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- 14 09 2002 - 12:20 - katatonik

Handlangerverdacht

“Kabarettisten und ihr Publikum erwecken schon seit zehn, fünfzehn Jahren den Eindruck, es gebe nichts Lächerlicheres als gesunde Ernährung, Friedens- und Umweltaktivitäten, Emanzipation benachteiligter Gruppen etc.
Traditionell steht der Bereich Kabarett/Satire in dem Ruf, im Auftrag der gesellschaftlichen Verbesserung unterwegs zu sein.
Das entspricht längst nicht mehr dem tatsächlichen Bild. Kabarettisten und Comedians sind heute Handlanger des Backlash, Formulierungshelfer des Establishments(“Gutmensch”).
Ich würde zu diesem Thema aus dem Kabarettlager gern mal etwas Selbstkritisches hören.”
Max Goldt in seinem letzten Buch “Wenn man einen weißen Anzug anhat” (Rowohlt, 2002), hier zitiert aus einer Besprechung desselben in der gestrigen Süddeutschen Zeitung.


Naja. Hofnarren und Kasper des Regimes gab es ja schon immer. Es gibt schon sowas wie einen Konflikt zwischen den Leuten, die "Scheibenwischer" machen und sich für das letzte Residuum an politischem Kabarett halten, und den Pro-Sieben-Comedians. Dieser Konflikt ist allerdings nicht lustig, also interessiert er mich nicht besonders. Ausserdem: Wie soll diese Selbstbezichtigung eines Kabarettisten aussehen, die Goldt verlangt? Dieter Hildebrandt stellt sich zum Autodafé auf die Bühne, beträufelt sein Haupt mit aus rituell-läuternder Verbrennung der gesammelten Werke von Hanns-Dieter Hüsch gewonnener Asche und bittet Urbi et Orbi um Erlass der begangenen Unwitzigkeiten? Oder Thomas Herrmanns vom "Quatsch Comedy Club" geisselt sich öffentlich mit Worten und Gabi-Köster-Haarverlängerungsteilen dafür, dass er Michael Mittermeier auf die Welt losgelassen hat und outet sich bei der Gelegenheit auch gleich als In-closet-Hetero? Das wiederum könnte fast schon wieder lustig werden.

gHack (Sep 14, 18:02) #


"Was Selbstkritisches" ist nicht dasselbe wie "Selbstbezichtigung".
Es geht auch nicht um Unwitzigsein.
Es geht darum, dass Kabarettisten - und da hat Goldt, glaube ich, Recht - vom Ruf einer gewissen linksgerichteten Subversion zehren, dass ihr Humor aber meistenteils längst in die andere Ecke gewandert ist. (Ja, da kann man jetzt wieder differenzieren usw. usf.) Es gibt doch massenweise Kabarettisten, die sich Abende lang über politische Korrektheit lustig machen, oder trügt da meine Wahrnehmung etwa?
Es gibt eben heutzutage recht viel "manwirddochwohlnoch"-Kabarett. Was nicht verwunderlich ist, weil es recht viel "manwirddochwohlnoch" überhaupt gibt.
Nachdem gerade Du ja immer wieder in Erinnerung rufst, wie manwirddochwohlnoch-Gekreische die Möglichkeit von Kritik zur Karikatur derselben & zur allgemeinen Ablenkung wie Verdumpfung mißbraucht, dachte ich eigentlich, Goldts Umlegung selbiger Beobachtung aufs Kabarett würde auf Dein Nicken treffen.

katatonik (Sep 14, 18:14) #


ich nicke dafür wie blöde. das stört mich ja z.b. auch an harald schmidt. sein witzthemenhorizont ist oft stammtisch- bis kalauerhaft, bisweilen sogar reaktionär, um mal mit dem presslufthammer in die diskussion reinzuhauen. aber wenn ich mich recht erinnere, konnte max goldt früher in der titanic auch ganz gut über political correctness abziehen. wahrscheinlich darf man comedians und kabarettisten nicht in denselben topf schmeißen. mittermeier hat mit hildebrandt nichts gemeinsam.

stephan (Sep 14, 18:28) #


Ja, da habe ich weiterassoziiert, vielleicht zu weit. Ich kenne halt den Artikel nicht ganz. Immerhin stützt sich Goldts Stil vor allem auf das freie Spiel der Assoziationen und da ist der Kontext wichtig. Da war ich mir jetzt nicht sicher, ob er das ernst meint oder ob da noch mehr Hintersinn drinsteckt, den man ja speziell bei Goldt erwarten darf.

