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- 20 12 2007 - 00:02 - katatonik

Ambivalente Punkte

Manche Punkte in dem, das sich so rückwirkend als akademische Laufbahn konstituiert, sind im Bezugsuniversum uneindeutig.

Wir haben den einen oder anderen akademischen Grad erreicht, fein, einen Artikel publiziert, ein Buch gar, hurrah. Das ist vielleicht im eigenen Leben ambivalent (will ich nicht eigentlich etwas ganz anderes?) oder im Gedanklichen (bin ich mit dem Artikel, dem Buch wirklich zufrieden?), aber in signifikanter Weise eindeutig: Im Bezugsrahmen des Akademischen sind solche Dinge eindeutige Erfolge, sonst nichts.

Nach der Dissertation häufen sich, deucht mir, die ambivalenten Punkte. Stellen anzustreben ist ambivalent, da sie mehr Anbindung an Strukturen bedeuten, was gut für die Zukunft sein kann, aber auch weniger Zeit für das Eigene gestattet, das, was man zu diesem Zeitpunkt als das Eigentliche sieht (Denken). Stellen zu bekommen ist dementsprechend einerseits gut (Sicherheit), andererseits schlecht (weniger Freiheit und Zeit für Eigenes). Stellen gar nicht zu bekommen ist schlecht (Versagensgeruch), andererseits möglicherweise auch gut (wollte man eh nicht, man hat sich nur beworben, weil man ein Zeichen setzen wollte, oder Sicherheit erlangen, oder sonstwas).

An der zweiten Stelle einer shortlist zu landen ist gut, weil immerhin, schlecht, weil eben zweite. Wenn man bisher immer nur an schlechteren Stellen oder gar nicht gelandet hat, sofern man Stellen anstrebte, ist es vielleicht mehr gut und bedarf größeren Mengen sprudelnden Weines.

An zweiter Stelle in der Reihung zu landen, ja, das sind so Situationen: Plötzlich bekommt man Nachrichten von Beteiligten, Kommissionsmitgleidern, die einem, im Spektrum rashomon-artig, das eine oder andere mitteilen wollen. Fast Entschuldigungen, auf jeden Fall Aufforderungen für weiteres Fortschreiten, in Richtung Dieses oder Jenes. Man ist jemand, irgendwie. Aber man ist gleichzeitig auch niemand, immer noch. Das muss nichts Schlechtes sein.

Letztlich ist man in der Situation gefordert, den Unterschied zwischen Jetzigem und langer Sicht zu machen: dass man über die jetzige Enttäuschung, die unweigerlich ist (nicht erste Stelle) in die komplexere, langfristige Situation (wollte man überhaupt den Job, könnte einem die Dynamik der Zweitreihung hier nicht auch anderweitig nutzen) zu denken.

Das ist emotional sehr schwierig.


Ich drücke Ihnen sehr die Daumen, dass Sie durchhalten und Vieles erreichen, was sich auch subjektiv als voller Erfolg anfühlt. (Bin diesem Lebensweg schon früh feig von der Schippe gesprungen – hauptsächlich wegen dem von Ihnen geschilderten Geeiere.)

Kaltmamsell (Dec 20, 07:05) #


oh, danke!

katatonik (Dec 20, 07:59) #

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