Go to content Go to navigation Go to search

- 20 12 2004 - 20:25 - katatonik

Rooftop rumbling

Dachbodenausbau in Wien – manchmal glaubt man, eine ganze Stadt wird da oben raufgebaut, Stadtteile aus Billiggipsplatte dort, aus ordentlichem Mauerbau woanders, aus Treppchen und Giebelchen hie, aus Nischen und Terrassen dort. Wenn man sich im Sommer da nach oben bewegt, muss man vermutlich erst eine dicke Rauchschicht aus Grilldampf durchstoßen. Wenn man durch die Stadt radelt, sieht man in den inneren Bezirken manchmal ganz merkwürdige Bauungetüme, Häuser mit komischen Hüten, die nicht zu ihnen passen.

Auch im Haus, in dem ich wohne, wurde der Dachboden ausgebaut, das letzte, dieses letzte Jahr. Es gab Versammlungen davor, Notariatsakte, hin und her, Verhandlungen um Leitungserneuerungen, deren anteilige Bezahlung, deren Durchführung. Sachverständige zogen mit Digitalkamera und Diktiergerät in Begleitung des Bauleiters vor Baubeginn durch die Wohnungen im letzten Stock, um bestehende Schäden zu dokumentieren – damit bei Bauende klar ist, welche Schäden wirklich durch den Dachbodenausbau verursacht wurden, und welche also vom dafür verantworltichen Bauunternehmen dann auch behoben werden. Dann kam viel Bohren und Pumpern, immer so schön ab sieben Uhr früh. Man darf ja, lernte ich, in Österreich ab sechs Uhr früh bauen und werken (in Italien, so beschieden mir meine italienischen Zwischendurchfluchthelfer, dürfte man das frühestens ab neun). Ich lernte seltsame Zwischenzustände kennen, nicht schlafend, nicht wachend, bewusst, und doch nicht. Dämmerung, die nicht weiß, wohin.

Die Bauarbeiter kamen aus Kärnten, das ganze Bauunternehmen war von da: Baubiologieexperten. Der Chef musste bei den Versammlungen mit den Hauseigentümern natürlich gleich ein paar Buchteln gegen “die Wiener” (“de Weana”) ablassen, was taktisch ungünstig war, weil sich die Anwesenden (allesamt nicht wirklich Wiener) dann übermäßig orthodox wienerisch verhielten und die rhetorische Sau zurück ins Kärntner Bergdorf trieben. Dann ließ der Bauunternehmer auch ein paar rhetorische Watschen auf ausländische Bauarbeiter runtersausen, ned, also, mir moch’n jo olles mit österreichische Fiamen, gell. Am häufigsten hörte ich auf der Hausbaustelle, die das ganze Haus war, Slowenisch; die Lehrbuben des Installateurs konnten sich mühelos mit den angereisten Maurern des Bauunternehmers unterhalten. Sie haben viel gearbeitet, die Angereisten: meistens von Montag bis Donnerstag oder Dienstag bis Freitag volle Wäsch’, damit sie dann einen wochenendangrenzenden Tag frei hatten.

Schäden gab es, aber nichts Aufregendes, nicht für mich. Wenn das am Dachboden lagernde Bodenmaterial abgeräumt wird, hebt sich die Decke des obersten Hausgeschoßes. Dadurch bilden sich Sprünge an den Mauerkanten, mal gröber, mal weniger grob. Wenn der Boden im Dachgeschoß betoniert wird, senkt sich die Decke wieder ab, aber die Sprünge bleiben natürlich. Zwei zartgelbe Wasserflecken an der Decke bemühten sich, mir geografische Rätsel aufzugeben (Irland oder Brasilien?). Der Nachbar hingegen wurde praktisch in Physik unterwiesen, als die Außenwand zum Gang hin mehrmals nach innen bröckelte, begleitet von Wasser, das aus gesprungenen Rohren floß, mehrmals.

Es gibt jetzt einen neuen Aufzug. Es gibt neue Leitungen, Strom, Gas, Wasser. Es gab Tohuwabohu, weil der Installateur gewisse neue Wasserleitungen nicht bis zu Wohnungseingängen gezogen hatte, wie er hätte sollen, damit die Wohnungen einfach “umgehängt” werden können. Es gab auch Tohuwabohu, weil manche Wohnungsinhaber fürs “Umhängen” bezahlen mussten, andere nicht. Es gibt noch kleine Ausläufer von Tohuwabohu deswegen. Es wird noch Reparaturen geben, des durch Gerüstlagerung ruinierten Hofgartens, der Wasserflecken, der Sprünge. Der Flurbereich wird ausgemalt werden, wenn der dazu verpflichtete Verkäufer von Dachboden und Wohnungen dazu Lust hat, wenn ihn nicht seine zahlreichen G’schaft’ln im, äh, Antiquitätenbereich davon abhalten (“G’schaftlhuber”, ein Wort, das unlängst einer Deutschen erklärt werden musste, war aber nicht so schwer, die gibt es dort ja auch).

Letzte Woche verschwand das Gerüst an der Außenseite des Hauses. Junge Männer kamen mit Kartons voll Hausrat und Möbelplatten. Der Aufzug fuhr erst, als sie wieder weg waren, wie praktisch.