Das mit dem "manwirddochwohlnoch"-Kabarett ist schlicht und einfach wahr. Das sind Typen, die sich als Prolos gerieren und Stumpfheiten verbreiten. Es gibt halt ein Publikum dafür. Eine Agenda, glaube ich, haben die nicht. Die Rechte braucht kein Kabarett, denn sie karikiert sich laufend selbst.

Ich kann mich tatsächlich noch an eine Diskussion mit einem konservativen Schulfreund erinnern, in der dieser sinnierte, warum es eigentlich kein rechtes Kabarett gäbe. Wir fanden die Lösung damals nicht, weswegen ich auch heute noch zuweilen über dieses Thema nachdenke. Der politische Witz der Rechten hat traditionell keinen Esprit. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Rechte an sich keinen Esprit hat.

gHack (Sep 14, 18:35) #


@stephan: Ja, Schmidts Herrenwitze werden auch immer müder. Da sich dieser Thread um Dinge dreht, die witzig sind oder witzig sein wollen, unterlasse ich die Erwähnung von Stefan Raab.

gHack (Sep 14, 18:40) #


kabarett oder witz sind ja sehr zeitabhängig. über p.c. herziehen kann vor einigen jahren gut witzig gewesen sein und auch noch andere implikationen oder funktionen gehabt haben als heute.
zu politischem witz der rechten fällt mir nur die verbrüderung mit dem publikum im gemeinsamen ressentiment gegen diedaoben oder auch diedadrüben ein. das gibt es allerdings auch beim politischen witz der linken, deucht mir. mich nervt sowas ja ungemein: diese unausgesprochene witzverbrüderung. brrrr.
paßt auch noch dazu: die jungs und dame von "monochrom" haben gestern bei der eröffnung des "quartier 21" so eine art drama gemacht, in dem sie ihren eigenen auszug anno 2009 aus dem museumsquartier inszenieren, in das sie gestern ja offiziell eingezogen sind.
das hatte so anklänge an maturaball-humor: wo man in halblustigen darbietungen über lehrer oder andere autoritäten spielerisch herzieht. pennälerisch. das ist mitunter sogar subversiv gemeint, kommt aber immer nahezu liebevoll bestätigend rüber, wenn nicht gar peinlich speichelleckerisch. so, fand ich jedenfalls, auch bei den monochromlern gestern (aber noch diesseits des speichellecker-limes), wo die autoritäten eben die kulturpolitischen fuzzis waren. bei sowas vergieße ich dann immer ein paar tränen für matthias beltz.

katatonik (Sep 14, 19:13) #


@ghack: warum es kein rechtes kabarett gab oder gibt, ist eine interessante überlegung. kann mich an einen spanischen film mit carmen maura erinnern, der zur zeit des spanischen bürgerkriegs spielte. sie spielte eine schauspielerin, die zur franco-soldaten-belustigung so was ähnliches wie rechtes kabarett machen mußte. waren sehr fies, die witze auf kosten der republikaner. also machbar wäre das schon.
übrigens: habt ihr kürzlich mal bei scheibenwischer den auftritt richlings als stoiber (vollverkleidet) gesehen? war wahnsinnig komisch.

stephan (Sep 14, 19:42) #


Ne, den Richling hab' ich nicht gesehen. Sehe nur noch selten fern. Muss ja Weblog beschicken.

Das Pennälerische findet man in Deutschland hauptsächlich bei den Faschings- und Karnevalsveranstaltungen. Auch beim Schwarzbieranstich auf dem Münchner Nockherberg, wo die CSU-Prominenz von einem als Mönch verkleideten Schauspieler "derbleckt" wird. In Bayern gilt das schon als Gipfel der Systemkritik. Allerdings ist es wirklich eine Wonne, dabei zuzusehen, wie Stoiber sich dazu zwingen muss, a) überhaupt und b) auch noch über sich selbst zu lachen.

gHack (Sep 14, 21:32) #


THW (Theoretisches Hilfswerk) Adorno: Juvenals Irrtum. Kurz durchgesprochen in einem Text mit anderem Focus:

http://www.outofthisworld.de/ootw/2002/text_mh.htm

Marcus Hammerschmitt (Sep 15, 17:43) #


Comedians oder Kabarett - das dürfte schwierig werden: Ich hab nicht schlecht gestaunt, als ich vor ein, zwei den Quatsch Comedy Club entdeckt habe und Josef Hader dort zu sehen war, mit einem frisierten Dialekt, den man auch in Hamburg versteht.

