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- 12 07 2001 - 11:42 - katatonik

Ein bisserl Bollywood in Graz

Als jemand, der vor fast schon zehn Jahren erfolglos versuchte, ein Festival des indischen Unterhaltungsfilms in Wien zu organisieren, komme ich an einem Hinweis auf die Filmschau–plus–Rahmenprogramm “Bollywood” im Grazer Forum Stadtpark (13.–15.7.) nicht vorbei und um einen Besuch trotz lockender Gegenangebote bei Henso’s wohl auch nicht herum.

Raj Kapoor im Staube vor Nargis

Vier Filme gibt’s zu sehen: zwei von Mani Ratnam (“Bombay”, “Dil Se”), einen von Yash Chopra (“Silsila”), und einen Klassiker von Raj Kapoor (“Shree 420”).
Mani Ratnam (1956–) stammt aus Tamil Nadu, also Südindien, und gilt zunächst als Revolutionierer der südindischen Filmindustrie, die mit ihrem Zentrum Madras in jüngerer Zeit der traditionellen Filmstadt Bombay erheblich Konkurrenz macht. Ratnam ist bekannt für seine Bearbeitung politischer Konfliktstoffe im klassischen Format des “Masala”–Films, also des meist dreistündigen Epos, voll bepackt mit Familienehre und Leidenschaft, Romanze und Krawall, Liebe und Slapstick, Korruption und Tradition. “Bombay” (1995), Ratnams erster Film in Hindi und für ein Hindi sprechendes Publikum, behandelt die Liebe zwischen einer Muslima und einem Hindu vor der Kulisse der Unruhen zwischen Hindus und Moslems 1993, angefacht durch die von fanatisierten Hindus betriebenen Zerstörung der Babri–Masjid–Moschee in Ayodhya. In Indien war der Film natürlich höchst kontroversiell, da in der überhitzten politischen Atmosphäre beide Seiten dem Film vorwarfen, die Verantwortung der jeweils anderen herunterzuspielen. Davon abgesehen halte ich “Bombay” für ein interessantes Experiment, das die Grenzen des Masala–Formats anschaulich macht – ein ebenso melodramatisiertes wie melodramatisierendes Format eignet sich zur Veranschaulichung komplexer politischer Sachverhalt nun einmal nicht, sondern allenfalls zu deren (no na, wie der Wiener sagt) Melodramatisierung.
Das wird wohl auch in “Dil Se” (1998) nicht anders sein – den ich noch nicht
gesehen habe –, wo sich ein Journalist in eine schweigsam–abweisende Frau verliebt. Die stellt sich nun bald als Kamikaze–Bomberin mit Absichten auf ein Präsidenten–Attentat heraus. Wir zitieren den Verleiher des Films in England, Kumar Ahuja: “Yes it has a love story, but there’s no fighting –– just five minutes I think –– it’s a very entertaining movie. It has a political theme, but the way it is made it is so beautiful, the audience leaves happy.’‘
Glücklich verläßt das Publikum meist auch die Filme von Yash Chopra (1932–), der immerhin schon seit 1959 im Geschäft ist und wohl als Indiens erfolgreichster Regisseur von Unterhaltungsfilmen gelten kann. Die Familie Chopra eröffnete übrigens 1997 ein Büro in London, 1998 eines in New York, von wo aus sie die Distribution der von ihnen produzierten Filme im Ausland zu organisieren gedenken. Das ist mittlerweile, dank der wachsenden indischen Präsenz vor allem in den UK und USA (in den Golfstaaten haben Inder immer schon gearbeitet, allerdings weniger als Softwarespezialisten denn als Bauarbeiter), gar kein so ein kleines Geschäftchen nicht. Die Chopras planten auch ein eigenes Studio in Bombay zu errichten, dem Vernehmen nach das erste Filmstudio Indiens mit Air–Condition. Auch die Aufnahme von Dialogen soll dort live möglich sein – bis dato werden Dialoge im indischen Film durchgehend nachsynchronisiert.
