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- 7 11 2004 - 00:05 - katatonik

Filmgeographien

In der Laserzone, einem DVD-Laden in Zürich, gibt es auch eine kleine Regalabteilung “Bollywood”. Dort fand ich, was ich online bereits gesucht hatte, nämlich eine DVD von “Ashoka”, einem Bollywood-Film aus dem Jahr 2001 mit Shah Rukh Khan in der Titelrolle des legendären Maurya-Kaisers.

Die Bollywood-Abteilung war, wenn ich mich richtig erinnere, irgendwo neben Japan, China, Hongkong, Thailand und anderem Asiatischem. Anime hatten natürlich ihre eigene Abteilung, mit Sub-Abteilungen.

Unter Bollywood fand ich aber nicht nur die gängigsten Bollywood-Schinken (“Devdas”, “Khabie Khushi Khabie Gham”), sondern auch Mira Nair’s “Salaam Bombay” und “Kamasutra”, auch Satyajit Ray’s “Apu Sansar”.

Diese Zuordnung ist sehr eigenartig. Keiner der drei Filme wurde von der Filmindustrie in Bombay produziert, die man gemeinhin “Bollywood” nennt. “Salaam Bombay” und “Apu Sansar” liessen sich, wenn auch auf unterschiedliche Weise, gar als Anti-Bollywood-Kino verstehen (nicht, dass das ihre Hauptabsicht wäre, aber es ist eben sehr anderes und gegenläufiges Kino). “Kamasutra” passt noch eher in die Schublade, aber auch nur, wenn sie bereits offen steht.

Liegt diese seltsame Sortierung daran, dass für entlegene Filmkulturen, für die der Laden nur ein paar Vertreter im Lager hat, nur eine Rubrik zur Verfügung gestellt werden kann, aus Platzgründen, oder weil man nicht gar zu viele Klassifikationen vornehmen möchte, um die Kundschaft nicht zu verwirren? Oder ist diese Zuordnung Symptom? Schluckt Bollywood in der Imagination des europäischen Filmsehers jetzt alles, was in Indien produziert wird? Gibt es für ferne Filmländer nur eine begrenzte Anzahl von Vorstellungsschubladen, oder darf von denen jeweils nur eine einzige offen stehen?


ist wohl so: je ferner die kultur liegt, desto weniger verschiedene schubladen sind für sie vorgesehen. nicht nur im DVD-laden. immerhin ist das dort nicht ein laden, wo man, sagen wir, Eat Drink Man Woman oder Die rote Laterne zwischen 0815-samuraischinken, thai-schundkrimis und mangafilmen rausklauben muß, allesamt aus einer lade mit aufschrift "Eastern(!)" - geordnet, wenn überhaupt, höchstens alphabetisch.

*

auch schön: daß man einen full-length-bollywoodschinken über ashoka drehen kann, ohne auch nur ein bißchen buddhismus drin.

caru (Nov 7, 13:03) #


hast du den film gesehen? ich finde den hochinteressant.

buddhismus ist da schon viel drin, deucht mir. immerhin bildet das ende eine hochdramatische konversionsszene am schlachtfeld, unter den dahinfaulenden leichen der von ashoka teils höchstpersönlich dahingemetzelten bevölkerung von kalinga. berührungen mit dem buddhismus zwischendrin gibt es auch. vermutlich weniger, als in den (buddhistischen) ashoka-legenden, die den buddhistischen charakter des herrschers natürlich gern in spuren in die zeit vor seiner legendären konversion hineinlegen. aber immerhin. buddhistische mönche rennen da auch immer wieder durchs bild; buddhaskulpturen dekorieren hintergründe; ashokas zweite frau ist natürlich buddhistin (und wird von seinem vater deshalb explizit abgelehnt) ...

