Go to content Go to navigation Go to search

- 27 06 2001 - 11:32 - katatonik

Texte, die wir mit beachtenswerter Regelmäßigkeit nicht verstehen

Ich sage es jetzt mal offen und ganz unqualifiziert, so frisch heraus und ganz und gar ununtermauert, wie es mir dieses Medium nun mal gestattet: Ich halte Isolde Charim – eine Philosophin, die recht oft in der österreichischen Tageszeitung “Standard” einen “Kommentar der anderen” veröffentlicht – für eine Autorin verwirrter und verwirrender Texte mit verwirrten und verwirrenden Gedanken. Was hier was bedingt, kann ich nicht beurteilen, denn mich hinterläßt das alles in höchst verwirrtem Zustand. Das ist vielleicht die Pointe der Charimschen Texte: im Leser einen Zustand höchster Verwirrung zu erzeugen, der selbigen davor zurückhält, die Verwirrtheit des Textes selbst als solche zu erkennen. Wäre das beabsichtigt, so wäre das vermutlich ziemlich clever.

Ich halte Isolde Charim für eine Repräsentantin des Austroschwurbeltums, das dadurch charakterisiert ist, dass mangelhafte sprachliche Ausdruckskraft mangelhafte Klarheit im Denken zu durchwegs mangelhaften Texten formiert, in einem Umfeld, in dem mangelhafte Qualitäten eines öffentlichen Diskurses dazu führen, dass derlei Mangelhaftigkeit nicht erkannt wird und nicht bemerkt werden darf. Denn, wo doch die Regierung so böse ist, dürfen ihre Gegner nicht kritisiert werden, sonst machen sie sich ja selbst zum bösen Regierungsschergen. In der Tat hatte Charim in einem Kommentar in der wöchentlich erscheinenden Stadtzeitung “Falter” einmal behauptet, die Kritiker der Kritiker der Regierung wären eo ipso Befürworter der Regierung. Handelt es sich dabei nicht um eine mir entgangene dialektische Volte, so handelt es sich wohl um ausgemachten Unsinn. Ich frage mich bei Charimschen Texten wirklich sehr oft, ob es sich tatsächlich um den Unsinn handelt, den ich da lese, oder ob ich einfach zu dumm bin, um die Feinsinnigkeit zu entdecken. Da ich allerdings der Ansicht bin, dass ich so dumm nun auch nicht wieder bin, komme ich je nach Laune zum Schluss, sie hat sich halt etwas ungeschickt ausgedrückt, oder sie denkt und schreibt tatsächlich Unsinn.

Als Leserin von Charims Texten habe ich stets das Gefühl, da holpert ein Hirn vor mir hin, auf gedanklichen und sprachlichen Krücken. Da will sich etwas ausdrücken und schafft’s nie so recht, behauptet sich aber dennoch ganz ungeniert und mit grosser Lautstärke, und ohne jeden Zweifel an sich selbst. Traurig finde ich das. Noch trauriger finde ich, dass gewisse Unsinnigkeiten (siehe oben) dann in weiterer Folge unwidersprochen bleiben. Man muß nicht jeden Blödsinn kommentieren, aber wenn Blödsinn nicht nur fortlaufend ungeahndet bleibt, sondern auch fortwährend durch Publikation gewissermaßen geadelt wird, dann stimmt da etwas nicht.


Hier schreibt Isolde Charim über Robert Hochner, den langjährigen Moderator der Nachrichtensendung “ZeitimBild 2”, der unlängst an Krebs verstorben ist. Charim bezieht sich auf eine mittlerweile berühmt gewordene Szene – die ich leider nicht gesehen habe -, in der eine Moderatorenkollegin von R.H. im Studio zu weinen beginnt, eine weiße Rose auf den Tisch legt und es verläßt, während im Hintergrund das Bild des lächelnden Hochner zu sehen ist. Abschied der Kollegen, mit einer “Mischung aus Inszenierung und emotionalem Ausbruch” (Charim). Kardinal Franz König hatte davor gesagt: “Er wird nicht mehr zu uns sprechen.” In der Wiener Stadtzeitung “Falter” erschien ein zweiteiliges Interview mit Hochner, das letzte, das er gab. Da gibt es verdammt viel Stoff zu diskutieren, zu philosophieren, zu problematisieren: die Entwicklung des österreichischen Rundfunks parallel zur Entwicklung des politischen Systems der Nachkriegszeit, das Umgehen mit medialen Mechanismen von Seiten der Rundfunkarbeiter ebenso wie von Seiten der Politiker, die Auswirkungen einer parteipolitisch durchwachsenen Öffentlichkeit – die eben deswegen keine wirkliche Öffentlichkeit ist, weil in ihr stets private, nicht im eigentlichen Sinn politische Interessen Prio rität besitzen – auf den so genannten “öffentlich-rechtlichen” Rundfunk. Ach ja.

