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- 11 06 2001 - 01:01 - katatonik

langeweilend gelangweilt

Polemiken haben den Vorteil, dass sie meist gelesen werden (weil unterhaltsam), und den Nachteil (für die, die wie unsereiner nach Erkenntnisgewinn streben), dass die polemische Absicht oft zu Ungenauigkeiten führt, die der polemische Ton vor denjenigen, die Unterhaltung wünschen, noch dazu verbirgt. Wir hingegen sind so fad, und so durch und durch ununterhaltbar und ununterhaltend, dass uns selbige sofort ins Auge stechen.speak for yourself, honey. I’m fun through and through! – anyone pass me a bucket of cold water, pleeeeze, the sock needs a bath!
Rudolf Burger verfaßt unter dem Titel “Die Irrtümer der Gedenkpolitik” ein “Plädoyer für das Vergessen”, das sich im Kontext zeitgenössischen Beharrens auf der Erinnerung als moralischer Tugend und politischer Notwendigkeit ohne weiters als Polemik lesen läßt. [Im Standard vom 9./10.6., Link gibt’s noch keinen. Eine ausführlichere Fassung ist in der aktuellen Ausgabe der “Europäischen Rundschau” enthalten, die ich noch nicht gesehen oder gar gelesen habe.]
Nachvollziehbar ist die Beobachtung, das man von Kollektiven wie Gesellschaften oder Völkern als Subjekte nur im übertragenen Sinn sprechen kann. Trauma, Schuld, sowie Bewältigung derselben könnten sinnvollerweise nur bei Individuen angenommen werden; die Übertragung solch individualpsychologischer Begriffe auf Kollektive als Subjekte sei sinnlos, und entspringe ironischerweise genau demjenigen völkischen Denken, das dem Ursprung des von allen zu bewältigend angenommenenm dem Nazismus, eigen sei.
Ironischerweise geht es aber in dem ganzen Text um “erinnern” und “vergessen”. Deren Subjekthaftigkeit werden nicht thematisiert. Aber wenn Kollektive nicht wirklich Subjekte von Schuld und Leiden sind, sind sie doch wohl auch nicht Subjekte geistiger Tätigkeiten bzw. Zustände wie “erinnern” oder “vergessen”, oder? Müßte man hier nicht ebenfalls von bestenfalls metaphorischer Redeweise ausgehen? Dann wäre der Polemik, die mit der Forderung endet, Vergessen sei “nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondern auch ein Akt der Redlichkeit”, wohl einiges an Pointenstärke genommen. Und wenn man genau hinliest, sieht man, dass Burger selbst bei Erinnerung und Vergessen jene Verwischungen zwischen Individualpsychologie und kollektivem Verhalten unterlaufen, die er so kräftig anprangert. Tatsächlich geht auch mir die Psychologisiererei des Umgangs mit Geschichte erheblich auf die Nerven, so ganz als Individuum, aber so einfach sollte es sich nicht einmal ein Polemiker machen.
Gleich daneben im “Standard” steht übrigens ein Text des Historikers Dirk Rupnow, der sich mit dem Thema “Vergangenheitsbewältigung” von etwas anderer Perspektive befaßt, und zwar durch die Gegenüberstellung von öffentlichem, ritualisiertem Gedenken mit stillem, verinnerlichten Einzelgedenken. Wenn ich ihn recht verstehe, bricht er zumindest indirekt eine Stange für ersteres, bei gleichzeitigem Verweis auf den problematischen Charakter des psychologisierenden “Bewältigungs”Ansatzes dies vor allem vor dem Hintergrund der (reichlich absurden) unlängst erfolgten Berufung auf stilles, authentisches Privat-Gedenken bei Peter Westenthaler und Peter Sichrovsky, die einer öffentlichen, hochoffiziellen Gedenkveranstaltung in der Hofburg fernblieben. Weitere Diskussionsbeiträge sind angekündigt.

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