man könnte es auch so sehen: an der vielgestaltigen legendären persönlichkeit von ashoka wurde in diesem film das element des großen herrschers, der eine innere reise über extreme grausamkeit zu einsamer bekehrung durchmacht, herausgegriffen. insofern könnte man auch sagen, dass drei stunden lang die bekehrung zum buddhismus vorbereitet wird.

was an dem film interessant sein kann, wäre einerseits eine gegenüberstellung zu verschiedenen ashoka-biografien, so als vergleich von legende zu legende. interessant finde ich auch sich zu überlegen, inwieweit elemente indischer heldenepen, die man von anderswo kennt (ramayana, mahabharata), die darstellung des ashoka in diesem film geformt haben (exilierung des königs, dramatik des brudermordes). da gibt es sicher viele anspielungen, die für ein indisches publikum als "codes" funktionieren, referenzpunkte zu weit verbreitetem heldenlegendenbestand. (frage mich auch, inwieweit das indische filmpublikum mit ashoka vertraut ist, im vergleich zu rama oder dem mahabharata sicher weniger, oder?) ich würde auch gerne von kunsthistorikern mehr über die sehr detailreich aufgebauten pappmache-kulissen erfahren. der aufwand, den sie da betrieben haben (auch bei den massenszenen am schlachtfeld, die sehr an "braveheart" erinnern), ist schon gigantisch.

dass man, wenn man schon einen bollywood-film über ashoka macht, sein leben bis zur konversion aufgreift und das danach im abspann ausblendet, scheint mir übrigens nur konsequent oder sogar unvermeidlich.

mal ehrlich: durch ein befriedetes reich zu reisen und hie und edikte in die landschaft zu meisseln, das gibt für einen bollywood-film als stoff nicht gerade viel her. dann schon lieber die entwicklungsgeschichte eines helden, angereichert mit liebesverwicklungen und -tragödien.

bollywood und der historische film, auch so ein thema. ich kenne eigentlich kaum große historische bollywood-schinken. gibt's die eigentlich?

katatonik (Nov 7, 14:02) #


sollte mir den wohl nochmal anschaun. wenn ich den text in einer anderen sprache als hindi höre, krieg ich vielleicht mehr mit und schlafe vielleicht auch nicht ein dabei *rotwerd*

aber seltsam, daß hindikenntnismangel und fallweise trancezustände es geschafft haben, ausgerechnet die buddhistischen elemente für mein hirn auszublenden. an wüste kampfszenen kann ich mich bestens erinnern. hmmmm.

meinem gefühl nach ist jeder zweite bollywoodschinken in irgendeiner weise nach ramayana- oder mahabharata-handlungsmustern gestrickt (gern trennungs- und wiedervereinungsromanzen à la rama und sita bzw. bruderzwist à la karna und arjuna) - muster dieser art ließen sich bestimmt auch in Ashoka finden. (was aber nichts heißen muß, mit ein bißchen mühe finde ich die auch bei homer oder in der artussage.) wie genau hält sich der film eigentlich an das, was man historischerseits über ashoka weiß? keine ahnung. ich seh nur felsedikte und mittelindische verbalformen, wenn ich den namen höre.

nehme mal an, daß ein inder mit gymnasialbildung ashoka ungefähr so gut kennt wie unsereins karl den großen oder herzog leopold. rama &co. sind sicher um ein vielfaches lebendiger, allein schon wegen der comicheftchen. gibt es ashoka-comicheftchen? (julius cäsar kennt man ja auch wenn, dann aus asterix.)

und bollywood-historienschinken? gabs nicht ein paar so mogulzeitromanzen? wers jedenfalls auf die leinwand geschafft hat, ist http://www.akbarkhanstajmahal.com. sonst? mal den herrn hindilektor ausquetschen, der weiß sowas.

Dharma Wheel

caru (Nov 7, 21:05) #


da ist eine klammer falsch, da. kursiv gehört nur das wort man. unfähig *mir auf den kopf hau*

caru (Nov 7, 21:07) #


nochmal den link: shah jahan

caru (Nov 8, 22:45) #

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