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- 12 07 2008 - 09:36 - katatonik

Granteln am Eck

Es gibt da so die enthusiasmierten Phänomenologen, und dann gibt es mich, die keinen enthusiastischen Blick für Bewegung u.dgl. hat, sondern lieber grantelt.

Die HBO-Miniserie “The Corner” zeigt das Leben am “corner” in Baltimore, in jenem hauptsächlich von Schwarzen bewohnten sozialen Subsystem aus Armut, Drogenwirtschaft und Drogenabhängigkeit, das Grundlage von “The Wire” wurde. Man sieht auch viele Schauspieler/-innen, die ebenfalls in “The Wire” mitspielen.

Jede der sechs Episoden zeigt den “Blues” einer Person (bzw. die letzte dann den Blues aller Personen). Im Zentrum steht eine Familie, die an Drogensucht zerbricht, Menschen, die sich aufrappeln und Entziehungskuren angehen, ihre Schwierigkeiten, die Verlockungen des Highseins, des Entkommens, des mit Party & Geld verbundenen Einstiegs in die Drogenökonomie für junge Männer, die Apathie der Langzeitsüchtigen, das Fehlen von Auswegen, das Daheimsein im Kaputten, das bewusste Daheimbleiben da, wo man es auch weniger kaputt haben könnte.

Während “The Wire” soziale Subsysteme und Strukturen (Corner, Polizei, Stadtpolitik, Schulsystem, Medien) aufeinander prallen, sich ineinander verflechten und an sich selbst scheitern lässt, und so die amerikanische Stadt, oder zumindest Baltimore, auslotet, konzentriert sich “The Corner” ganz auf das Leben ebenda.

Das hat Stärken, und zeigt viel, aber es hat eben auch Schwächen – vor allem eine, die ich begranteln möchte. Man erfährt, was Drogen aus Menschen und Gemeinschaften machen. Man erfährt, dass es nicht gerade perfekte, aber doch mitunter wirksame Entziehungsprogramme gibt, hinter die nicht weiter geblickt wird.

Das bleibt aber dann eben die Option, und da endet der Blick: in der Willenskraft des oder der Einzelnen, sich der Sucht und ihrem Umfeld zu entziehen. Als Anschlussprogramm dann die “Meetings” der “Narcotics Anonymous”, ritualisierte Versammlungen, öffentlichen Begegnungen religiöser Gemeinden nicht unähnlich, in denen Verfehlungen gestanden und Probleme geteilt werden (“sharing” ist da ein ganz wichtiges Wort), und in denen jedes Sichmitteilen, wie bei den anonymen Alkoholikern, mit einer bewussten Identifikation beginnt: “I am X, and I am a drug addict”.

Hat “The Corner” eine Botschaft? Ist es überhaupt interessant, Botschaften aufzuspüren, wo Erzählungen gewoben werden?

Es gibt jedenfalls Beschränkungen des Blicks, deucht mir, grantelnd – so diese uramerikanische Annahme des Sichselbstherauswurschtelnmüssens. Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Drogensüchtigen zum drogenfreien, vollwertigen Mitarbeiter einer Fastfoodkette.

Möglicherweise ist es kein Zufall, dass “The Corner” eine Miniserie blieb, während “The Wire” mit seinem ganz anderen, systemischeren Blick fünf Staffeln durchlief.

Andererseits, herumgrantelnderweise könnte man wahrscheinlich in der Hinsicht auch bei “The Wire” Kritikpunkte finden – auch da bleibt das Subsystem “Narcotics Anonymous” gänzlich unhinterfragt, im Unterschied zu all den anderen Subsystemen, die alle an ihrer inneren Logik scheitern dürfen.


hm. also ich verstehe zwar deinen punkt, verstehe aber nicht, warum das anlass zum granteln geben sollte. ich finde ja, dass der blick in “the corner” sehr viel soziologischer ist als in “the wire”, denn da geht es irgendwie auch mehr um die konventionen des fernsehens und darum, geschichten mit sinn zu befüllen, wo eben der sinn bei “the corner” letztlich oft ausbleibt. und das wurtschelige bzw. individualismus als ausweg aus der krise finde ich auch sehr nachvollziehbar, da beide serien ja meiner meinung nach auch zeigen, wie stark das eigene umfeld dich beeinflusst in dem, was du tust. und dann ist der rückzug (auch in eine andere hood, wie in “the corner” geschehen) eine form des auswegs, glaube ich. und bei den meetings ging es in “the corner” ja auch darum, sich die eigene sucht bewusst zu machen, weshalb fran sich in der letzten folge dann ja schließlich endlich auch als addict outet.

oder so. keine ahnung. ;-)

sma (Jul 12, 18:05) #


hm. das individuum findet individualismus als ausweg wahrscheinlich meist nachvollizehbar, weil es selten andere handlungsoptionen hat. von daher ist “nachvollziehbarkeit” (eh so eine merkwürdige kategorie) vielleicht nicht weiter führend.

das granteln hat möglicherweise, wenn ich das so jetzt leicht angetrunken formulieren kann überhaupt, mit der wahl der form zu tun, die einschränkungen auf das dargestellte ausübt, ohne sich dessen bewusst zu sein.

ach nein, ich mache da morgen weiter und trinke lieber noch ein glaserl …

katatonik (Jul 12, 21:40) #

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