Go to content Go to navigation Go to search

- 3 06 2002 - 02:13 - katatonik

Der Moment

Als die FPÖ Teil der österreichischen Regierung wurde, gab es allerorten in Europa Aufschrei und Empörung, in unterschiedlichem Ausmaß, auf unterschiedliche Weise, mit unterschiedlichen Untertönen. Ein Unterton, der in deutschen – bundesdeutschen – Empörungsausmaßen immer wieder mitschwang, war der der Unbedarftheit und Unbeholfenheit des fastgleichsprachigen, putzigen Kleinstaates da im Süden.
Es kam zu einer Fernsehsendung, “Talk im Turm”, wo Kaliber aufgeboten wurden, die nun endlich einmal Jörg Haider entlarven und bloßstellen und der gesamtdeutschsprachigen Lächerlichkeit preisgeben sollten.
Es war die peinlichste Fernsehsendung, die ich je gesehen habe. Man hat gespürt, wie Ibrahim Erich Böhme danach lechzt, den Provinzgottseibeiuns auflaufen zu lassen. Vergeblich. Glatte und gleichzeitig gekräuselte Rhetorik mit diesen kleinen Spitzen, die für die Eingeweihten als Ressentimentverstärker eindeutig sind, für die Uneingeweihten aber durch ihre Verpackung unangreifbar bleiben, solange nicht entweder mit Faktenkenntnis entgegengesteuert oder durch von ihr untermauerte Thematisierung der rhetorischen Winkelmanöver gekontert wird.
Das geschah nicht. Ein lächerliches Schauspiel. Sympathieträger Haider sackte sie alle ein.
Ich gestehe, natürlich ungern, es war ein Moment der Schadenfreude. Da saß ich vorm Fernseher und dachte, ihr Scheißtrotteln, habt ihr gedacht, wir hätten das nicht schon alles probiert? Mit welcher Frechheit und unglaublichen Arroganz seht ihr über das hinweg, was österreichische Journalisten, Denker, Aktivisten schon seit Jahren versuchen? Man gesteht euch ja gern mehr Geübtheit im rationalen öffentlichen Diskurs zu, weil es bei uns einen solchen nur in Form einer irrationalen Simulation gibt, aber hättet ihr euch nicht zumindest über unsere Versagensfälle informieren und daran lernen können, bevor ihr euch am antidemokratischen Gottseibeiuns versucht?
Ähnliche Sentimente kommen jetzt hoch, wenn das deutsche Feuilleton über Möllemann schreibt. Als ob das alles ganz neu wäre, ganz unerwartet, ganz frisch empörungsbedürftig.
Wenn Europa etwas bedeuten kann, dann doch wohl auch, dass nicht jeder nationale politische Diskurs das Rad neu erfinden muß – dass es Austausch gibt, dass nicht nur die Existenz von Jörg Haider in Deutschland und sonstwo wahrgenommen wird, sondern auch eine jahrelange Auseinandersetzung mit diesem Phänomen (auch wenn sie das Phänomen nicht verhindern konnte, aber das tut ja der Qualität der Auseinandersetzung nicht von vornherein Abbruch). Dass man über das bloss Symbolische, Enblematische an politischen Figuren hinausgeht, in Diskussionen hinein.
Das scheint nicht zu passieren.
Oder: wo ist die europäische Politethnographie?


bliebe den fernsehern vieles erspart, wenn dein vorschlag aufgenommen würde. wie ich mir die talkshowpraxis ausmale, winkt aber der durchschnittliche host angesichts des vorbereitungsaufwands (videos angucken, argumentationsstrukturen zerlegen, rhetorische spickzettel machen usw.) dankend ab. Du meinst Erich Böhme? http://.../>Ibrahim B., vorübergehend wahlenkel willy brandts, war eine romanwürdig schillernde Figur, wahrscheinlich eine ganz arme sau, aber dem hätte ich zugetraut, dass er haider zerlegt.

mv (Jun 3, 04:23) #


Wenn das mit der Euro-Politikethnographie hinhauen würde, könnte ich vermutlich auch einen Erich von einem Ibrahim unterscheiden - danke!

katatonik (Jun 3, 10:00) #


Ich fürchte, man kriegt die FPÖ ja nur dann weg, wenn man den Leuten (wie unten mit der Gemeindebautaktik) klar macht, dass diese Haiderei ungemütlich ist. Wenn die österreichische Mentalität der bayerischen auch nur entfernt ähnelt, dann ist hektischer Aktivismus verdächtig. Da könnte man vielleicht einhaken.

gHack (Jun 3, 12:34) #


Ja, hektischer Aktivismus ist wohl auch hierzulande verdächtig. Die Trostlosigkeit setzt allerdings dann ein, wenn man feststellt, dass mit dem Wegkriegen der FPÖ die politische Landschaft nun so viel attraktiver auch nicht wird. Wohl eine Frage, wie klein denn die kleineren Übel nun sein sollen.

