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- 2 04 2005 - 14:32 - katatonik

Million Dollar Baby

(Whoever needs this warning: spoilers ahead.)

Nicht nur, dass es einiges an “Million Dollar Baby” nicht gebraucht hätte, eigentlich bräuchte es den ganzen Film nicht.

Im Kino selbst war ich ziemlich erschlagen, vor allem, weil ich vorher nicht viel über den Film gelesen oder gehört hatte und von der tragischen Wendung daher einen ordentlichen Tritt in die Magengrube erhielt, gepaart mit festen Kneifern in die Tränendrüsen.

Je mehr ich dann danach darüber nachdachte, umso entbehrlicher, umso verschenkter, umso ärgerlicher wurde mir der Film. Typischer Fall von “was haben die denn nur alle” angelegentlich euphorisierter Kritiken.

Die junge Boxerin, naja, Pseudo-Protagonistin. Letztlich geht es doch um den alternden Trainer und seine Seelenqual, seine verlorene Tochter. Vater und Tochter, aber mehr Vater, und die Tochter aus Vaterperspektive, schon vom ganzen Ansatz her, denn den Vater begleitet die Off-Stimme seines langjährigen Kollegen. Boxen als Lebenstraum des white trashMädels my ass am Schluss bleibt Paralyse, nichts mit Kampf und Befreiung, nur Kampf und Tod. (Muss ja tragisch ausgehen, es kann sich ja kein unterprivilegiertes Mädchen nach oben schlagen und dort glücklich verbleiben, kommt doch immer was dazwischen, von Kinderwunsch bis schicksalhafte Bestrafung durch hinterrücksen Faustschlag.) Dieses Schutzmotiv, komisch, wird ihr immer wieder (und dem Zuschauer immer wieder) eingehämmert, dass sie sich immer schützen muss; es passt nicht zu Traum und Kraft. Nun gut, ich hätte einfach lieber einen Film über eine Frau mit einem Ziel gesehen, die auch tragisch scheitert, muss ja nicht im Gesinnungsstrudel alles gut ausgehen; aber nicht einen Film über einen alternden Mann, der eine komplizierte Beziehung zu einer jungen Frau mit einem Ziel entwickelt. Mehr darüber, wie sie sich in dieser Welt zurechtfindet, mit den anderen Boxerinnen, wieseligen Boxmanagern, mit dem Publikum, der Anerkennung, den im gleichen Club trainierenden Männern, weniger darüber, wie ihr Trainer sie in dieser Welt zurechtrückt.

Diese Offensichtlichkeit, mit der die An- und Vorzeichen reingehämmert werden, die ständigen Wiederholungen, bis auch der letzte Trottel im Publikum jeden Hint kapiert hat (Zitronentorte, klar, Diner, sicher, schon, als wirs zum ersten Mal sehen, wissen wir, die letzte Einstellung führt uns dorthin zurück). Fingerzeigfilm.

Dann aber auch diese erstaunliche Unfähigkeit des Films, das Boxen, seine Härte, seine Schinderei visuell umzusetzen: diese stets gleichen Kampfaufnahmen in stets gleichem Ablauf, die Kamera umkreist die Boxerinnen, die Kamera schneidet kurz auf ihre Beinbewegungen, die Kamera blickt ihnen nach, Halbtotale, Schnitte ins Publikum. Blut, ja. Blutleeres Blut aber.

Mehr als einmal gedacht: Die Off-Voice braucht der Film, damit er zumindest von Härten erzählt, denn sehen, nein, sehen tut man sie nicht. Vom bewussten Ermüden des Trainierten durch den Trainers ist die Rede, so lange, bis der Trainierende nur noch die Stimme des Trainers hört, nur auf sie hört, sonst nichts. Dazu sehen wir, wie Maggie am Strand entlangjoggt. Wir sehen, wie sie die Boxbirne bearbeitet, einmal sehen wir, wie sie erschöpft ist, aber eigentlich sehen wir das nicht. Von der Physis des Boxtrainings zeigt der Film im Grunde genommen nichts. Merkwürdig unhaptisch.

Auch die Krankheit: zwei, drei Einstellungen, die die Mühsal der Gelähmten belegen eher denn vermitteln, berühren, darstellen. Eine Amputation so mirnichts, dirnichts in fünf Minuten abhaken. Dass die vom Hals abwärts Gelähmte versucht, sich durch Abbeissen der eigenen Zunge das Leben zu nehmen, erzählt die Off-Stimme, dann ein paar Bilder von ihrem blutüberströmten Gesicht (Beleg!), und die Narration kann sich erneut von ihr zurückziehen.

Indizienfilm: Das Gezeigte als Indiz dafür, dass es in der Geschichte vorkommt, dass man es somit abgehakt hat, nicht das Sichtbare als Weg, sich dem Unsichtbaren anzunähern.

Sorgfalt der Inszenierung, nein, wirklich nicht. Licht/Schatten, Kontrast, klar, hat man die erste kontrastreiche Szene im Boxclub gesehen, weiß man, da kommen noch viele nach. Nicht Konsequenz oder Sorgfalt, eher das einfallslose Beharren auf einem einmal entdeckten Mittel, oder einfach Mutlosigkeit (Publikum nicht überfordern).


Nicht dass ich grundsätzlich widersprechen will. Aber eigentlich ist das, was Sie so schön Indizienfilm nenne, das Grundprinzip von Hollywood (mit wunderbaren Ausnahmen, klar) und hat schon seine Schönheiten, von der leichten Verständlichkeit mal abgesehen. Hollywood ist - cum grano salis - Einübung in Dauer-Abstraktion, Kunst der Narration, nicht der Darstellung, der Berührung und der Vermittlung. Nach den Regeln der eigenen Kunst blöd wird es da, wo Erklärungen und Verdopplungen diese Indizien-Stenografie verwässern, und das passiert bei Million Dollar Baby ja in der Tat dauernd. Erstaunlich, wie es dem Film gelingen kann, dank weniger Reduktions-Gesten von aller Welt als Indiz eines Nicht-Hollywood-Films akzeptiert zu werden.

knoerer (Apr 4, 09:19) #

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