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- 9 04 2002 - 21:08 - katatonik

das ich war los

das hotel hiess “hotel hanseat” und befand sich in düsseldorf. die mini-bar im zimmer konnte nur mit schlüssel geöffnet werden, der wo an einem bund mit dem zimmerschlüssel hing.

es muß wohl eine der peinlicheren hotel-situationen sein, wenn man sternhagelvoll mitten in der nacht die rezeption anruft und stotternd mitteilt, man hätte soeben seinen schlüssel in der minibar eingesperrt, und da wäre die tür zugeklappt und jetzt wär er da drin. konnte mich beherrschen, iss mir also nicht passiert

nach einigen minuten des nachmittäglichen rastens auf gediegener biedermeierbestuhlung, begleitet von einer fernsehdokumentation über koi-zucht in deutschland (in der auch der klan vorkam) wurde der weg in das eko-haus angetreten. der weg führte mitten in den bezirk niederkassel, der wo 23% ausländeranteil hat, von dem 80% japaner sind. daher sind in niederkassel auch viele japaner zu sehen und viele japanische schilder vor geschäften. der stadtteil ist sehr grün, hat seltsame kirchengebäude und häuser, an denen sich unvermutet wesen jagen oder wo lässig engel dran lehnen (engel?).
das eko-haus ist teil eines gebäudekomplexes, der wo auch japanischen tempel (jodo-shinshu) mit monstertempelglocke und reichlich japanische begärtelung inklusive steinbuddhafigürinen und (derzeit karpfenlosen) teich und barbierosa blütengesträuch enthält. einige gestalten strichen durch den garten, die sich vermeintlich zum um 15h beginnenden symposion eingefunden hatten. sie strichen auch zaghaft umeinander, da sie zwar wohl alle mutmaßten, zur selben gelegenheit hier zu sein, aber das mutmaßen nicht für ein herzliches ansprechen ausreichte. somit verstrich die einmalige gelegenheit, wildfremde mit “kommen sie auch zur ichlosigkeit?” anzusprechen, ungenutzt.
die vorträge wurden in einer kellerhalle gehalten, die charmcharaktermäßig zwischen volksschulturnhalle und japanischem tempelsaal angesiedelt war, also ideal. es gab namensschildchen inklusive akademischer titel, die man sich anheften sollte, und namensschildchen auf den tischen, hinter denen man platz nehmen sollte. ob die unübliche und exzessive tisch-individualbeschilderung mit dem symposionsthema zusammenhing, konnte im interdisziplinären dialog beim nachfolgenden sushi-buffet nicht geklärt werden. erwähnenswert unter den teilnehmern war der bereits von dieser konferenz und überhaupt bekannte, bunte-hemden-tragende, kluge teddybären besitzende spezialist in indischer philosophie, der die von metaphorischer sprache und der reichhaltigkeit metaphorischen sprachgebrauchs besessenen kontinentalphilosophen gerne mit den klaren explikationen der analytischen philosophie belehrt und mich dabei sehr gut unterhält. auch zwei reizende religionswissenschaftler waren zugegen, ein seit langer zeit in deutschland weilender bereits bekannter imposanter ceylonesischer buddhologe, ein lange zeit in japan geweilt habender linguist (noch nie so ein offen lachendes gesicht mit glatzkopf gesehen, hat was sehr ansprechendes), und, äh, einige andere, germanisten, philosophen, religionswissenschaftler, japanologen, indologen. was man zum thema ichlosigkeit also braucht, auch wenn man keine ahnung hat, was “ichlosigkeit” überhaupt ist.

im hof des eko-hauses hing eine eherne kette mit schelle herab. mein vorschlag, doch den schlechtesten vortragenden dort zur strafe eine nacht lang anzuhängen, fand keine zustimmung. [“den schlechtesten vortragenden” – ich war die einzige vortragende frau, und ich selber konnts ja wohl nicht werden, ne, niemals nicht.]

