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- 31 05 2008 - 21:51 - katatonik

Gemütlichkeit, gestern

Gestern abend hatte ich freie Zeit und war in Neapel. Die Tage zuvor war ich auch in Neapel gewesen, aber mit wenig freier Zeit. Beim Herumlaufen durch die Altstadt, die man sicher nicht so nennt, sondern genauer, also irgendwo in der Nähe der Piazza Dante, war ich mehrere Male an einem Laden vorbeigelaufen, der Gemütlichkeit ausstrahlte, unter anderem dadurch, dass “Libri” draufstand und kühle Jazzmusik herauskam. Ich bin derzeit sehr auf Gemütlichkeit erpicht, da sie, wie ich erkennen musste, dem Amerikaner wesensfremd ist, und ich mich die letzten vier Monate, also bevor ich nach Neapel kam und wenig freie Zeit hatte, unter Amerikanern aufhielt.

Gestern abend hatte ich also freie Zeit, war in Neapel und dachte, ach, schau doch einmal bei dem gemütlichen Ort vorbei, wo “Libri” draufsteht und Jazzmusik herauskommt. Nicht, dass es in Neapel nicht auch andere gemütliche Orte gegeben hätte, nein, im Vergleich zu Amerika, Nordamerika, ist der Italiener definitiv gemütlicher, obwohl nicht weniger laut, nur anders, mehr mit Stimme und Motor in enger Gasse als mit Gebrüll und Motor auf weiten Straßen.

In diesem besonderen gemütlichen Ort standen gestern abend ein paar Leute herum, nicht viele. Es gab eine Bar, einen erkennbaren DJ-Ort, Bücherregale, von denen mir zuerst Art Spiegelman’s “Maus” entgegenstrahlte (später entdeckte ich etwas weiter unten eine feine collezione der opera von Phil K. Dick), dann auch Bücher über Film und Politik und Populärkultur, alles gemütlich und inspirierend und italienisch. Ich wollte Weißwein und entschied mich für einen Falanghina, ohne zu wissen, was das war, aber es klang nach “Falangisten”, ein Wort, das ich seit Kindheitstagen, glaube ich mich zu erinnern, trostvoll fand, nicht die Bedeutung, den Klang. Der Wein war gut.

Männer bereiteten einen Beamer vor, an dem ein Laptop hing. Ich verstand nicht, worum es ging, denn meine Italienischkenntnisse sind erschlichen aus dem Lateinunterricht, bestenfalls, und wenn ich auf Italienisch zählen soll, zähle ich auf Japanisch. Aber bald kamen die, die noch draußen standen und rauchten, rein in den kleinen Buch- und Barraum, und es ging los.

Es wurde ein Buch über Alberto Grifi präsentiert, über den ich nichts wusste, aber, so viel verstand ich, es ging um experimentellen Film. Ein Mann sprach, dann noch einer, dann kurz ein dritter. Etwa fünfzehn Männer und Frauen waren da, in meinem, wie ich meine, undefinierbaren Alter, oder älter, also so zwischen Pubertät und Weißhaarigkeit. Dann wurde ein Film gezeigt. Ich war aufgeregt, denn wann stolpert man schon so einfach so in einem unbekanntes Experimentalkino (andererseits: vielleicht passiert einem das in Italien ständig, vielleicht ist ganz Italien voll mit Buchpräsentationen über Experimentalfilmer, in die ausländische Ignoranten einfach so reinstolpern, guten Wein und Gemütlichkeit suchend).

Der Film, ach, ich weiss nicht, ist auch nicht so wichtig. Es schien viel um Schmetterlinge zu gehen, der Text, gesprochen, schien wichtig, und ich verstand ihn nicht. Danach trank ich mehr Wein an der Bar. Sympathisch wirkende Menschen, italienisch sprechend, tranken, meist etwas, was sie “Spritz” nannten, und was je nach Bestellendem aus Aperol, Campari, Martini oder Weisswein in willkürlichen Mischverhältnissen bestand, mit Eiswürfeln und immer mit zwei Strohhalmen. Es gab dräuende elektronische Musik, die trotz Dräuens leicht wirkte. Es wurde viel geplaudert und gelacht. So war der Abend.

Ich hätte gerne geplaudert, wusste aber nicht, worüber und mit wem, und in welcher Sprache, ohne dass das für alle Beteiligten anstrengend geworden wäre, und Anstrengung tötet Gemütlichkeit. Daher liess ich es bleiben. Nach drei Gläsern Wein ging ich zurück ins Hotel. Auf der anderen Seite des Hofes bellte ein Hund, laut und lange, ganz oben im dunklen Haus. Jemand war wohl ausgegangen und hatte den Hund im Dunkeln allein gelassen.


Sie haben in den letzten Monaten viel, viel zu wenig hier reingeschrieben.

the butler (May 31, 22:50) #


es war mir nicht bekannt, dass viel beschäftigte butler auch noch musse finden, sich mit allfälligen texten hier zu befassen. wissen eigentlich Ihre chefs, wo Sie sich so herumtreiben?

katatonik (Jun 1, 13:14) #


Ich sag einfach: “Ich bin dann mal Socken waschen.” Der Rest ist savoir-vivre.

the butler (Jun 1, 14:05) #

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