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- 29 02 2004 - 12:28 - katatonik

Türkise und Betroffene

In der U-Bahn-Station abends schleicht ein kleiner Kerl mit türkisem Steppmantel herum. Er schnorrt sich von einer Mädchengruppe am Bahnsteig zur nächsten. Aus dem Augenwinkel sehe ich das, während der Infoscreen gross meldet, der österreichische Finanzprokurator würde Maria Altmann, Klägerin im Fall der Klimt-Bilder-Restitution, kritisieren. Er kritisiert sie! Oh! Neuigkeit! Nachricht! Meldung!

Aber warum und wie, das sagt der Infoscreen nicht, er blitzt weiter zu einer Lokalrazzia in Ottakring, im Verlaufe derer die Sicherheitsbeamten mit Weissderteufelwelchenorganendesrathauses Küchen inspizierte, bei barbusigen Damen die Aufenthaltsberechtigungen kontrollierte und gegebenenfalls durch den begleitenden Schlosser gleich die Schlösser zu Lokalen austauschen liess, wenn wo ein Gewerbeschein fehlte. Auch der türkische Bäcker, dessen Backstube sich gegen Mitternacht noch geöffnet zeigte, wurde gehörig abgestraft. Damit die Betroffenen, ja, die Anrainer, damit sie sich sicherer fühlten. Die von Unterhaltungslokalen und nächtlicher Nahversorgung Betroffenen, das muss einem auch erst einmal einfallen.

Der Türkise steht vor mir und murmelt etwas in Sachen Geldbegehr. Ich schüttle stumm den Kopf (weiss immer noch nicht, warum ich bei manchen Typen Kopf, bei anderen Kleingeld schüttle). Er tritt fünf Zentimeter näher und murmelt weiter, Sex, sexy boy, und so. “Schleich di”, sage ich knapp und schaue ihm dabei nicht in die Augen. Er geht sofort zur nächsten Mädchengruppe am Bahnsteig, die ihn irgendwie witzig findet.

Stunden später, ganz woanders, betritt der Türkise ein Lokal, in dem eine Tanzveranstaltung abgehalten wird. Er holt sich etwas von der Theke, was nach Cola rot aussieht. Er setzt sich an den Rand der Tanzfläche, überprüft lange Zeit seine Schuhe, zieht sie aus und wieder an, umständlich, widmet sich dann mit konzentrierter Erschöpfung seinem Tabak. Immer wieder sehe ich ihm zu. Es sieht aus, als würde er etwas lesen, von einem Stück Papier, als würde er verzweifelt etwas begreifen wollen. Aber vielleicht schläft er auch.

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