun hat.

Davon unabhängig scheint es mir aber so zu sein: Man kann sich über das Rumreisen und Rumreden des D.L. auch innerhalb gewisser Arten von Kulturindustrie empören, (a) wenn man das Mitmischen spiritueller Würdenträger in solch niederen Regionen gesellschaftlicher Wirklichkeit für mit ihrer Würde unvereinbar hält oder (b) wenn man in ihnen Scharlatane sieht, die das westliche Publikum bewusst über die Abgründe der tibetischen Geschichte oder auch der eigenen Person hinwegtäuschen wollen, (c) wenn man unabhängig von Absichten einzelner Personen solche Täuschungen und Verfälschungen als Resultat ihrer Teilnahme sieht, oder (d) wenn man diese Kulturindustrie für überhaupt daneben hält und sich statt dessen lieber mit Adornos geheimen Kolumnen für den NME beschäftigt (sensationelle Entdeckung!). Vielleicht gibt's auch noch andere Empörungsgründe, bitte gegebenfalls um einschlägige Kurzmeldung.

Mir erschiene (d) am unterhaltsamsten, (c) hingegen als interessantester Ausganspunkt für weiteres Geplauder, das dann eben von einer Diskussion der Person des D.L. (oder seiner Funktionsausübung) wegginge, woandershin.

Apropos Personenvergleiche: den Titel "Feudalherrscher a.D." für Herrn D.L. halte ich, wie bereits klar geworden sein dürfte, für unwitzig. Wenn Herr Marcos sich im Exil als philippinischer Friedensmönch hingestellt hätte, dann würde ich besagte Titulierung verstehen und breit grinsen. Zwischen Figuren solchen Kalibers und dem D.L. liegt aber mehr als nur ein paar Welten.

Ich sagte übrigens "Maoismus", nicht "Marxismus".

katatonik (Jun 1, 14:07) #


Allgemeines Prinzip: Politische Ämter, spirituelle Würden und andere Individualverkleidungen der Herrschaft sind lächerlich und daher abzulehnen. Amts- und Würdenträger, wie wir sie kennen, sind, wenn es glimpflich abgeht, an getrübter Wahrnehmung und Selbstüberschätzung krankende Angestellte der Mystifikation irriger Verhältnisse. Davon ausgehend, ist eine Erörterung z.B. der real existenten tibetischen Exilpolitik freilich nicht gut möglich, es ist buchstäblich kein Staat damit zu machen, schon klar (Schröder, drei Kilometer von hier: "Wer die Realität verdrängt, den verdrängt die Realität." u. dgl. Hoffnungslosigkeiten). Mir ist heute nur nicht danach, tibetischen Think Tank zu spielen oder "West Wing"-Drehbuchautor.

Über den D.L. bin ich übrigens gar nicht besonders empört, ist ein ziemlich glimpflicher Fall, scheint mir. Wenn er auch Grösseres für sich und die Welt leisten könnte, wenn er, statt noch hunderte Bücher und Kongressgrussbotschaften abzusetzen, einfach "Danke, das war's" sagen würde.

Du hast "Maoismus" gesagt. Du hast "Maoismus" gesagt. Du hast "Maoismus" gesagt.

mv (Jun 1, 15:26) #


öch, schade. Dabei hatte ich mir gerade überlegt, ob ich nun mehr in Richtung C.J. oder Toby gehen sollte.

katatonik (Jun 1, 15:54) #

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