“Silsila” ist (nach Rachel Dwyer) ein “quintessentially romantic movie”; Chopra selbst beschreibt seinen Stil als “glamorous realism” – romantische Themen, emotionale Destillate, melodramatische Effekte, aber trotzdem schön mit Realismusmascherln behängt. Viel Aufwand wird betrieben um die elegante Sinnlichkeit der Damen, nicht weniger Aufmerksamkeit wird der Suche nach romantiktauglichen Drehorten gewidmet. Nachdem die politische Situation in Kaschmir es Chopra verunmöglichte, die dortigen pittoresken Seen– und Gebirgslandschaften weiter als Kulisse für seine Filme zu verwenden, wandte er sich der Schweiz zu. Angeblich ist ein bestimmter See, an dem Chopra immer wieder filmt, dem dortigen Touristenbüro bereits als “Chopra–See” bekannt. Auch in Deutschland soll Chopra bereits gefilmt haben – jetzt, da auch andere indische Filmemacher die Schweiz als Drehort endteckt haben.
“Silsila” gilt als erster indischer Film, der das Thema Ehebruch nicht nur behandelt, sondern auch tatsächlich zeigt, und zwar ganz und gar nicht als moralisch verrottet und gänzlich verwerflich. Sympathisch an Chopras Filmen ist, dass sowohl Männern als auch Frauen das Recht auf mehrmalige Liebe zugestanden wird, und auch – für Indien sehr ungewöhnlich – das Recht auf Sex mit mehr als einem Partner (ähem, nacheinander). Nichtsdestotrotz, so die Botschaft, bürgerliche Verpflichtungen sind zu achten und zu ehren, man hat den Ehepartner so gut als möglich zu lieben, die amouröse Vergangenheit ruhen zu lassen und die des Partners mit Vergebung und Großzügigkeit zu behandeln. “Silsila” erregte in Indien nicht zuletzt deshalb Aufsehen, weil die beiden Hauptdarsteller Amitabh Bachchan und Rekha – beide mit anderen verheiratet – während der Dreharbeiten eine Affäre gehabt haben sollen; solche “reel life/real life”–Verknüpfungen gibt es im Bollywood–Kino ja öfter.
Ebenso wie andere von Chopras Filmen war “Silsila” vor allem unter der bürgerlichen Elite und den “NRIs” (non–resident Indians) in den USA oder in Großbritannien erfolgreich; beim eher konservativeren indischen Publikum unterer Gesellschaftsschichten kam er, wohl hauptsächlich wegen seiner liberalen Haltung zum Ehebruch, nicht so gut an.
Da die Filme von Raj Kapoor (1924–1988) hierzulande wohl kaum bekannt sind, zunächst ein bisschen Beeindruckung durch Bekanntschafts– und Bekanntheitsaufzählung: Ein Mann, der Charlie Chaplin – mit dem er übrigens oft verglichen wird begegnete – und Harry Truman die Hand schüttelte, nach dem eine sovietische Arbeitersiedlung benannt wurde und den Yuri Gargarin bei seinem Bombaybesuch als ersten sehen wollte. (Hier ein bisserl mehr zu Kapoors Fama in der Sovietunion.)
Als Showman versieht Kapoor neorealistische Elemente mit komödiantischen Untertönen, zeigt soziales Herz in seiner Vorliebe für Außenseiterfiguren. “I am poor, so what? I have a song in my heart and a future ahead – this was the keynote of his carefree approach to life and love. It was a kind of street translation of Nehru’s broadly humanist socialism.” (Chidananda Dasgupta) “Shree 420” (1955), benannt nach der Nummer des Betrugsparagraphen im indischen Strafgesetzbuch, ist eine typische Großstadtabenteuergeschichte: Raju, ein junger Mann mit Universitätsabschluß und “Ehrlichkeitsmedaille”, macht sich auf in die große Stadt Bombay, wo er nach und nach erkennen muß, dass am bösen Großstadtpflaster für einen grundanständigen Kerl wie ihn kein Platz ist. 420 km sind es auch von Rajus Ausgangsort nach Bombay, 840 ist das Kennzeichen des pompösen Stadtautos, das er durch vorgetäuschte Ohnmacht anhält und das ihn in die Stadt bringt. Ist Raju ein kleiner Betrüger, so sind die Stadtmenschen gleich doppelt so schlimm. Der Gassenhauer “Meera joota hai jappani” aus “Shree 420” wurde sogar ins Fidji übersetzt. Tja, und “RK films”, Kapoors Produktionsfirma, hat mittlerweile sogar eine Homepage.
Zum Drüberstreuen noch ein Link zu einem Interview mit dem inzwischen 90jährigen Homi Wadia, einem Filmpionier Indiens, der in den dreißiger Jahren legendäre Action–Filme mit dem weiblichen Superhelden “Fearless Nadia” drehte.


Bolly Wood ist scheiße

ooooooooooof (Oct 9, 11:40) #


dieser bolly aber auch, tststs.

katatonik (Oct 9, 23:01) #

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