Drei Wohnungen sind entstanden. Eine hat E. gekauft, eine alte Freundin von J. und S. aus dem ersten Stock, den Lieblingsnachbarn. Eine andere hat V. gekauft, eine gute Freundin meines unmittelbaren Nachbarn H. (der wiederum ehemaliger Arbeitskollege von E. und J. ist, sowas ergibt sich zufällig). Heute traf ich zufällig J., als sie nach oben fuhr, und fuhr mit.

Es ist eine andere Welt da oben. Keine gelblich bedruckten, eingegrauten Wände, keine klapprigen Bodenfliesen im Flur, keine nackten Glühbirnen als Gangbeleuchtung. Der Flurboden spiegelt in glänzendem Dunkelgrau, die Wände repräsentieren matt, die Lichter bleiben desinteressiert. In den Wohnungen lebt es sich durchdacht, mit schönen Raumaufteilungen, eingemauerten Schranknischen, Fußbodenheizungen, Schrägfenster mit Blick auf Doppeltürme (AKH links, Votivkirche rechts), viel Licht, so ein bisserl praschlig mit Stich ins IKEA. Gut abgedichtet ist da jetzt über mir; ich höre E. nicht tapsen. Heizkostenersparnis, klar. Wir haben ein neues Dach am Haus, auch gut, das alte war ja sowieso schon hinüber, sind sie ja immer, die alten Dächer. Von außen sieht man wenig, ein paar Fensternischen ragen aus dem Dach, verhältnismäßig dezent. Ein Haus ohne Hut, nur mit Haarreifen.

Aus dem zusammengestoppelten Wasserrohrbruchleben da unten, in den anderen drei Geschoßen, gleitet man in den Hochglanz sich zusammenzimmernder Magazinexistenzen, so in etwa fühlt sich das an. Würde man nur mit dem Aufzug von ganz oben nach ganz unten schweben, wüsste man nichts von dieser Stadt, davon, wie sich die ehemaligen Bassenawohnungen zu größeren Räumen zusammenbauten, wie vor brüchigen Decken durch Einzug von Rigips-Zwischendecken kapituliert werden mußte, wie sich alte Leitungen ungenützt in Mauern verstecken, wie noch ein paar windschiefe Holzfenster mit Schaumstoff zugestopft werden (die Gangfenster wurden auch getauscht, sind jetzt aus Kunststoff, zweiflüglig), wie ein paar Bewohner immer noch mit Filzschlapfen zum Gangklo gleiten, wie andere Heizölkanister schleppen. Man ahnte nichts von quadratischen, von rechteckigen Räumen mit zweiflügeligen Fenstern plus Oberlichte und Heizkörpern unterm Fenster, von schlecht schließenden Holztüren mit schnorkeligen Metallklinken, geschwärzt – von Zimmern mit unaufgeregten, weil architektonisch unvielfältigen Blickwinkeln. Von verkrusteten Gasherden und grünlich schimmernden Abwäschen, von undichten Duschtassenverfugungen und hinterlassenen Spiegelfliesen. Von ockerfarben lackierten Gittern vor Gangfenstern, die jeder halbgebildete Einbrecherlehrling mit einem kleinen bösen Blick zur Öffnung brächte. Von Leben aus Spanplatte und Rigips.

Der Neid nagt, aber er frißt nicht.


Die Gästewohnungen unserer Züriberg-Villa werden ähnlich aussehen, Baby.

gHack (Dec 20, 21:03) #


Sie unterschätzen meine Testament-Einschleimungs-mit-anschließender-spurenloser-Vergiftung-Talente. In spätestens einem Jahr sind die Ottakringer Dachböden unser. (Wer braucht da noch Züriberge.)

katatonik (Dec 20, 22:56) #


Hm. Riecht nach territorialem Bandenkrieg mit den Jungs vom Kent-Clan. Vielleicht die Thaliastrasse als cordon sanitaire nehmen?

gHack (Dec 20, 23:17) #


Ich vertraue eher auf hausinterne Verstärkung: (a) Albanische Kräfte aus dem Keller, (b) die austrotürkische Jugend aus dem 3. Stock. Wenn ich den Fünfjährigen da auf meiner Seite habe (was nicht schwer sein wird, weil ich mich nach dem unerwarteten, bedauerlichen Ableben seiner Großtante in meiner Nachbarwohnung als großzügige Trösterin etablieren werde), und seinem Mini-Schwesterchen (oder Brüderchen, was weiß ich denn) gelegentliches Austoben auf der Terrasse versprochen habe, helfen sie mir beim Gifttransport sicher gerne. Und jetzt alle: "Onkel Dachwohnungsbesitzer, nimm doch ein köstliches Baklava!"

katatonik (Dec 21, 12:59) #


Mit Ihnen muss ich mich um meine immobile Zukunft wahrlich keine Sorgen machen, o Teuflischste!

gHack (Dec 21, 20:56) #


Während die mobile Zukunft mit Ihnen, also wirklich, Ihre Bandscheiben, das macht doch Sorgen, macht das. Au weh.

katatonik (Dec 22, 02:43) #


Halb so wild. Kriegen wir alles wieder hin.

gHack (Dec 22, 09:14) #


Wenn sogar Sie das sagen, bin ich beruhigt.

katatonik (Dec 22, 10:11) #

  Textile Help