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- 21 11 2001 - 03:48 - katatonik

Philosoph im Streitraum

Rorty: Ich verspreche mir nichts von solch einem Dialog (der Kulturen). In den zwei Jahrhunderten seit der Französischen Revolution ist in Europa und Amerika eine säkulare humanistische Kultur gewachsen, in der viele gesellschaftliche Ungleichheiten beseitigt wurden. Es gibt noch viel zu tun, aber der Westen ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Ich glaube nicht, dass er von anderen Kulturen etwas zu lernen hat. Unser Ziel sollte es vielmehr sein, den Planeten zu verwestlichen.
...
Rorty: Letztlich ist die Verbreitung von Coca-Cola und McDonalds nur ein kleiner Preis für die Ausbreitung der sozialen Ideen der Aufklärung. Gewiss müssen wir versuchen, den Kapitalismus zu zähmen. Aber wir besitzen kein besseres Programm für internationalen Frieden und Gerechtigkeit als die globale Marktwirtschaft. Ich halte nichts von revolutionären Erhebungen der Massen.
...
Rorty: In Europa begnügt man sich gern damit, die Fehler der USA aufzuzählen ohne wirkliche Alternativen zu präsentieren. Unter europäischen Intellektuellen grassiert eine bestimmte Art von Denkfaulheit. Das ist eine allzu bequeme Position. Manche Argumente erinnern mich an die fünfziger Jahre. Als Martin Luther King die Bürgerrechtsbewegung ins Leben rief, entgegneten ihm die Konservativen, man müsse Verständnis für die spezielle Kultur der Südstaaten aufbringen. Jemand aus dem Norden sei nicht fähig, das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen in Alabama oder Mississippi zu beurteilen. Tatsächlich haben die Schwarzen lange Zeit gelitten, weil der Norden die Kultur des Südens akzeptierte. Dabei war Kultur nur ein Tarnbegriff für die Grausamkeiten, die die Weißen an den Schwarzen verübten. Wenn heute gefordert wird, andere Kulturen zu tolerieren, habe ich den Verdacht, dass es wieder darum geht, die Herrschaft der Mächtigen über die Unterdrückten zu akzeptieren. Dabei mag die Durchsetzung westlicher Werte – und sei es mit militärischen Mitteln – für die Unterdrückten die einzige Hoffnung sein.

Der Philosoph Richard Rorty im “Streitraum” der Berliner Schaubühne, aufgezeichnet in und von der Süddeutschen Zeitung. Dazu sagt auch die Welt was.

Was mich – unter anderem – doch einigermaßen verwundert, ist die durchscheinende Annahme, der aufgeklärte Charakter des Westens habe das gesamte 19. und 20. Jahrhundert, das gesamte Unterfangen des Imperialismus und Kolonialismus, Holocaust und zwei Weltkriege unbeschadet und rein überstanden. Auch, wenn man mit “aufgeklärt” eine Fülle von Assoziationen verbinden mag, von denen einige durchaus unbombastisch und nicht historisch sein mögen – macht man sich mit einem Rückgriff auf eine kulturhistorische Entwicklung und philosophische Perspektive von vor etlichen hundert Jahren unter vehementem Beiseiteschieben von all dem, was danach kam, nicht gerade in diesem Zusammenhang ein bißchen lächerlich? (Sanfte Ankündigung eines nachzuliefernden Ausrittes gegen die Romantisierung und Verwässerung der Aufklärung)


... dass es nicht bei der Ankündigung bleibe!

MV (Nov 21, 04:21) #


ich bin ja optimist. wenn eine kritische masse an bildschirmkilometern erreicht ist, entwickelt sich ein sensorium für die unterscheidung zwischen nötiger ausführlichkeit und überflüssiger sowie sehnenscheidenschädlichen schwatzhaftigkeit fast von selbst. und damit ist man der klugheit schon ein stück näher, wenn auch noch nicht von selber dort.

katatonik (Nov 21, 15:32) #


Einspruch: Du kannst es nicht der Aufklärung anlasten, dass sie auch in ihren Mainlands immer wieder verraten, vergessen und bekämpft worden ist. Ist ja so wie wenn du sagst Polizei ist eine schlechte Idee, weil es nach wie vor Verbrechen gibt. Aber klar, eine Geschichte der Triumphe ist es nicht unbedingt.

