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- 24 12 2001 - 23:21 - katatonik

Wienverbleiber

Vorgestern war das Wirtshaus ums Eck nachts noch voll mit Bekannten und weniger Bekannten, gestern wars verdammt leer.

Die weihnachtliche Bundesländerkeule hat wieder zugeschlagen. Vermutlich sind am 23. Dezember alle Bahnhöfe und Ausfallstraßen voll mit jungen oder sagen wir mal noch bewegungsfähigen Menschen, die mehr oder weniger enthusiastisch dem geographischen Familienschwerpunkt zustreben. Ich nehme an, der Enthusiasmusgrad steigt mit Entfernung zwischen Wien und Familienschwerpunkt, denn der Westösterreicher kann dortselbst wenigstens noch dem Wintersport frönen und außerdem alle anderen Westösterreicher treffen, die sonst immer im Eckwirtshaus herumhängen, wogegen der Waldviertler bestenfalls dumpf im Dorfwirtshaus landet und von verschneiten Hangwedeleien träumt, während Hansi Hinterseer oder Britney Spears aus der Jukebox dröhnen. Was im Weinviertel, also dem Umland von Wien, zu Weihnachten vorgeht, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Ich und eine negative Einstellung zu Familien und familiären Weihnachten? Ach wo.

Am 23. Dezember wird dem abgeklärten Wienbewohner bewußt, wie viel von seinem Umfeld oder gar ihm selber in vormodernen Familienstrukturen befangen ist. Bei mir beschränkt sich das schmerzhafte Bewußtsein ja gottlob auf abgeklärte Verlassenheitsgefühle. Alle Freunde zischen ab. Ich nicht. Ich bin armes Waisenkind und bleibe am 24. Dezember da. Gottlob sind die Zeiten vorbei, da unsereiner auf der Straße Schwefelhölzer verkaufen mußte. Die noch lebende Verwandtschaft weiß gottseidank, dass ich mich unterm Christbaum bestenfalls für die Rolle des nörgelnden Abendverderbers eigne und ist daher über meine höflich dargebrachte Ablehnung ihrer zarten Einladungen insgeheim erleichtert, genauso wie ich. Deswegen fahre ich morgen auch mit den neuen High-Tech-Wintersocken zur Familie einer Freundin nach Kärnten. Dort kennen sie mich noch nicht.

In der Stadt bleiben die, deren geographischer Familienschwerpunkt in Ottakring oder Simmering liegt und eben nicht in Dornbirn, oder die, die überhaupt keinen solchen haben. Spät abends kriechen beide Arten von Stadtverbleiber in die Wirtshäuser, um festzustellen, wer zur Eingeschworenen-, will sagen Eingeborenengemeinde gehört, und um sich gemeinschaftlich zu besinnen, will sagen sich durch gemeinsames Rumnörgeln und Rumsaufen der Besinnungslosigkeit näher zu bringen. Demnächst in diesem Bezirk.

Familienschwerpunkt hin oder her. Provinz ist dort, wo am 24. Dezember schon um fünf Uhr nachmittags das “Gay Porno Center” um die Ecke geschlossen hat. Also in Wien.

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