Isolde Charim aber denkt nach über das “zu-uns-Sprechen” von “Kirchenmännern” und Moderatoren:

“In der Kirche sind die, die sprechen jene, die das Wort verkünden. Dabei ist der Inhalt ebenso wichtig wie der Akt des Verkündens, der die Gemeinschaft um den Sprecher versammelt. Wenn Hochner in diesem Sinn zu uns “gesprochen” hat, dann muss sein Sprechen – unabhängig von den Inhalten – selbst etwas bewirkt haben. Wenn er im Falter-Interview meinte, “das Gefühl des Massenpredigens trifft die Sache nicht”, so steht diesem Gefühl der objektive Effekt gegenüber: Er hat sehr wohl seine “Zusehergemeinde”, so das Wort des Kardinals, um sich geschart. Robert Hochner sprach zu uns, weil er uns ansprach. Und er hat uns angesprochen, weil er uns versicherte, dass er er bleibt, egal was passiert. Damit gab er uns die beruhigende Garantie, dass auch wir wir bleiben, egal was passiert. Hochner selbst beschrieb diese Verbindung mit seinem Publikum im Falter so: “Wir haben halt gemeinsam viele Pannen dieses Landes mit überlebt (!). Ich vor der Kamera, die vorm Schirm.””

Behauptete Sakralität: Der “objektive Effekt” des Sprechens im Fernsehen wäre nun mal der der Schaffung einer Kirchengemeinde. Bedeutet das, dass jede Form öffentlicher Rede unweigerlich sakrale Dimensionen annimmt, oder nur die des Fernsehens?

“Die herausragende Position vor der Kamera ist jedoch nicht genug, um diese Gemeinsamkeit, um uns unsere Identität zu verbürgen. Sonst wäre Hochner ja keine Ausnahmeerscheinung im Fernsehen gewesen. Dazu braucht es also mehr.”

Während unklar bleibt, welche Formen öffentlicher Rede nun genau wie sakral sein können oder gar müssen, wird zumindest geklärt – beziehungsweise behauptet -, dass Hochners Ansprache nicht allein aufgrund seiner Moderatorenposition sakrale Wirkungen gezeitigt hätte, denn sonst hätten das ja auch andere Fernsehansprachen gehabt, und das hamse offenbar nicht, weil sie nicht das Lächeln hatten, das Hochnersche Lächeln, dank dessen “Hochner das Eigenständige in einer großen Maschinerie verkörpert” hat, das “Zeichen seines immer bestehenden Vorbehalts gegenüber allem Geschehen und allen Aussagen war”, das “den Einspruch des Individuums gegen die Macht und die Mächtigen” ausdrückt, mit dem gleichzeitig “der partikularen Position derjenigen, die er interviewt hat und ihren meist parteipolitischen Interessen eine universelle Sprecherposition gegenübergestellt” wurde. Das Lächeln symbolisiert den “universellen Einspruch des Individuums gegen die Macht und die Mächtigen”. “Robert Hochner verkörperte durch sein Lächeln das Subjekt mit all seinen Konnotationen: autonom, selbstinitiativ, eigenständig.” Wir halten fest: Hochner lächelt als Individuum mit Universaleinspruchsfunktion.

“Die österreichische Paradoxie liegt nun darin, dass das Subjekt in einer Person verkörpert wird – sozusagen als Stellvertreter für alle anderen, die dadurch keine Subjekte sein müssen und sich entspannt zurücklehnen können, im beruhigenden Wissen, dass diese notwendige Position besetzt ist. Dies ist eine – spezifisch österreichische – Form der Erlösung. Dies erklärt auch die Hilflosigkeit, in der er das Land durch seinen Abgang zurückließ – insbesondere aber jene seiner Berufskollegen.”

Noch mal ans Festhalten: Der Moderator Robert Hochner lächelt auf eine offenbar einmalige Art, die eine sakrale Wirkung seiner Rede garantiert. Somit schart er seine Zusehergemeinde um sich wie kein anderer Moderator. Weil er lächelt, ist er ein Subjekt, das ist er aber als universeller Sprecher. Das Hochnersche Lächeln ist nun Ausdruck von (Symbol für?) eine® “österreichische Paradoxie”. Somit scheint es nur in Österreich vorzukommen, dass Moderatoren lächeln, dass Fernsehmoderatoren als Subjekte auftreten, und dass Fernsehen mit gewissen sakralen Assoziationen besetzt ist oder werden kann. Dass Subjekte andere vertreten, ist sowohl in Medien anderer Länder als auch in deren po

[Hier beschloß ein böswilliger Import-Bot, der Text sei zu lange, und amputierte ihn.]


