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- 21 07 2001 - 01:10 - katatonik

Es spricht der Laienlinguist

Der Eindruck aufdringlicher Geradlinigkeit bei indikativisch vorgetragenen Wünschen scheint hauptsächlich (ausschließlich?) zu entstehen, wo das Wort “wünschen” ohne indirektes Objekt verwendet wird: “ich wünsche, dass du mich küsst”, “ich wünsche, dass du dich wäschst”, “ich wünsche, dass du verschwindest”.
Demgegenüber wirken Sätze mit indirektem Objekt weit weniger aufdringlich: “ich wünsche mir, dass du mich küsst”, “ich wünsche mir, dass du dich wäschst”, “ich wünsche dir, dass alles klappt”, “ich wünsche Euch, dass ihr gut ankommt”.
Man könnte nun die Frage stellen, ob es sich bei Sätzen ohne indirektes Objekt überhaupt um Ausdrücke eines bloßen Wünschens handelt, denn es scheint ja, dass sich “wünschen” ohne indirektes Objekt mittlerweile (seit wann? Sprachgeschichtler schläft schon) als Form der Anordnung, des Befehls oder der Bestimmung eingebürgert hat. “Ich wünsche im Falle einer schweren Erkrankung den Beistand eines Geistlichen der Konfession …”, “Ich wünsche morgen abzureisen, also packt mein Zeug zusammen.” In öffentlichen Ansprachen kommt Wünschen ohne indirektes Objekt auch oft vor, dort klingt es, würde ich sagen, weniger nach Anordnung, weil man vielleicht in der Situation einen impliziten Bezug auf die Allgemeinheit, die Öffentlichkeit, als indirektes Objekt mitzudenken geneigt ist: “Ich wünsche, dass das Perleberg-Festival mit seiner Vielfalt die Neugier auf Fremdes weckt, zu mehr Offenheit gegenüber Neuem anregt und ein tolerantes Brandenburg erlebbar macht.” (Wolfgang Thierse) Das wünscht er da wohl der Allgemeinheit.
Des weiteren scheint indikativisches Wünschen mit indirektem Objekt eher situationsunabhängige Wünsche auszudrücken, also solche, deren Erfüllung nicht unbedingt hier und jetzt gewünscht oder für möglich gehalten wird. Deswegen könnte “ich wünsche mir, dass du mich küsst” schon auch deswegen so merkwürdig klingen, weil der Wunsch so entrückt zu sein scheint, so gar nicht dringlich und begehrlich: Weihnachtswunsch? Ostergeschenk? Naja, irgendwann vielleicht.
Was wünscht das Netz? Teichwünsche, Bärenwünsche, Oberbürgermeisterwünsche, Fluchwünsche.
Die Frage deucht mir übrigens nicht besonders interessant. Aber dazu vielleicht später mehr, jetzt nicht.

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