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- 25 11 2001 - 23:52 - katatonik

Fünf oder sechs Schwänke zur Aufklärung. Teil 4. Vom Leben und Denken jenseits des Vollkoffers.

Überprüfung des Vollkoffers im Diskurs
Sag’ Vollkoffer zu mir und ich sage dir je nach Lust und Laune, du sollst dich schleichen oder dass du dir mit solchen Ausritten doch nur auf billige Weise überlegen vorkommen willst und vermutlich sowieso selber einer bist. Allerdings könnte ich natürlich tatsächlich ein Vollkoffer sein. Die Frage nach der Berechtigung des Vollkoffervorwurfs läßt sich prinzipiell stellen, auch wenn man in Situationen, wo man ein solcher gehießen wird, gut daran täte, sich nicht auf solche Tatsachendiskussionen einzulassen (wenn denn die Erörterung der Frage, ob ich ein Vollkoffer bin, überhaupt als Tatsachendiskussion bezeichnet werden kann).
Wenn man aufzeigt, dass Begriffe wie “aufgeklärter Westen” strategisch verwendet werden, und dass die damit verfolgten Strategien oder zumindest dadurch erfüllten Funktionen reichlich schal schmecken, diskreditiert man die Verwendung der Begriffe, aber nicht die Begriffe selbst. Wer darauf antworten will, indem er die Begriffe rehabilitiert, der liegt daneben. Wes Begriffsverwendung vervollkoffert wird, des Begriffs- (und nicht Begriffsverwendungs-) entkofferungsbegehr’ führt vermutlich nur zu weiteren Kofferanwürfen. Kommt mir also auf meine Aufklärungsbezugsvervollkofferung nicht mit Nachweisen, dass dieser oder jener Gedankengang aufklärerischen Denkens doch wohl wirklich vernünftig sei. So viel als Prophylaxe.
Es gibt allerdings ein Leben oder zumindest ein Denken jenseits des Vollkoffers: warum sich nicht überlegen, ob aufklärerisches Denken, wie es sich historisch vor allem im 18. Jahrhundert entfaltete, zur Lösung dringend anstehender Fragen – und damit meine ich nicht Sockenausdünnung durch winterlichen Säureschweiß – etwas beizutragen hätte, das jenseits von Binsenwahrheit und Banalität angesiedelt wäre? Warum sich weiters nicht überlegen, ob das, was man als Aufgeklärtsein in einem ahistorischen, idealtypischen Sinn bezeichnet (praschls “der Aufklärer” ist wohl nicht ein Mensch oder ein Menschentypus des 18. Jahrhunderts, sondern ein irgendwann angesiedelter Mensch oder Typus, der auf bestimmte Weise denkt und handelt), mit Zügen aufgeklärten Denkens im 18. Jahrhundert tatsächlich viel zu tun hat? Die nächsten paar Schwänke schwenken somit von Haltungen und Behauptungsakten weg hin zu Gehalten und Behauptungen.
Prophylaxe? Mehr als versprengte Gedanken, zerstreute Beobachtungen und anzudenkdende Fragen einer oberflächlich herumlesenden Katatonikerin wird’s nicht geben. Das aber dafür mit Sicherheit und Socken.

Zu Praschls Kilometern in sachen “verstehen” fallen mir sicher auch noch ein paar Meter ein, aber das muß noch sickern.

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