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- 22 08 2001 - 13:03 - katatonik

Wir setzen uns in andere Hinterhöfe

Ein zweites Mal (hier war das erste) begibt sich das Camp Catatonia heute in den Hinterhof der Euroranch, um den dort Versammelten japanisches Liedgut vorzuspielen. Diesmal am Lagerfeuer: ziemlich viel E-Klampfe. In bekannter Manier hole ich jetzt etwas aus.
Schon vor mehr als 4000 Jahren wurde auf den japanischen Inseln die E-Gitarre nicht erfunden (hehe). Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sie sich allerdings schlagartig, nicht zuletzt durch Japan-Konzerte bekannter amerikanischer (Ventures, Astronauts 1965) sowie anderer (Beatles 1966) Bands. Die Nachfrage nach E-Gitarren stieg rasant; auch bis dato nicht mit ihrer Herstellung beschäftigte Firmen wie der Harmonikahersteller Tombo oder die Elektronikfirma Victor stiegen ins Geschäft ein. 1965 wurden in Japan 760.000 E-Gitarren hergestellt. Mehr waren es weder davor noch danach jemals. Man spricht von einem “Ereki-Boom”, einem Boom der r-ifizierten “electric guitars”.
Was das junge Volk begehrt, die Autorität verwehrt. Die Erziehungsbehörde von Ashikaga, Tochigi-Präfektur, verbot E-Gitarrenspiel in der Öffentlichkeit. In der Shizuoka-Präfektur razziierte die Polizei Parties mit E-Gitarrenmusik und berief sich dabei auf ein Gesetz, das die Kontrolle von Geschäften erlaubt, deren Aktivität die öffentliche Moral schädigen könnte.
Aus diesem Umfeld heraus entstanden eine Vielzahl von Gruppen, die später unter dem Begriff “Group Sounds” zusammengefaßt wurden: The Spiders, Tigers, Outcasts, Jaguars, Dynamites, Mops. Leider keine “Catatonians”, obwohl das auf Japanisch gar nicht mal so schwer auszusprechen wäre. Auch keine “Socks”, so weit ich weiß.
Gekleidet waren GS- Gruppen meist nach dem Vorbild englischer Mods, mit Samtjacketts, Rüschenhemden, Kniestiefeln und großen Goldketten und mindestens zart über die Kräglein hinauswachsendem Haupthaar. Geprägt wurde der Name “Group Sounds” angeblich in einer Fernsehshow 1965, in der sich der Moderator Yuzo Kayama darüber lustig machte, wie schlecht Jackey Yoshikawa (Bandleader der “Blue Coments”) “Rock’n Roll” aussprach. L-ifizierung, Sie wissen schon. Yoshikawa forderte Kayama auf, ein für Japaner leichter auszusprechendes Wort für den Sound zu finden, und Kayama fiel nichts besseres ein als “Group Sounds”, kurz GS.
GS-Sounds, das ganze gesellschaftliche Drumherum, stehen so dazwischen, zumindest von heute aus betrachtet: Anders als frühere “ereki”Bands waren sie nicht auf große Plattenfirmen beschränkt, deren hierarchische Organisation der der großen Filmstudios nachempfunden war, anders als spätere Gruppen und Künstler aus dem Indie-Bereich schrieben sie ihre Lieder nicht selbst, sondern ließen schrieben. Die Musik? Wassersüchtige Regenfall, Meeresrauschen – romantisch-depressive Liebesballaden klappen plötzlich um in ausgerastete Schreiereien, so plötzlich wie flüchtig, so feucht wie flehend, so flapsig wie fruchtig. Politisch motiviert war da kaum etwas, romantisch verzweifelt einiges und spielerisch verdreht fast alles. 1969 soll es 2000 GS-Bands gegeben haben. Schon damals galten interessanterweise Schulmädchen als das Hauptzielpublikum.
Was das junge (Weibs-)Volk verzehrt, die Autorität verwehrt. Nachdem es bei einem Tigers-Konzert 1967 zahlreiche Verletzte gab, regte sich kontrollierende Besorgnis von Eltern, Schulen und anderen Autoritäten. 1968 begannen Schulen, Schüler, die bei GS-Konzerten erwischt wurden, rauszuwerfen. Manche postierten sogar Lehrer als Aufpasser am Eingang von Konzerthallen. Stadtverwaltungen untersagten GS-Konzerte. NHK, der öffentlich-rechtliche Sender, schloß langhaarige GS-Gruppen von seinen Programmen aus. Deshalb, durch die unglaubliche Übersättigung des Marktes und auch dadurch, dass die großen Plattenfirmen im chaotischen GS-Umfeld doch wieder Oberhand gewannen, ebbte der GS-Boom langsam aus. Ehemalige GS-Stars sieht man heute noch gelegentlich im Fernsehen: Als Talkmaster oder deren Gäste.
Der Euroranch-Mix stammt großteils von zwei bei EMI Japan erschienenen GS-Samplern, mittlerweile wurde ja recht viel Material wieder aufgelegt. Auch Big Beat Records hat einige GS-Platten wieder aufgelegt, darunter auch ein paar Sampler mit dem vielleicht etwas überzogenen Titel “GS I love you”. Zu den einzelnen Tracks meines Mixes weiß ich, wie immer, fast gar nix.
Hier aber wenigstens die übersetzten Songtitel:
1 edwards: niji no sunahama (“strand unter regenbogen”)
2 gullivers: akage no mary (“Mary, die Rothaarige”)
3 P.S. winners: ameagari no sanpomichi (“regennasse Straße”)
4 the jacks. tokei o tomete (“halt die uhr an”)
5 ken’ichi suzuki: ai wa usotzuki (“die liebe ist ein lügner”)
6 isao bito: dirty dog
7 edwards: cry, cry, cry
8 susumu ishikawa: parman nr.2 wa ukyakya no kya (nonsens-song
aus einem zeichentrickfilm, kann man gar nicht übersetzen)
Etwas aus dem GS-Rahmen fallen dabei übrigens die “Jacks”, die eher düster-nihilistische Folkballaden produzierten und heute oft unter “Japanese Psychedelia” gereiht werden. Angeblich brachten sie in den 60ern eine Vertonung eines Selbstmordabschiedsbriefes raus, was ihnen prompt ein Verbot ihres Albums eintrug.

Die in diesem Eintrag angegebenen Informationen stammen großteils aus Mark Schilling’s “Encyclopedia of Japanese Pop Culture”, erschienen bei Wheatherhill, 1997. Hier eine recht treffende Rezension dieses bombastisch betitelten Werkleins, das leider nicht ganz ist, was der Titel verspricht.

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