Go to content Go to navigation Go to search

- 15 01 2002 - 12:22 - katatonik

Identifizierung als Erklärung?

Was ich an diesem Text - Bericht von einer Geschlechterstereotypenstudie in Sachen Internet – etwas merkwürdig finde, ist die unhinterfragte Anwendung von “Identifizierung” als Standarderklärungsmuster dafür, warum und wie Leute auf in Texten dargestellte Personen reagieren.

“Insgesamt wurden die Personen negativer beurteilt, wenn sie als Frau dargestellt wurden. Männliche wie weibliche Untersuchungsteilnehmer identifizierten sich eher mit einer männlich als mit einer weiblich dargestellten Stimulusperson.”

Nahegelegt wird hier, dass Beurteilung entweder gleich Identifizierung ist oder dass Identifizierung ausreicht oder zumindest nützlich ist, um Beurteilung zu erklären. Das geht dann so weiter, dass das Erklärungsmuster “Identifizierung mit Eigengruppe” aus der “Theorie der sozialen Identität” zur Anwendung gebracht werden. Man würde, so besagte Theorie, die Welt in Eigen- und Fremdgruppe einteilen. Das mag ja wohl so sein, weshalb aber diese allgemeine (sagen wir mal in dieser Form fast Binsenweisheit) Theorie in der Lage sein soll, eine bestimmte Beurteilung von in journalistischen Texten dargestellten Personen zu begründen, bedürfte erst einmal einer Begründung. Meinem Verständnis nach muß ja gerade in empirischen Wissenschaften zunächst mal nachgewiesen werden, dass eine Theorie für den beobachteten oder untersuchten Fall relevant ist, und das fehlt mir hier.
Gäbe man diese undifferenzierte Anwendung besagten Erklärungsmusters einmal auf oder würde man daran schreiten, sie zu differenzieren, wäre der beobachtete Umstand – Männer beurteilen Männer positiv, Frauen beurteilen aber Frauen negativ – weit weniger ungewöhnlich, als der Text es darstellt. Im Vordergrund stünde dann vermutlich nicht die Eigengruppe, sondern eine erfahrene oder vermutete Verbindung von bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften mit Männern oder Frauen. Das legt ja auch der Rest des Textes nahe. Was das aber mit Identifizierung zu tun hat, ist mir nicht klar.
Etwas weiter unten wird, allerdings nur bei der Erklärung der Beurteilung durch Frauen, zwar sehr wohl differenziert zwischen “den Befunden zur Identifikation und denen zur Personenbeurteilung”, aber da das bereits auf einem Verständnis von Beurteilung als oder durch Identifikation beruht, wird dadurch kaum mehr Klarheit geschaffen.
Die Bemerkungen zu den verschiedenen Beurteilungen sind durchaus interessant und lesenswert, aber, wie gesagt, der hergestellte Zusammenhang zwischen Identifizierung und Beurteilung erschließt sich – zumindest aus dieser Zusammenfassung der Studie, vielleicht ist das, was ich suche, unter den Tisch gefallen – nicht. Ich habe da die Befürchtung, dass die gegenwärtige Obsession mit dem Konzept der Identität als allerklärendem Begriff und stets zu betrachtendem Phänomen in etwas hineingespielt hat, wo Identifizierung als Identität herstellender Vorgang sachlich nicht viel zu suchen hat.

  Textile Help