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- 4 06 2001 - 14:01 - katatonik

Unlängst im Kino: Der Film mit dem kleinen “aber”

Der Student Frank kehrt für den Sommer aus Paris in die Kleinstadt zurück, in der sein Vater und auch seine Schwester in einer Fabrik arbeiten. Frank soll dort ein Praktikum absolvieren, das mit der geplanten Einführung der 35-Stunden-Woche in Zusammenhang steht.
Am Vorabend des Arbeitsbeginns ermahnt der Vater den Sohn bei Cognac am Sofa, seine künftigen Vorgesetzten auch ernst zu nehmen. Sie mögen nur Kleinstadtbosse sein, aber sie wären eben doch Bosse, und man solle es sich mit ihnen nicht verscherzen. Tu ja nicht so, als wärst du der Boss, und nicht sie.
Diese kleine Szene zu Anfang von Laurent Cantets Film “Les ressources humaines” (Frankreich, 1999) zeichnet die Konturen, die zahlreiche nachfolgende Szenen zu einem stimmigen und bekannten, aber keineswegs behaglichen Bild ausmalen werden: Frank kann sagen, tun und lassen, was er möchte, es wird stets als arroganter Kommentar des verstädterten, seiner Herkunft entfremdeten Studenten zum Dasein der von ihm verachteten, ländlichen Arbeiterschaft verstanden werden. Du glaubst wohl, du bist was Besseres. Die Arbeiter ihrerseits können sagen, tun und lassen, was sie möchten, Frank wird sie stets als in einer antiquierten Autoritätshörigkeit befangen betrachten, als gelähmt von ihrem beschränkten Horizont. Warum wehrt ihr euch nicht gegen diese tagtäglichen Erniedrigungen?
Der vom Fabrikschef überaus freundlich und zuvorkommend aufgenommene Student bemüht sich, die ins Stocken geratenen Verhandlungen zwischen Managern und Gewerkschaft durch eine unter den Arbeitern durchgeführte Umfrage wieder zu beleben. Aber so hat er es dann doch nicht gewollt: Sein unmittelbarer Vorgesetzter ersetzt die von ihm formulierten Fragen durch suggestiv-manipulative Multiple-Choice-Optionen, die Arbeiter fassen die Umfrage als Prüfung auf, als Test, anstatt sie als Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung zu behandeln; während Arbeiter in der Kantine brav die Bögen ausfüllen, durchschreitet der Fabrikschef, ganz wohlwollender Patriarch, der “seinen” Arbeitern ein bisserl Demokratie “gestattet”, die Reihen und blickt ihnen dabei über die Schulter. Nein, so hat Frank es ganz bestimmt nicht gewollt: Die von ihm geplante Umfrage dient als Schaustück innerbetrieblicher Demokratie, dessen Resultate zur Legitimierung der Kündigung von 12 Arbeitern herhalten sollen. Darunter auch Franks Vater.
Natürlich geht die Geschichte weiter. Frank wandelt sich vom eilfertigen Managerstudenten zum fiebrigen Arbeiteraktivisten (und dann doch wieder auch nicht), verliert seine Praktikumsstelle und wohl auch den in Aussicht gestellten festen Job, weil er das noch geheime Dokument über die Kündigungen publik macht. Die Arbeiter beschließen zu streiken, “ihre” Fabrik zu besetzen. Aber das Wichtigste geschieht in zwei kurzen Szenen. Über einem Bier spricht Alain, ein Arbeiter, den ermüdeten und deprimierten Frank zur zu diesem Zeitpunkt erst geplanten Umfrage an. Du kannst natürlich versuchen, die Bedingungen für die Arbeiter zu verbessern, sagt er. Aber sie sind es, die das alles aushalten müssen. Und Spaziergang wird es für sie trotzdem keiner. Etliche narrative Wendungen später versucht Frank, den in der Fabrikshalle weiter einer Maschine Metallteile zuführenden Vater zur Teilnahme am Streik zu überreden. Der Vater hebt weiter Metallteile auf. Frank explodiert. Ich schäme mich für dich. Mein ganzes Leben lang habe ich mich geschämt, Kind eines Arbeiters zu sein, weil du dich dafür geschämt hast, Arbeiter zu sein. Aber schau dir an, was daraus geworden ist: Du hast mich zu dem erzogen, der dich feuert.
“Les ressources humaines” ist nicht nur ein Film, der eine These veranschaulicht – nämlich jene bekannte, aber nichtsdestotrotz beklemmende These, dass Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster von Klassen- und Machtverhältnissen geprägt sind, ohne dass ebendiese Verhältnisse in ihnen aufschienen, ohne dass die Akteure in der Lage wären, ebendiese Verhältnisse zu thematisieren oder auch nur ansatzweise zu begreifen. “Les ressources humaines” geht nämlich einen Schritt weiter – und das macht den Film trotz einiger Holprigkeiten so gut, weil er eben nicht bloß eine These illustriert, nicht nur ein – kräftiges – Bild malt, sondern eine mit kleines, aber wesentliches “aber” anhängt: Es wäre den Akteuren auch gar nicht allein mit der Thematisierung der Verhältnisse gedient. Begreifen ist ja schön und gut. Aber es reicht nicht, und dieses kleine “aber” orchestrieren all die kleinen, unprätenziösen Szenen des Alltags, aus denen sich “Les ressources humaines” zusammensetzt, gemeinsam: Aber es reicht nicht. Aber was reicht dann? Ist es nötig, mit den Verhältnissen all jenes abzuschaffen, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind? Bedeutet das nicht, dass wir uns selbst abschaffen müßten, um die Verhältnisse abschaffen zu können? Können wir uns überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Eine Antwort hat “Les ressources humaines” nicht. Wir unsererseits haben auch nur das zu bieten, wozu wir (nach landläufiger Ansicht) da sind, nämlich weitere Informationen: Eine Rezension in der Libération, und ein Interview mit Laurent Cantet.


