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- 10 03 2002 - 18:49 - katatonik

Gruselei in Berlin

ronsens weist auf das Berliner Gruselkabinett hin, und ich fasse es kaum, dass ich hier noch nie über meinen Besuch dort vor etwa zwei Jahren geschrieben habe (sagt zumindest mein Archiv, und ich vertraue meinem Archiv).
Das Berliner Gruselkabinett befindet sich im ehemaligen Luftschutzbunker beim Anhalter Bahnhof, der einer der größten (der größte?) Luftschutzbunker überhaupt war. Das allein lasse man sich bitte auf der Zunge zergehen: Grusalkabinett im Ex-Luftschutzbunker.
Wie es sich für irgendwie benazite Örtlichkeiten geziemt, ist auch der Luftschutzbunker selbst, will sagen: der eigentliche Bunker im Keller, ein Museum. Den Überbau der historischen Basis bildet nun das Gruselkabinett, das aus zwei Teilen besteht: “Spektakulären Medizinszenen alter Zeiten” im Erdgeschoß und dem eigentlichen Gruselkabinett im ersten Stock.
Ich kam da also an einem sonnigen Frühsommernachmittag hin – Vortag der Love-Parade, wenn ich mich recht erinnere – und löste bei einer in einen schwarzen Umhang gekleideten Dame eine Eintrittskarte. “Sie müssen aber zuerst nach oben”, sagte sie. Mein Widerspruchsgeist nützte die Gelegenheit, um sich mal wieder einzumischen. “Warum kann ich nicht im Erdgeschoß anfangen?” Das sei nun eben so. Weg mit dem Widerspruchsgeist, rauf in den ersten Stock, gemeinsam mit einem anderen Besucher.
Oben haben wir dann bald bemerkt, warum wir oben anfangen müssen. Die Kassendame hatte nämlich auch die Aufgabe, als Gespenst oben herumzuhuschen, um die Ecke auf die Besucher zuzuspringen und “wu!” und “waaa!” zu schreien. Dazu setzte sie die Kapuze ihres schwarzen Umhangs auf, der überdies mit fluoreszierenden Skelettzeichnungen dekoriert war.
Tja, oben war es also reichlich finster, jede Menge künstliche Spinngewebe verhingen die Gänge, und zwischendrin gabs reizende wachsfigurenkabinettartige Tableaus mit rattenbenagten Gefolterten, schmerzverzerrten Vampiren und absonderlichen Dämonen. Ich mußte beim ersten Angehuschtwerden durch die Gespenstkassierin laut schallend lachen, was sie wohl in ihrer Geisterberufsehre etwas kränkte. Ein paar Anhuschversuche noch, dann gab sies auf. Irgendwo gabs da noch einen Raum, wo dumpf beleuchtet ein Wald voller unheimlicher Ku-Klux-Klan-Geister herumstand. Ich ging vorbei, und prompt huscht mich einer von denen an. “Nanana” oder sowas sagte ich, und damit hatte der wohl auch nicht gerechnet. Neinnein, ich bin nicht unerschrocken, aber wenn mein Widerspruchsgeist unterdrückt wird, zeigt er sich gern nach einigen Schrecksekunden als hämischer Schreckvergrämungsgeist und macht sich lauthals lustig. Ein paar Minuten später begegnete ich der Geistkassierin, wie sie, scheinbar geknickt (vielleicht war aber auch nur die Kapuze nicht ausreichend gestärkt und knickte ein) wieder zurück nach unten huschte. Unten gabs dann schauerliche Medizinszenen Marke Aderlass-und-Schafbluttransfusion, und in der Bar begegnete mir der Ku-Klux-Geist als Ausschenker von irgendwelchen Cocktails, da wo immer “Blut” im Namen hatten.
Dermaßen vorbereitet setzt man sich dann der Geschichte im Keller aus, die hauptsächlich in lieblosen Beschreibungstafeln und wahllos arrangierten Gegenständen besteht, die man im Bunker eben so gefunden hatte. Schulhefte, Bücher, Metallgeschirr, und – daran kann ich mich noch gut erinnern, sonst an weniger – eine Landkarte, auf der halb Afrika deutsch war. Zwischendrin hängen ein paar Briefe an der Wand, die die Schwierigkeiten des Museumsinitiators dokumentieren sollen, diese Art von Museum überhaupt bewilligt zu kriegen. Darin stellt er sich als wahrer Revolutionär dar, der sich heroisch gegen böswillige Bürokraten durchsetzen konnte.
Was allerdings an diesem Gruselkabinett-plus-Lieblosmuseum so heroisch sein soll, habe ich nicht verstanden. Ich sah das Ganze eher als eine Vergruselisierung von Geschichte: Nach pflichtgetreuer Durchwanderung des Gruselkabinetts kann man ja auch die historischen Bunkerdokumente im Keller noch noc h als Gruselei wahrnehmen. Ich habe immer damit gerechnet, dass mich im Keller plötzlich irgendein SS-Uniformträger gespenstartig anhuscht. So weit ging’s dann aber doch nicht.

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