katatonik (Jun 3, 13:28) #


erstens: vielen dank für diesen beitrag.

zweitens: als notgedrungen einigermaßen regelmäßiger und informierter beobachter der diskussionen bei uns und bei euch (wo immer was von beiden ist), bin ich mir nicht so sicher, wo die rationaleren, intelligenteren und auch effektiveren debatten stattfinden - in d oder in ö. ich würde mal eher ö vermuten. die eine oder andere position, die es in ö zu haider gegeben hat - auch den thurnher, den republikanischen club oder so etwas wie, man wagt es ja kaum auszusprechen, die haltung vranitzkys - kommt in d praktisch nicht vor. ich befürchte auch, dass man in d bislang über diese errgungsschub-debatten noch nicht wirklich hinausgekommen ist und positionen wie die möllemanns noch immer nicht als dauerhafte positionen wahrnimmt und diskutiert, man hält das halt für stimmenbeschaffungsstrategien, fürchte ich. die linke wiederum guckt für meinen geschmack zu ungenau hin: sie wissen es eh immer schon, DASS diese ressentiments ressentiments sind, die immer wieder mal mobilisiert werden, und machen sich deswegen nicht wirklich die mühe, das jeweils neue ressentiment genauer anzuschauen (was man zum beispiel in den pim fortuyn-debatten öfter mal registrieren musste). bei den gegnern der alten und neuen populisten (ich nenne sie mal so, ist kein glückliches wort, ich weiß) kommt dazu, dass die - natürlich völlig berechtigte - verachtung dazu führt, dass sie es oft beim verachten und dem ausdrücken dieser verachtung belassen. deswegen bereiten sie sich bei konfrontationen wie der von der erwähnten haider-talkshow auf ntv (tatsächlich die peinlichste veranstaltung, an die auch ich mich erinnern kann) nicht vor, weil sie gar nicht damit rechnen, dass einer wie haider sein geschäft (das man eben erst analysieren müsste) tatsächlich blendend beherrscht. oder so ähnlich. ich glaube übrigens, dass für die österreichischen diskurse die waldheim-geschichte ebenso wichtig war wie die person und die politik haiders.

3. das alles bestätigt natürlich nur Deine forderung. die herrschaften hier sollten tatsächlich ganz dringend mal die österreichischen zustände und dazu gehörigen debatten der letzten jahre studieren.

praschl (Jun 3, 22:33) #


nun ja, das, was in ö über erregungsschübe hinausgeht (und derzeit scheint es ja in sachen haider nur noch erregungsschübe zu geben, die immer bizarrer werden - siehe irakreisen und slowenien), ist, glaube ich, auch nicht so viel.
ich glaube aber, dass die bedingungen für öffentliche debatten, die diesen namen verdienen, in d weit besser sind als hier. stichwort medien, medien, medien. man kann hier wirklich kaum anders, als das thurnher-mantra zu rezitieren: es gibt in österreich keine öffentlichkeit. es gibt einen öffentlich-rechtlichen-rundfunk, der sich im gerangel politischer machtstrategen den anschein von objektivität nur dadurch geben kann, dass er auf die hinhackt, die auf ihn hinhacken. es gibt die kronen-zeitung. es gibt formil (format + profil) als quasi-einheitsmagazin. die auseinandersetzungen, die im "standard" unter der rubrik "kommentar der anderen" stattfinden, sind eher schwachbrüstig und trauriger natur. auch da scheint man von seiten der redaktion immer mehr auf erregungsschübe zu setzen.
was intellektuelle angeht, tue ich mir ebenfalls schwer, welche namhaft zu machen, die nicht im eigenen saft vor sich hinbrodeln (republikanischer klub eingeschlossen). zumindest von hier aus betrachtet, und vom standpunkt meines d-medienkonsums aus (der natürlich sehr selektiv ist), spielen sich in d debatten oft auf einer ebene ab, von der man hier nur träumen kann. stichwort wehrmachtsausstellung, vermummungsverbot. alles, was hier mit verfassung zu tun hat, bleibt unterm tisch oder wird sofort wieder dorthin zurückgetreten, wenns hervorkommt.
allerdings gibt es natürlich trotz dieser mediensituation menschen, die intelligent und rational mit dem phänomen haider umgehen. die muß man halt suchen. aber das muß man.

katatonik (Jun 3, 22:52) #


liebe katatonik. ich verneige mich spät, nichtsdestotrotz tief vor diesem beitrag und seiner autorin.

p3k (Jun 6, 09:19) #


oh, dankeschön aber auch!

katatonik (Jun 6, 09:34) #

  Textile Help