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- 7 12 2004 - 21:57 - katatonik

Laufbahn

Gelernt hat er eigentlich Tischler.

Als ich ihn kennenlernte, vor 19 Jahren oder so, war er Tischler in einem großen Möbelhaus. Später heiratete er, zwei Kinder wurden geboren. Er wechselte zu einem großen Sesselhersteller. Scheidung. Irgendwann neue Freundin und Schulung zu Logistikexperten im Unternehmen, weiss nicht, was vorher kam. Da schien er dann schneller, mit Laptop hier und Laptop dort, mit der Freundin am Wochenende zu Grand-Prix-Rennen, Erzählungen, wie denn der Schumi so wirklich sei. In den letzten Jahren muss er irgendwann die Firma gewechselt haben, warum auch immer. Er arbeitete bei einem Fenster- und Türenhersteller.

Er ließ sich umschulen zum Versicherungs- und Bausparberater. Unglaublich. Alle würden ja seinen neuen Arbeitgeber eher mit dem Bausparer verbinden, wegen der Werbung auch, aber in Wirklichkeit hätten die ein viel breiteres Spektrum – Versicherungen, Haushalt, Unfall, Haftpflicht, Vorsorge, Jugendvorsorge (Jugendvorsorge!), alles. Er hat dafür viel gelernt. Schulungen, Schulungen, Schulungen, alles neben seinem Vollzeitjob bei der Fensterfirma. Es wäre schwierig gewesen, den neuen Job zu bekommen, weil dort eigentlich jahrelange Erfahrung im Verkauf vorausgesetzt würde. Aber es sei ihm gelungen, den neuen Chef zu überzeugen. Er würde es schaffen, hätte er gesagt, er würde die Erfolge bringen, er würde die Kunden bringen. Der Chef gab ihm den Job. Da fiel dann die ganze Anspannung von ihm ab, sagt er.

Er ist geschult. Man kann mit ihm kein Gespräch führen, das sich verliert. Wahrscheinlich hat man ihm beigebracht, dass er immer auf den Punkt zurückkommen muss, immer die Übersicht behalten, immer die Gesprächsführung bei sich behalten, ohne sie an sich zu reißen. Seine Zeit tickt, auch wenn er nach wie vor diese freundliche Langsamkeit im Gespräch hat, die er schon vor 19 Jahren hatte, als er Wham-Platten hörte und immer viel mehr über Austropop wusste als ich, und das ganz selbstverständlich, ohne Ironie.

Im Gespräch das Gegenüber abtasten, aber nichts antasten. Berufsleben, Liebesleben (im angemessenen Bereich, also über Lebensgefährten und Ehepartner fragen, wenn es welche gibt, sonst gar nichts sagen, niemals), Feiertagspläne. Eins nach dem anderen.

Er würde natürlich niemandem etwas aufschwatzen, jetzt, da, aber seine Mutter würde ja viele Leute kennen, und da hätte schon eine Nachbarin von ihr wegen einer Versicherung angerufen. Oder die Lebensversicherung des neuen Mannes seiner Ex-Frau. Die hätten sie vorgestern geregelt. Aber so wäre das eben. Wenn man jemandem erzählt, dass man jetzt im Versicherungsbereich tätig sei, naja, da hätte doch jeder was zu fragen, zu tun.

Wie das jetzt mit dem Jobwechsel so wäre? Jetzt würde er bei der Fensterfirma aufhören, ja, aber in den drei Wochen bis zur Kündigung würde er noch mit den Stammkunden sprechen wollen. Hausverwaltungen, die brauchen doch immer Versicherungen, da kann man schon ein bisserl reingehen so in die Akquise.

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