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- 20 09 2003 - 18:05 - katatonik

Dienstleistungsabschiedsnostalgie

Spätvormittags mit der Zeitung zum Suppenladen oder zum Hühnersesambrot mit Erdnuß-Chili-Sauce plus Apfel-Orange-Möhren-Saft ins Stehcafé, oder, wenn die Zeit daheim vor dem PC etwas länger wurde, zum Mittagsmenü zum Steh-Inder, zum Steh-Thailänder, wenn der zu voll.

Im Regenfall statt mit Fahrrad am Direktweg mit S-Bahn am Umweg, dann am Bahnhof noch einen Saft der Woche, 0.4 Liter, bitte. Das halbe Institut ist übrigens Saft-der-Woche-Gewohnheitskonsument. Oft gibt es Himbeer-Cocktail, manchmal California irgendwas, den Rest habe ich schon vergessen. Es gibt dort eine dicklippige, schmalmündige Frau mit braunen Knopfaugen, die osteuropäisch klingend Deutsch spricht. Sie hat sich nach zwei Mal gemerkt, was ich will, und stellte als Inbegriff der Coolness wortlos das Gewollte hin. Heimeligkeitsrituale der Nachtbar-Coolness, übertragen in das geschäftige Discounthandeln der Bahnhof-Taghelligkeit. Aus unbekannten Gründen steht sie jetzt aber immer fernab der Laufkundschaftsbetreuung, die nun ein junger Dunkelmann mit Gedächtnisschwäche übernimmt. Ich suche immer wieder ihren Blick, um freundliches Wiedererkennen zuzunicken, aber sie ist einfach zu cool.

Abends zum Vinho verde zum Portugiesen, mit derselben Zeitung, die fertigzulesen das Vormittagsmahl zu kurz war, oder zum Weinladen-plus-Restaurant auf Penne mit irgendwas und Wein sowieso, oder dann eben jetzt zum Steh-Thailänder, dann aber bitte mit Singha-Bier.

Später gelegentlich einen Spazierweg zum Bunker hinüber, in die kleine Bar in dem Haus, wo ich ein halbes Jahr wohnte. Die Barfrau und mich verbindet, ebenso wie die anderen Mieter, eine ins Absurde ablachbare Leidensgeschichte wg. Hausmodernisierung, Baulärm und erzwungenen Übersiedelungen.

Ein Highlight des letzten Jahres war frühabendliches Herumsitzen mit dem knollennasigen Hausmeister, ein betagter Nordgermane, dem hakennasigen Arbeitslosen aus dem ersten Stock, der mir ungefragt Deckenlampen montierte (vom Hausmeister zwischendurch beiseite genommen: “sachense, könntense dem Mann vielleicht ein paar Euro, wär’ nett”) und der Barfrau und ihrem Freund (der wo in der “Mutter” arbeitet und da unlängst extrem stolz war, dass die Melvins vorbeikamen), bei schönem Wetter, an den Tischen vor der Bar, und man trank Biere und lästerte ab und lauschte einem Hausmeisterfreund, der Geschichten von alten Seebären und ihren schweren, metallenen Klobrillen erzählte.

Verabschiedet man sich nach einem Jahr von all den Menschen in all den öffentlichen Aufenthaltsorten zwischendurch? Die Barfrau umarmte mich letzthin zum Abschied, ich war gerührt und brachte es doch nicht fertig, ihr zumindest meine E-Mail-Adresse zu flüstern. Vielleicht schaffe ich es heute nochmal dort hin, dann aber, klar. Das Café mit dem Suchtfaktor Hühnersesambrot mit Erdnuß-Chili-Sauce hat seit fünf Wochen für eine zweiwöchige Renovierungsperiode geschlossen. Unlängst grüßte mich der überkorrekte Chinese mit dem zerfurchten Gesicht, in dessen Asia-Restaurant-Filiale ich gelegentlich zu essen pflegte, auf der Straße. Da nochmal hin und “ciao” sagen? (“Auf Wiedersehen.” – “Wozu?”) Nochmal zum Steh-Inder, sich von der langsamen und etwas enervierenden kleinen dicken Frau hinter dem Tresen verabschieden, oder von den jungen Männern dort, die sich garantiert in allerdings unergründlichen Verwandtschaftsverhältnissen zu ihr befinden? Zum Bioladen, dessen weibliches Tresenpersonal wiederholt geduldig die Kuchenstücke in der Vitrine erklärte?

Unterdessen frage ich mich schon, ob der geniale Zubereiter eines ebenfalls unergründlichen gemischten Fruchtsaftes plus Ingwer in einem Wiener Bioladen noch sein Werk tut und mich wieder erkennen wird, wenn ich da in drei Wochen antanze. Ob das Caférestaurant auf halber Strecke vom dortigen Daheim zum dortigen Institut noch existiert – letztjährig klagte man über Geschäftsrückgang wg. Tiefgaragenbau quasi vor der Haustür -, mit dem Kellnerpaar, wo sie so blonde lange Haare und so ein helles Lachen hat und er wie ein sonnengebräunter Spaniel aussieht? Die Dame mittleren Alters im Bioladen-Kräutershop-Kombinat, auch immer einen Hauch sonnengebräunter als die anderen Weibswesen dort, in ihrer Mittagsmahl-Austeileffizienz all die tumben jungen Mädels, die auch dort hackeln, wortwörtlich aus dem Handgelenk an die Wand spielend? (“Ich bin wieder da”. – “Wozu”?)

Wenn das “nochmal” dann wieder zum “noch einmal” wird.

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