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- 6 03 2002 - 22:30 - katatonik

Das Böse, unter anderem

“Gustafsson: Niemand hat eine Ahnung, was das Böse eigentlich ist, aber die schlimmsten Theorien sind die verständnisvollen. Zum Beispiel, dass Hitler Sexualsadist war. Natürlich war er kein Sexualsadist. Ein Sexualsadist braucht die Opfer im Zimmer. Hitler hielt seine Opfer auf möglichst großen Abstand. Für den Philosophen Leibniz hat das Böse drei Formen: das natürlich Böse, das metaphysisch Böse und das böse Böse. Das natürlich Böse ist das Gewitter, das achtzehn Schulkinder auf einen Schlag tötet. Oder Aids. Die natürliche Bedrohung unserer Existenz, aber ohne ethische Signifikanz. Ein schwedischer Chefredakteur schrieb einmal einen Leitartikel gegen einen isländischen Vulkan. Ihm war nicht klar, dass man keine Leitartikel gegen Vulkane auf Island schreiben kann.

SZ: Weil Vulkane nicht lesen können.

Gustafsson: Das war das natürlich Böse, das Leibniz abfertigt. Dann gibt es das metaphysisch Böse. Wenn ich Leibniz richtig verstanden habe, besteht das in unserer Unvollkommenheit. Wir sind nicht allwissend wie Gott, wir können nicht den Punkt sehen, an dem eine additive Reihe – 1 plus ½ plus ¼ und so weiter – 2 erreicht. Schließlich kommt Leibniz zum richtigen Bösen, dem bösen Bösen, und das ist die Folge des freien Willens.
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Gustafsson: Bei einem Abendessen für Nobelpreisträger im Schwedischen Generalkonsulat in New York sagte Kronprinzessin Victoria zu mir: „Ich habe das bisher nie zu fragen gewagt, aber besteht die kosmische Hintergrundstrahlung wirklich nur aus Mikrowellen? Und sind das die gleichen Mikrowellen wie in der Küche?“ Da ich keine Antwort wusste, marschierte ich zusammen mit der künftigen Königin tapfer zu John Wheeler, dem Entdecker der „Schwarzen Löcher“, und legte ihm die Frage vor. „Ja“, hat er gesagt, „es ist dieselbe Wellentype wie in der Küche.“
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Gustafsson: ... Wenn man Derridas Texte liest, mag man es gar nicht glauben, aber er kann wie ein normaler Mensch reden. Er kann wirklich sagen: „Der Senf ist richtig scharf.“

Eklektische Auswahl aus einem Interview mit Lars Gustafson über das Böse und was sich darum herum eben so an Beredenswertem gruppiert.


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