hai.

na ja: ansatzweise begreifen kann man es eben doch. sonst könnte ja auch keiner filme darüber drehen.

na ja: eh klar reicht das begreifen nicht. und eh klar sind die konsequenzen aus dem begreifen mühsamer als die begreifenden sich das vorstellen. das problem bei den avantgarde intellos ist immer, dass sie zur beleidigten leberwurst werden, wenn die classe ouvrière nicht sofort so spurt, wie sie es gerne hätten. die paar ausnahmen kann man zählen. laurent cantet, von dessen film ich leider nur gehört habe, scheint zu ihnen zu gehören.

thx for the links.

praschl (Jun 4, 14:42) #


guten nachmittag auch. mit dem "begreifen" bezog ich mich (etwas verknappt) nicht darauf, ob wir beim nachdenken oder filmemachen überhaupt was kapieren können, sondern auf das besondere phänomen, dass diejenigen akteure, die in einer bestimmten situation stehen, oft schon allein deshalb, weil sie da drin stehen, nix begreifen können (zu beschäftigt mit'm drinstehen), und ihnen das begreifen und thematisieren ja auch für die problemlösung nix nutzt.
zur veranschaulichung möge der folgende dialog dienen:

vater: ... du glaubst wohl, du bist was besseres.

sohn: deine klassenspezifischen wahrnehmungsmuster belasten dich mit unsicherheitsgefühlen bezüglich deines eigenen status, weshalb du mit dem vorwurf der besserwisserei auf leute reagierst, die sich nicht in die in deiner klasse üblichen verhaltungsmuster einordnen lassen. nix für ungut, papa, und noch'n cognac bitte, mama.

vater: (haut dem junior eine aufs maul.)

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zusätzlich zu den von dir angesprochenen leberwurstbeleidigtheiten auf seiten der intellos wundert und ärgert mich eigentlich, dass umgekehrt der arbeiter so blöd sein darf, wie er will, er gilt als revolutionäres subjekt und wird deshalb (oft) vergöttert. wie viele arbeiter müssen eigentlich noch fpö wählen, damit marxistischen theoretikern und praktikern die fragwürdigkeit dieser annahme auffällt?

katatonik (Jun 4, 17:33) #


hey, cataleptic recoders, why does this commenting facility strip "br"-tags from comments? awake, anyone?

management (Jun 4, 17:38) #


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cataleptic recoding department (Jun 4, 17:59) #

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