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- 8 04 2004 - 22:15 - katatonik

Parallelfolter am Rande der Zivilisiertheit

Die zweite Staffel der Serie “24” lebt von zwei parallel agierenden Männern: dem amerikanischen Präsidenten Palmer und dem Terrorismusbekämpfer Bauer. Terroristen wollen in Los Angeles eine Atombombe hochgehen lassen. Beide Männer wollen das verhindern.

Der Präsident mutmasst eine Verschwörung im inneren Kreis, vermutet, sie würde vom Chef der National Security Agency ausgehen. Er beauftragt einen jungen Agenten, den bereits verhafteten Chef zu verhören. Wie weit dürfe er gehen, fragt der junge Agent. So weit, wie er es für nötig hält, sagt der Präsident. Später beobachtet der Präsident am Bildschirm, wie der junge Agent dem Chef immer höhere Stromstösse versetzt. Der junge Agent hätte ihm erzählt, auch der Chef hätte dasselbe Folter-Immunisierungsprogramm absolviert wie er, sagt der Präsident, damit die zunehmende Stromstärke gleichsam entschuldigend. Wie die Folter ausgeht, erfährt man in dieser Episode nicht.

Gleichzeitig verhört Agent Bauer einen islamistischen Terroristen, der weiss, wo sich die Bombe befindet, das aber überraschenderweise nicht sagen will. Zwei Bildschirme werden aufgefahren. Über Satellitenverbindung sieht man die Familie des Terroristen, Frau und kleine Knaben, an Stühle gebunden. Vermummte Agenten mit Schusswaffen umkreisen sie, die da schreien und wimmern und klagen. Sagt der Terrorist nicht, wo die Bombe ist, knallen die Vermummten seine Familie ab, brüllt Agent Bauer.

Über Telefon untersagt der Präsident Bauers Vorgehen. Die zivilisierte Nation der USA macht so etwas nicht. Agent Bauer geht mit dem Mobiltelefon aus dem Vorraum zurück in den Raum mit den beiden Bildschirmen, aus denen die Kinder schreien, und dem Terroristen, der bald zusammenbrechen wird. Agent Bauer bedankt sich, für den Terroristen hörbar, beim Präsidenten für seine Unterstützung.

Am Bildschirm wird schliesslich der erste Sohn erschossen: Einer der Vermummten tritt von vorn an den Stuhl heran, kippt ihn nach hinten um, beugt sich über das liegende Kind und feuert in seine Richtung. Man sieht nur den Rücken des Vermummten. Der Zuschauer weiss hier längst, es handelt sich um ein Fake, eine Drohkulisse. Aber der Terrorist bricht zusammen und verrät, wo die Bombe ist. Minuten später, als der Terrorist bereits aus dem Raum gebracht ist, sagt Agent Bauer den Schergen, sie könnten jetzt den Satelliten wieder auf Direktübertragung schalten (damit es auch wirklich jeder Zuschauer weiss).

Die konstruierte Situation extremer Bedrohung von Millionen von Menschen. Was ist erlaubt, was nicht. Der Präsident lässt den Verschwörungsverdächtigen aus innerem Kreis foltern. Der Präsident verbietet die Ermordung von Kindern zum Zweck der Terroristenerpressung. Der Agent gaukelt dem Terroristen mithilfe moderner Technologie die Ermordung von dessen Kind vor. In der Episode davor war ein Agent von Terroristen zu Tode gefoltert worden. Der Schluss wird nahegelegt, dass die freie Gesellschaft in Extremsituationen ihren Feinden jene Folter nur vorgaukelt, die diese wiederum real praktizieren.


(Gefangener Moslem wird weggesperrt, Latino-Rhythmus wird eingeblendet.)
Gefangener Moslem singt "Guantanamera", drei Minuten lang. Schnitt zum exakt wiederhergestellten World Trade Center. Agent lächelt.

gHack (Apr 9, 00:00) #


das ist sehr krank. neuer grad an vertiertheit? oder schon im dekadenten rom gehabt?

typ.o (Apr 9, 08:31) #


Ich finde das sehr spannend, sehr aufschlussreich und dann immer erst im letzten Moment sehr feige (immerhin, würde ich sagen). Mehr über den US-Moral-Mainstream und seine Grenzen im 9/11-Zusammenhang kann man kaum lernen, anderswo. Und alles beginnt damit, dass Jack Bauer aus pragmatischen Erwägungen einen (in diesem Moment) Unschuldigen erschießt. Das ganze ist auch eine immer wieder ziemlich konsequente Auseinandersetzung mit dem Thema Triage und Ausnahmezustand.

OT: Könnten Sie mir bitte kurz mailen, damit ich Ihnen zurückmailen kann, wg. des so freundlichen Wien-Übernachtungsangebots im Mai? Danke.

Ekkehard Knörer (Apr 12, 15:07) #


Zum OT: Ich sitze derzeit an einer fragwuerdigen gestohlenen WLAN-Connection in Muenchen und komme erst sonntags wieder ans redliche Heimnetz mit gefaellig konfiguriertem Mail-Klienten. Ich melde mich dann bei Ihnen, Herr Knoerer.

katatonik (Apr 13, 13:02) #


machen sie mal, wir bringen das auf impersonation.rec raus

LaTaiga (Apr 20, 19:20) #

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