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- 30 08 2001 - 02:08 - katatonik

Texte und Faustfeuerwaffen

Menschen haben sich schon vor der Erfindung der Faustfeuerwaffen umgebracht, also sind Faustfeuerwaffen nicht Ursachen für Mord und Totschlag. – Da stimmt wohl etwas nicht.
Ähnlich: Menschen haben schon vor der elektronischen Verfügbarkeit von Texten unkonzentriert gelesen, also ist diese elektronische Verfügbarkeit nicht Ursache für unkonzentriertes Lesen. Auch da stimmt etwas nicht.
Praschl schreibt etwas zu dem, was ich hier geschrieben habe (auf etwas, was er geschrieben hatte, aber die Links findet man eh alle bei ihm).
Ein bisserl ein Versuch in Sachen Logik: Wenn ein Ding A ein Ding B zur Wirkung hat, bedeutet das weder dass das Ding B das Ding A zur alleinigen Ursache hat, noch, dass es (unter Umständen gemeinsam mit C, D und E) ohne Ding A nicht zustande käme. Der Einsatz von Faustfeuerwaffen in zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen hat Tod als Wirkung, und zwar gemeinsam mit unterschiedlichen Zusatzfaktoren wie Tötungsabsicht, gutem Ziel von Seiten des Schützen, und so weiter. Menschen werden auch ohne Faustfeuerwaffen getötet, was an der ursächlichen Funktion von Faustfeuerwaffen beim Tod von Menschen nichts ändert.
So sehe ich das auch mit den elektronischen Texten: Die Verfügbarkeit vieler Texte im Netz verursacht (vermutlich im Verein mit anderen, zusätzlichen Faktoren) unkonzentriertes Lesen, was nicht bedeutet, dass nicht auch ohne diese Verfügbarkeit unkonzentriert gelesen wird, oder dass diese Verfügbarkeit allein ausschlaggebend wäre. Mich deucht, der Praschlsche Begriff von “Verursachung” ist da etwas zu eng gefaßt, oder zumindest anders als der, den ich im Sinn hatte.
Die digitale Verfügbarkeit von Texten hat das mäandernde Lesen nicht in die Welt gebracht, aber sie befördert es weiter, und zwar, wie ich aufgrund meiner Beobachtungen und auch nur für den Rahmen dieser Beobachtungen behaupten möchte, in einem erstaunlich hohen Maß. Ich hatte hier ja auch nur von einem “befördern” geschrieben, sogar noch vorsichtiger: konzentriertes Lesen würde von digitalen Texten nicht befördert, und das wäre eben eine Beschränkung, die sie hätten, was immer man daraus ableite. Schon witzig, dass Praschl gerade diese Stelle so (unkonzentiert?) liest, als hätte ich Netztexten die alleinige Schuld an unkonzentriertem Umgang mit Texten zugeschoben, den es zuvor nicht gegeben hätte.
Der ohne Zweifel über alle Maßen konzentrierte Leser wird an dieser Stelle merken, dass ich hier jetzt im Gegensatz zu früher von “unkonzentriertem” Lesen spreche, und nicht so sehr von “mäanderndem”, weil sich das Phänomen, das ich meine, wohl auch besser so beschreiben läßt: Es geht nicht darum, dass man von Text zu Text springt und dabei jedes Schnipsel der gebotenen Aufmerksamkeit würdigt, sondern darum, dass man hastig von einem Text zum andern schaut und die Konzentration durch die Hast des Springens eher von den Texten abzieht, zurückhält, als sie ihnen zukommen zu lassen. Dieses Phänomen ist es, das ich an Studenten gehäuft beobachte – in Situationen, wo es kontraproduktiv ist -, und das ich als durch die digitale Qualität der gelesenen Texte verursacht betrachte, auch wenn das nicht die einzige Ursache sein mag (Zusatzfaktoren?), auch wenn das Phänomen auch bei gedruckten Texten vorkommen kann und tut. Oft scheint mir da so eine Art getriebener Hunger der Diätkünstler vorzuliegen: Ein Schnipsel Text nach dem anderen wird hastig aufgesucht, damit sich der Geist dann in paradoxer Weise vom Gelesenen rein halten kann. Vergleiche mit anderen Arten von Getriebenen erspare ich mir auszusprechen. Wißt’s eh.
Die Situationen, in denen das konzentrierte Springen von einem Text zum anderen Sinn macht, gibt es in der Form, wie sie Praschl beschreibt, natürlich. Ja, auch das Rumhüpfen von Text zu Text ohne Konzentration hat seine guten Seiten. Jajaja, stimmt eh, hast ja eh recht, undsoweiter. Schulterklopf.
Aber ich vermute, wir schre iben aus einem besonderen Grund aneinander vorbei, und der besteht nun gerade nicht in einer technologieoptimistischen Haltung seinerseits und einer eher pessimistischen Haltung meinerseits. Die Blickrichtung ist eine andere, und daher unterscheidet sich auch das, was ins Blickfeld gerät: Ihm scheint es darum zu gehen, zu überlegen, was man alles mit bestimmten Technologien machen kann, und dazu aufzufordern, das auch tatsächlich zu machen; mir geht es darum zu beobachten, was bestimmte Gruppen von Menschen tatsächlich machen, und warum, und, da das in diesem Fall nichts besonders Vorteilhaftes ist, wie man das ändern könnte. Das sind zwei verschiedene Perspektiven, die sich nicht auf einer Ebene treffen, wo sie in direkten Widerstreit geraten können, das sind keine überprüfbaren Thesen, die Wahrheitsanspruch hätten, sodass aus der Falschheit der einen die Wahrheit der anderen folgen würde oder umgekehrt. Es sind vielleicht eher verschiedene Strategien, um nicht das in dem Zusammenhang vermutlich doch übertrieben stark wirkende Wort “Ideologien” zu verwenden: Die Beobachtung einer (wenn auch in kleinstem Raum) sozialen Realität einerseits gegenüber der Vorstellung individueller Möglichkeiten andererseits. Ich möchte das jetzt nicht moralisierend verstanden haben; ich halte meine Perspektive nicht für moralisch besser, aber natürlich, da sie die meine ist, für interessanter auch deswegen, weil sie mir unterrepräsentiert zu sein scheint.
P.S.: Ich würde schon meinen, dass man bestimmte Bücher heute nicht mehr liest, weil es so viele Magazine und Illustrierte gibt, bzw. dass in der Geschichte des gedruckten Wortes früher Lesebedürfnisse durch Bücher abgedeckt werden, die heute durch Illustrierte abgedeckt wurden. Kann man sich noch weiter überlegen.
P.P.S.: Ab Montag ist hier für zwei Wochen Ruhe, das Camp wandert gen Süden. Es eilt also nichts.

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