der interdisziplinäre dialog setzte sich i n einem bräuhaus fort, wo – gewissermaßen als metaphorischer treppenwitz auf interdisziplinarität, sicher von irgendwelchen heimtückischen kontinentalphilosophen initiiert – man durch einen gestrengen libanesischen kellner mit kölschem akzent in eine unterwürfige gastrolle diszipliniert wurde (“was, sie wollen noch was? warum hamse das nicht gleich gesacht! könnense nisch lauter schpresche? seinse dochmal ruhig, sieda, isch verschteh ja die bestellungen nisch!”). die erheiterung war kräftig, aber ermüdend, sodass der abend bald im hotel hanseat endete. überhaupt fanden alle hauptmahlzeiten gemeinsam statt und in bräuhäusern. leider gab es die “haxe satt”, die an einem bräuhaus beworben wurde (so viel haxe, wie man wollte, um 11,90 euros), nur dienstags. blöd, wo wir doch donnerstags bis sonntags tagten.
freitags hielt ich meinen vortrag, glücklicherweise unmittelbar nach einer sehr konfusen präsentation von einem buddhologisch inspirierten psychotherapeuten. nach konfusen vorträgen sprechen ist immer gut, da kann man sich leichter in sicherheit wiegen und bereits mit ein bisserl stringenz den eindruck eines konzisen nobelpreisträgers erwecken. vielleicht sollte man sich auftrags-vortragende zulegen, die dann immer vor einem sprechen und konfus daherreden. vielleicht machen nobelpreisträger sowas, bevor sie dann nobelpreise kriegen. die menschen stellten lebhaft fragen, die ich sogar einigermaßen beantworten konnte. viele menschen komplimentierten hernach. einige äußerten unmut. aber da die unmutsäußernden menschen ausschließlich konfuse buddhologisch inspirierte psychotherapeuten waren, konnte das dem sich abzeichnenden anschwellen meines ego keinen abbruch tun. nett, wenn das ego durch einen vortrag über ichlosigkeit anschwillt.
das sattsam geschwollene ego setzte sich nach durchgesessenem vortragstag in einen zug nach köln, wo herr herczeg mich freundlicherweise abholte. herr herczeg ist ein odenverfassungswürdiger mensch (“beodungswert”?). da mich meine oden bereits auf mehreren kontinenten unbeliebt gemacht haben – der odenindex, der odenindex! -, behalte ich die eilfertig abgefaßte ode auf herrn herczeg aber wohl besser für mich.
wie herr herczeg trefflich ausführte, war es ein überaus ichvoller abend, an dem zahlreiche themen besprochen wurden, wovon sich die meisten unmittelbar ans zwerchfell schmiegten und dort dann heftig herumzuspringen begannen. überdies bekam ich die gelegenheit, auf meinem teller das größte fettauge mitteleuropas zu sehen. es befand sich in der nähe der wand mit der größten kupferpfanne an einer kölner bräuhauswand. inspiriert von anekdoten über wandgemälde in fitnesscenter-hinterräumen inspizierten wir ein elvis-wandgemälde in einem lokal. die hoffnung, dort von wandmalerei-enthusiasten hinweise auf weitere exponate in der gegend zu erhalten, erfüllte sich leider nicht, woraufhin wir trotzig in eine paradoxe bar weiterzogen – sehr, sehr viele lichtquellen, und trotzdem wars recht finster. die menschen waren lebhaft. in köln gibt’s auch ein “dr. müllers sex-kino”, was retrospektiv die frage aufwirft, ob die beschriftung von symposions-namenskärtchen mit akademischem titel in zusammenhang mit der akademischen betitelung von sex-kinos steht.
der beodungswerte geleitete mich noch zum bahnhof, wofür er jetzt 250.000 100 euro strafe zahlen muß. durch den verkauf dieser gläser im gemeinsam mit dem ebenfalls reizenden herrn bernd geführten lädchen, da wo allerlei teufelszeug im design von 60ern und 70ern professionell posiert, wird der betrag aber wohl locker reinkommen.
der zug war übrigens sehr gestreift. ich auch.


... plastisch, dicht - und mich animierend, bei nächster Gelegenheit die Stadt am Rhein mal wieder aufzusuchen; sobald ich die ich-losigkeit erreicht (oder: überwunden?) habe ;-)
ach ja: die gläser sind wirklich bunt und das quicktime-movie wirklich streifig

docbuelle (Apr 16, 13:56) #

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