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- 8 02 2002 - 19:26 - katatonik

Ballaballa

Eigentlich wollte ich mich ja zum Ball des schlechten Geschmacks als schlechter Geschmack verkleiden, aber da mir selbiger in persona noch nie über den Weg gelaufen ist und meine Phantasie äußerst beschränkt ist, wurde nichts draus. Dort waren wir gestern abend trotzdem, hauptsächlich deswegen, weil als Mitternachtseinlage eine Lesung von Wladimir Kaminer mit nachfolgender Russendisko angekündigt worden war.

Als wir im Wiener Rabenhof ankamen, kürten Osama bin Laden und Adolf Hitler gerade das beste Kostüm des Abends. Osama bin Laden sah gar nicht wie er selber aus, sondern eher wie ein eher unverhofft zu Ladenehre gelangter Ballorganisator mit Strickpulli und Jeans. Adolf Hitler sah aus und verhielt sich wie Hubsi Kramar, als Adolf Hitler gekleidet, und das war er auch. Die Kostüme waren meistenteils bunt, ausschließlich aus Kunstfaser und großteils glänzend. Gesungen wurde auch ein bißchen. Die Organisatoren bemühen sich bei so bewußt mindergeschmackigen Veranstaltungen ja immer, einen auf Schlechtgeschmack mit Anführungszeichen zu machen – “he, wir machen jetzt einen auf schlechten Geschmack!” -, aber ich finde, das geht immer schief. Besser sich zu Humormangel und Holprigkeit bekennen als am Weg zu spritziger Beredtheit von selbigen auf der Überholspur, nun ja, überholt zu werden.

Wladimir Kaminer las eine Geschichte sehr trockenen Stils und reizenden Gehalts. Dann hörte er leider auf, weil er befand, die Stimmung wäre wohl besser für Disko geeignet. Trotz enthusiastischer Zurufe der Kaminer-Fans in den hinteren Reihen (“Wir kennen dein Buch!” – “Wir haben dich auf unseren Festplatten!” – “Wir haben dich in unseren Herzen!”. Na gut, die letzten zwei haben einander mein Begleiter und ich kichernd zugeraunt.).

Es gab dann also Russendisko, die fest auf zünftigen Stampfrhythmen zu russischen Texten gebaut war. Schwer mitreißend, schwer in Ordnung. An Wodka verkaufte die Bar schändlicherweise nur öden Eristoff, was für eine Russendisko wirklich erbärmlich war. Überteuert. Das sowieso.

Als eine Freundin von mir ein Glas von der Theke wischte, das der Kellner gerade dort abgestellt hatte, und das dann nicht zu Bruch ging, konnte ich den einzigen halbaufmerksamen Zeugen davon überzeugen, dass wir im Dienste der Gemeinde Wien die Glasbruchsicherheit in Unterhaltungs-Etablissements prüfen würden. Wir gehen da überall hin, wischen Gläser runter, und wenn sie nicht zu Bruch gehen, kriegt das Lokal eine “Glasbruchprüfplakette der Gemeinde Wien”. Dann können die Gäste in Zukunft beruhigt mit Gläsern um sich wischen und werfen. So ist das hier mit dem kommunalen Service.

Einige der Gäste enstammten wohl der mir nicht näher bekannten, aber wohl existierenden russischen Minorität Wiens. Indizien: klotzige Männerkörper, bis zum Nabel geöffnete Hemden, dicke Goldketten. Dazu passende blonde Damen mit beeindruckender, gut einsehbarer Oberweite in engen, teilweise berüschten Bekleidungsstücken. Aber vielleicht haben sich da auch ein paar als Russen verkleidet. Man weiß ja nie, und muß ja auch nicht immer wissen. Der Rest waren vorwiegend junge Menschen (Kostümskizzierung siehe oben), und einige abgeklärte nicht mehr ganz so junge Menschen, deren Kostümierungsphantasie zu wünschen übrig ließ (darunter, unschwer zu erraten, auch ich). Besonders fein fand ich übrigens die drei, zwei Typen und eine Frau, die mit original mexikanischen Wrestling-Masken und so Plastik-Capes und engen Hosen dazu herumliefen. Solche Figuren zu Balalaika-Rock herumhopsen zu sehen, das hat was. Bis halb vier hopste sich ordentlich was ab. Schlägereien gab es, soweit mir bekannt, keine, und das ist vermutlich das einzige, was zu einer authentischen (?) Russendisko fehlte. Naja, mein Hinterkopf hat sich zwar gefragt, wie das wohl sein muß, wenn man als in Berlin l ebender Russe mit Russendisko und dem ganzen wohl gepflegten Wir-haben-Wodka-statt-Blut-und-sind-sooo-schwermütig-und-exzessiv-Russenimage jahrelang rumtingelt, aber wenn man mit bescheuerten Ethno-Stereotypen überhaupt etwas Vernünftiges anfangen kann, dann kann das eh nur im Bereich sinnfreier Ekstase liegen.