Was mich verdattert, ist dass Rorty geopolitische, wirtschaftliche und kulturelle Probleme vollkommen zu ignorieren scheint. Etwa wenn er sagt, die Wurzeln des Terrorismus liegen einzig in Amerikas und Europas Unterstützung für Israel, oder wenn er meint, der Rest der Welt solle sich dem Westen auf seinem richtigen Weg doch einfach anschliessen. Wenn das so einfach wäre, wärs schön.

Nochwas: McDonald's war kein kleiner Preis.

Hns (Nov 21, 15:37) #


von "anlasten" im sinn eines tumben "du bist schuld" oder eines etwas weniger tumben moralischen rechtfertigungsgedankens war ja nicht die rede.
merkwürdig finde ich vielmehr, dass gerade nach dem 11.9. eine lobpreisungswelle des *heutigen* westens als superaufgeklärt loszubrechen scheint, die mehrerlei unter den tisch wischt:
- erstens, was alles seit dem 18. jahrhundert an umwälzungen geschehen ist, die einen unschuldigen umgang mit aufklärerischem denken meiner meinung nach zur lächerlich romantisierenden geste macht. die welt hat ja im 19. und 20. jahrhundert nicht gerade im aufgeklärten dornröschenschlaf verbracht.
- zweitens, dass sich weite teile westlicher gesellschaftlicher bereiche nun wirklich nicht im einklang mit aufklärerischem gedankengut befinden, und dass bei dem ganzen gerede über den "westen" die tatsächliche zerrissenheit unserer jeweiligen gesellschaften auf elende weise überkittet wird
- drittens, dass wir ein leben im einklang mit aufklärerischem gedankengut, wenn man dieses ernst nimmt, vermutlich auch eher zum kotzen fänden (siehe kamillentee und whisky).
die selbststilisierung des westens als aufgeklärt paßt also in mehrerlei hinsicht nicht. dazu ein wenig später noch ein wenig mehr.

katatonik (Nov 21, 18:23) #


Vielleicht, werfe ich ein Hölzchen ins Lagerfeuer, wäre es ja sinnvoll, einmal 5 oder 10 Grundsätze hinzuschreiben, die wir für Aufklärung halten, damit jeder weiß, worüber man debattieren kann. Was A. sein soll, wird ja in den diesbezüglichen Beiträgen (auch meinen) immer schon als bekannt und als von allen akzeptiert vorausgesetzt.
Reden wir z.Bsp. von Kant/Habermas, oder von den Naturwissenschaften vs. Theologie, oder von dem Programm der Französischen Revolution oder von den Enzyklopädisten oder vom Liberalismus usw.? Nicht, dass ich meine, man müsste jetzt zu den Quellen gehen und ein Auffrischungsseminar veranstalten, aber ich könnte mir vorstellen, dass es nicht schlecht wäre, Andeutungen zu geben, wovon jeder redet, wenn er von A. redet.

Praschl (Nov 21, 18:45) #


sind meine Versprechungen schon jemals leer geblieben? :-)

katatonik (Nov 22, 00:07) #


Ich befürchte ja, dass bei allen diesen "Ja, abers", die wir uns selbst und einander vorhalten, das Problem darin besteht, dass entweder das aber oder das ja zu ausführlich gerät.

Bei Rorty ist mir das wieder deutlich aufgefallen. Ich könnte seinen Text locker um zwei Kilometer verlängern, und ebenso locker könnte ich drei Kilometer Einwand, Zweifel, Kritik loswerden. Und am Ende kommt meistens doch nur eine Sehnenscheidenentzündung dabei heraus. Und man hat immer noch keine Ahnung, was wie wann warum die klügere Position ist.

Den Ausritt gegen die Romantisierung usw. der Aufklärung würde ich sehr gerne lesen.

Ich bitte darum.

Praschl (Nov 22, 00:11) #

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