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- 15 04 2001 - 00:28 - katatonik

Austrobloggen?

“Als Erklärung [dafür, dass es in Österreich angeblich eine Affinität zu Weblogs gibt] fällt mir nur ein, dass möglicherweise in Österreich eine schriftlichere Kultur zuhause ist, dass es in der (Achtung, abgedroschenes Synonym, aber das gefällt mir jetzt eben) Alpenrepublik vielleicht mehr Menschen gibt, denen das Geschriebene, Bedachte, Ausgefeilte mehr Wert ist, als das flüchtig Hingesagte.” Von hier. Wenn die Vibrationswellen meines Gelächters übers Netz transportabel wären, müssten alle Lesercomputer jetzt vom Tisch fallen. Von all dem flüchtig Hingesagten, was ich hierzulande (oder in dieser Stadt) an einem Tag höre, dröhnt mir tagelang noch der Schädel. Ganze Literatenkarrieren inspirieren sich aus Wiener Geplapper, und das schon seit, äh, Jahrhunderten (klassisch wäre da etwa Karl Kraus, “Letzte Tage der Menschheit”). Das hierzulande (oder in dieser Stadt) Bedachte, Ausgefeilte suche ich hingegen zwar häufig, aber häufig erfolglos.
Von spontanen Gelächterwellen einmal ganz abgesehen hat meiner Leseerfahrung nach Webloggen nicht prinzipiell, und praktisch sogar in den wenigsten Fällen, mit einer verfeinerten Form von schriftlicher Kultur zu tun – wohl doch eher gerade mit flüchtig Hingesagtem, mit Geplaudere, Gewitzel und Kurzgeschreibsel. Die wortgewandtesten oder wortfetischisierendsten – je nach dem, wie mans sehen will – Weblogs, die ich kenne, werden von Deutschen betrieben. Als Orientierungshilfe kommt mir eine zugegeben grobe Gegenüberstellung Friedrich Heers (österreichischer Historiker, Autor von “Der Kampf um die österreichische Identität”) da recht passend vor – die zwischen katholisch(-)österreichisch)er Ausdrucksarmut und Sorglosigkeit einerseits und protestantisch(-deutsch)er Wortgewandtheit und Wortbedachtheit andererseits. Natürlich gehts dabei nicht um Sprachen, denen Ausdrücke fehlen, sondern um das Verhalten von Schreibern bzw. Sprechern. Natürlich ist das nicht auf individuelle Religionszugehörigkeit gemünzt, sondern darauf, welche Einstellung zu und Umgang mit Sprache von den jeweils dominanten Religionsformen in einer Kultur gefördert werden. Meine sexuellen Gaben waren in letzter Zeit unzureichend, sagt ein Japaner in einem Charles-Bronson-Film auf Deutsch. Aber auf dessen Umgang mit Sprache lass’ ich mich heute nicht mehr ein. Gutnach.

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