Dass jemand als Adolf Hitler verkleidet auf einer Tanzfläche rumhopst, daran werde ich mich allerdings nie gewöhnen können. Dass eine Frau das geil findet, ihm die hakenkreuztragende Kappe ab- und sich selber auf den Kopf setzt und dann mit dem Adolf-Kostümierten lasziv rumtanzt – daran auch nicht. (Sowas in der Art.) Kann jetzt nicht genau sagen, woher meine eher deftige Reaktion darauf kommt, aber da ist sie jedenfalls.

Ich habe sowieso nie verstanden, was an Hubsi Kramars mittlerweile fast inflazionärer Hitler-Verkleiderei dran sein soll. Dass man im Hitlerkostüm vor der Oper eintreffende Opernballgäste schockieren kann, nun ja (in der Konstellation wurde Kramar übrigens letztes Jahr verhaftet). Wenn einer als Hitler auf eine Parteiversammlung der Freiheitlichen Partei ginge, wäre dem vielleicht auch noch politischer Aktionistenwert abzugewinnen. Wenigstens ein soziales Experiment, wenn ich auch nicht weiß, was man damit bewiesen haben wollte oder würde. Schockiert ist ja bald wer, dazu braucht’s nicht viel, schon gar nicht Intelligenz.

Aber warum einer als Hitler auf einem Ball derjenigen rumhopst, die sowieso gegen die Freiheitlichen und die Nazis und so weiter sind, und dort mit holprigem Hitler-Genäsele Lacher sucht und auch findet – ne, das versteh ich überhaupt nicht. Ist mir nicht geheuer.


Sie, wir wollen Bilder sehen!

kostümkommission (Feb 8, 20:29) #


Doc Martens, ts ts.. Doch Kleid und Sakko sehr geschmackvoll, sehr liebevoll gerahmt - Respekt! Gesamtnote 5.9
Zum Kachelofen im Hintergrunde dürfen wir uns leider nicht näher äussern - nur soviel: anheimelnd!

kostümkommission (Feb 9, 01:11) #


der kachelofen durfte leider nicht mitgehen und ist deshalb heute etwas beleidigt.

katatonik (Feb 9, 01:16) #


da mein gedächtnis zu löchrig ist, um das kameramitnehmen festhalten zu können, gibts nur danach-bilder von der staffage: http://.../ alt="das kleid zum sofa" target="_blank">ballkleid, http://.../ title="das sakko zum kleid" target="_blank">ballsakko, http://.../ title="die schuhe zu beiden"target="_blank">ballschuhe. die kombination von kleid und schuhen führte übrigens auf der toilette zu einer verständnisvollen unterhaltung mit einer ballorganisationsmitarbeiterin, die ebenfalls zu einem kleidchen doc martens trug.

katatonik (Feb 9, 12:25) #


are we here yet?

management (Feb 9, 16:29) #


think so. the foot may have been left behind, though. how sad that would be!

sock (Feb 9, 16:29) #


the foot is here all right. we only left two comments behind, and I think that's managable in terms of damage. Apologies to Mr. Woerterberg for losing his valuable suggestion that the Kachelofen might be pampered with a few Eierkohlen.

katatonik (Feb 9, 16:45) #

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