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- 5 05 2002 - 17:23 - katatonik

Die Zahnmedizin. Ich sags ja.

Seit einigen Jahren, Monaten, Wochen trage ich mich mit dem Gedanken, zum Kreuzzug gegen die mangelhafte Finanzierung von Zahnmedizin im öffentlichen Gesundheitswesen aufzurufen. Details der Strategie sind noch in Ausarbeitung begriffen, aber teilnahmebereite Junker und Junkerinnen in Kettenhemd mögen sich schon mal melden.

Spaß beiseite. Unlängst starb Willi Dungl, 64, an einem Herzinfarkt. Der Mann hat ein Gesundheitshotel gegründet, vertrieb Gesundheitsprodukte, propagierte gesunde Ernährung und weißderteufelwasgesundes. Er wird daher gelegentlich auch als “Gesundheitspapst” bezeichnet. Wie auch immer, unlängst starb er, und die Austro-Häme kannte wieder einmal keine Grenze (Gesundheitspapst stirbt an Herzinfarkt, hahaha, wie lustig). Ein “langjähriger Wegbegleiter” von Willi Dungl veröffentlicht jetzt folgendes Tonband-Interview, vor Jahren mit Dungl geführt. Kinderlähmung. Im Krieg sicher alles andere als ein Spaß. (Von einer dubiosen Krankheit, die er sich bei einer Afrikareise geholt hat, ist da nicht die Rede, hab ich aber anderswo gelesen.) Und die Zähne:

“Mit 25 oder so hab ich den Zahnarzt nur auf Raten zahlen können, wahrscheinlich hat er mir deshalb einen eitrigen Zahn nicht gleich gezogen, sondern bekront. Jedenfalls ist die Eiterung im Kiefer durchgebrochen, man hat alles ausräumen müssen. Zwei Monate später habe ich das erste Mal Blut im Harn gehabt. Es hat dann 15 Jahre gedauert, bis ich die Schrumpfnieren gekriegt habe, und draufgekommen bin ich 1978, zufällig am Tag des Todes von Ronnie Peterson. Ich hab dem Niki in Monza einen rausgerutschten Wirbel eingerichtet, setz mich am nächsten Tag ins Auto und denk, mir fehlt der Rückspiegel. Dabei war ich blind am linken Auge. In der Klinik sagen sie mir nach drei Tagen, tut mir Leid, Sie haben Schrumpfnieren, Sie haben noch drei, vier Monate Zeit, da kann man nichts dagegen machen. Zuerst denkt man immer, warum passiert das grad mir, dann kommst aber drauf, dass du eigentlich einen Dreck dagegen getan hast. Du hast zwar gescheit zu den anderen geredet, aber selber nichts getan. So, habe ich zum Professor gesagt, wenn mir eh nicht zu helfen ist, möchte ich heimgehen. Ja, gehen Sie heim, Sie werden jetzt immer schwächer werden, stellen Sie sich ein Bett im Geschäft auf, und wenn Sie dann nicht mehr die Stiegen raufgehen können, kommen Sie wieder. Dann hängen wir Sie an die Maschine an. Damals war die Dialyse noch ein Horror. Du bist sechs Stunden drangehängt und hast Krämpfe gekriegt, man hat noch von den Dialyse-Trotteln geredet. Eine Transplantation hat maximal eine Chance von 30 Prozent gehabt. Da habe ich gesagt, ich will alles tun. Jeden Tag, den ich am Leben bin, wird die Wissenschaft besser, die Medizin besser, steigen meine Chancen. Ich hab keine hundert Schritte mehr gehen können, weil die Luft gefehlt hat. Da habe ich angefangen, die Ernährung umzustellen. Bis zu dem Tag habe ich ja geraucht wie ein Trottel. Wenn auf der Tribüne am Fußballplatz ein Tschickhaufen war, haben sie gesagt, schau, da ist der Dungl gesessen. So ein Nervositätsraucher war ich.”

Es ist vielleicht unvermeidbar, dass beim Tod eines “Gesundheitspapsts” allerlei schwere Krankheiten erwähnt werden müssen, nur um zu vermeiden, dass die Häme gar zu viel an seinem Bild kratzt – eigentlich ein Wunder, dass der überhaupt so lang gelebt hat.
Wie dem auch sei. Ich einverleibe hiemit Herrn Dungls Krankheitsgeschichte in die offiziellen Akten des “wir wollen ordentliche und ordentlich finanzierte Zahnbehandlung”-Kreuzzuges und verbleibe mit kondolenten Grüßen.


ha! endlich DIE retourkutschenmöglichkeit! diese geschichte ist ein alter hut! wo waren Sie am 21.03.02 um 14.18? auf jeden fall nicht http://.../#10967652">hier!

stephan (May 6, 12:51) #


mein kommunikationsberater hat mir empfohlen, in meiner unfehlbarkeit gelegentlich absichtlich fehler zu machen, damit ich menschlicher wirke. also bitte.

katatonik (May 6, 13:05) #


ich hab jetzt auch eine agentur beauftragt, für mich ein diesbezügliches konzept zu entwickeln. mit nur einem kommunikationsberater komme ich schon lange nicht mehr aus.

stephan (May 6, 13:19) #


wir könnten uns ja dann austauschen, menschlichkeitswirkungskonzeptmäßig. und vielleicht sogar wettbewerbe veranstalten: wer wirkt menschlicher? der trick ist, das richtige maß zwischen unfehlbarkeit und trottel-olympiade zu treffen. gar nicht so einfach, kann ich dir sagen.

katatonik (May 6, 17:53) #

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