zum zweiten absatz: es gibt sehrwohl kritik auch von regierungsgegnerInnen an isolde charims kommentaren, reden, auftritten etc.... die finden sich dann eher selten im standard (aber wo denn konkret: hmmm - bereits die gründung der demokratischen offensive (vor allem die küchengeschichte) stieß auf kritik ....

chra (Jun 27, 22:28) #


klar gibt's kritik. aber in medien wie standard oder falter scheinen mir beiträge von isolde charim oder auch doron rabinovici doch seltsam kritiklos über die bühne zu laufen. auf den text von charim, in dem sie den kritikern an der kritik komplizenschaft mit der regierung nahelegt oder sogar unterstellt, gab es, soweit mir erinnerlich, gar keine kritische reaktion. (nu ja, da war einer der zahllosen leserbriefe, mit deren abfassung ich kokettiert habe, war dann aber zu faul oder zu langsam dazu.)
das mit der demokratischen offensive verstehe ich eigentlich überhaupt nicht: wer sind sie, was machen sie?
für mich sah das damals so aus, als ob da plötzlich ein paar leute auftreten und für sich eine doch recht bombastische art der repräsentation behaupten ("wir sind der widerstand"), aufgrund ihrer bereits etablierten namen auch anerkannt werden, und damit hat sich's. dann reisen sie als widerstandsvertreter nach portugal oder so und sprechen mit eu-typen. sehr sonderbar.
ich habe einmal auf die homepage der d.o. eine freundliche frage gepostet: wer seid ihr denn so, wie seid ihr organisiert, was wollt ihr, wer legitimiert euch, usw. da wollte dann keine rechte antwort kommen, die platte blieb auf "wir sind alle nette leute mit den richtigen ansichten" hängen. naja, das sind meine arbeitskollegen auch.
mit "gettoattack" habe ich übrigens ähnliche probleme; die sache mit dem "label", unter dem man da disparate zugänge zusammenfassen will, hab ich nie so recht kapiert, und die slogans bzw. filmchen, die von seiten gettoattack kommen, finde ich meist voll daneben, haarscharf (aber doch) am humoristischen ziel vorbei, und oft auch weniger haarscharf am politischen.
küchengeschichte? hab ich jetzt nicht präsent, bitte um aufklärung. es grüßt, k.

katatonik (Jun 28, 11:10) #


nachtrag: allzu viel scheint sich bei der d.o. auch nicht zu tun. auf ihrer http://.../>homepage wird die kundgebung am 16.3.2001 immer noch ANGEKÜNDIGT.

katatonik (Jun 28, 11:13) #


Ja, genauso habe ich den Artikel von
Isolde Charim heute (9.1.11)über “Christenverfolgung” in der taz empfunden. Immer am Ziel vorbei und unangenehm verwirrend.

Anna B. (Jan 9, 22:57) #


Nun habe ich mal eine Veröffentlichung von Ihr gelesen (“Der Althusser-Effekt”).

Ich denke es ist beides. Zum einen fehlt oft das Verständnis für die Diskurse und Begriffe. Es sind Sprachspiele in der modernen Theologie (der WISSENSCHAFT). Diese Sprachspiele sorgen für Ab- und Ausgrenzung.

Dann ist es aber auch ein idealistisches Spiel. Worthülsen um Worthülsen und wenig konkretes. Am Ende steht nur die Verwirrung – mindestens für Uneingeweihte. Allerdings musste ich sagen dass ich diese Problematik auch in teilen der Althusser Primärliteratur hatte, und so verhält es sich auch mit anderen Sozial- und Geisteswissenschaften. Aber keine Sorge, die sogenannten Naturwissenschaften sind hier kein Deut besser unterwegs und fabrizieren ihre Wahrheit indem sie versuchen Daten für sich sprechen zu lassen (also Daten interpretieren und sich dann hinter eine Neutralität stellen). Schlimmer noch: durch ihre aktuelle Dominanz beanspruchen diese “die Wahrheit”. Damit ist Wissenschaft leider die Religion der heutigen Zeit – ich sage leider, denn zur christlichen Predigt und Quacksalberei möchte ich auch nicht zurückkehren.

Zu guter letzt muss ich sagen dass ich Charim nur aus diesem einen Buch “kenne” – ich habe ein paar Kommentare in Tageszeitungen gelesen und muss sagen, dass diese noch verwirrter wirken und in sich unbegründeter sind als die Zizeks. Allerdings kann dies auch dem Format geschadet sein.

Nun ist es aber “Mode” dass Philosophen, und selbst wenn sie sich als solche tarnen die den Marx (in guter wie schlechter hinsicht) gelesen zu haben, zum politischen melden, denn sie sind, ganz gleich ob sie das kritisch oder unkritisch sehen, nach wie vor die Elite der Staatslegitimität.

Genug gelabert. Meine email findest du oben, falls dieser Beitrag je gelesen werden sollte.

j@debugbag.com

J (Jan 30, 00:35) #

  Textile Help