Harald Schmidt muß Herrenwitze machen, damit sich die Werbung für MAXIM und GQ ordentlich verkaufen läßt. Arme Sau.

Zum eigentlichen Thema: Vielleicht sind ja heute z.T. diejenigen Kabarettisten subversiver, die auf den ersten Blick nicht so politisch daherkommen. Z.B. die netten kleinen Männermacken-Verarschungen von Dieter Nuhr ("Zeitschriften übers Telefonieren? Wer kauft denn sowas?") Üblich ist ja, daß man verbissen lästert, wie doof das dumme Weib ist (z.B. über Frauen, die Rosamunde Pilcher sehen, um mal eine Weblogdiskussion als Beispiel zu nehmen), und sich dabei auch noch progressiv vorkommt. Über Männer tut man das ja eher nicht, obwohl da auch genug Scheiß auf dem Markt wäre.

Leider bin ich bei Kabarett nicht mehr ganz up to date (deshalb auch kein sooo geniales Beispiel), aber vielleicht lohnt es sich, mal die Kabarettisten näher anzusehen, die nicht von irgendeinem linken Image von früher profitieren....
Oder die Kabarettistinnen. Die gelten von vornherein als weniger wichtig, sind seltener im Fernsehen und kommen deshalb nicht so selbstgefällig daher wie viele Männer. (Das nervt, diese beifallheischenden Anton-aus-Tirol-Posen.)

Am liebsten mag ich diejenigen, die das Alltägliche und Alltags-Tragische als Thema haben oder fast absurd sind (Promi-Beispiele: Hader, Vitasek, Missfits) - das ist meist überraschender das Parteipolitgelaber vom Hildebrandt.

Irene (Sep 15, 19:19) #


Nachtrag: "Traditionell steht der Bereich Kabarett/Satire in dem Ruf, im Auftrag der gesellschaftlichen Verbesserung unterwegs zu sein. Das entspricht längst nicht mehr dem tatsächlichen Bild. Kabarettisten und Comedians sind heute Handlanger des Backlash, Formulierungshelfer des Establishments" - das könnte man ebensogut über die Grünen in Deutschland sagen. Die leben auch von einem subversiven und emanzipatorischen Ruf, den sie sich vor zehn, fünfzehn Jahren erarbeitet haben.

Irene (Sep 15, 19:56) #


Hm, ich glaube, Max Goldt ist sowas wie ein zurück-Relativierer.

Leute, wie obengenannte Kabarettisten (oder auch der Illies), die Müsli-Kultur und Gutmenschentum verbannen, verwechseln leicht den eigentlich positiven Ansatz mit der militant ausgeprägten Form, die einige Jünger ja nun leider praktizieren. Es ist dann ziemlich leicht, sich über diese Hardcore-Korrekten lustig zu machen, da hab ich auch nix gegen, solange man sich eben über Leute lustig macht, die eine gewise Lebenseinstellung mit religiösem Fanatismus verfolgen.

Nicht lustig finde ich, und da geb ich Goldt recht, wenn das Lustigmachen über diese Leute mit der Sache selbst verwechselt wird - was kann die gesunde Ernährung/die Mülltrennung/ die Rücksicht auf Minderheiten dafür, daß es unangenehme Fanatiker in ihrem Namen gibt? Gesunde Ernährung/ Mülltrennung/ Minderheitenschutz sind ja per se nun nichts schlechtes. Auch, wenn die Fanatiker meistens unhippe Menschen sind. Aber die Leute, die in meinem Supermarkt einkaufen, sind auch meistens unhip, trotzdem geh ich da weiterhin hin.Irgendwo muß der Lifestyle ja mal seine Grenzen haben..

andrea (Sep 16, 11:14) #


Es liegt auch am Publikum bzw. dessen Rezeption ob Kabarett als stammtischhaft bis reaktionär eingestuft wird. Z.B. haben Drahdiwaberl Ende der 70er Sachen veranstaltet, bei denen die politische Kritik so gut versteckt war, dass sie von Teilen des Publikums nicht oder flasch verstanden wurden, also z.B. Neonazis munter "1000 Jahre Werwolfromantik" gesungen haben.
Will sagen in einer anderen Zeit (heute) unter geänderten Vorzeichen wirkt manch bissiger politischer Kabarettist nurmehr als "Handlanger des Backlash, Formulierungshelfer des Establishments".
Darin steckt aber auch noch das Problem der Mehrheitenkritik - wenn heute die Mehrheit nicht hinter der Politik steht die sie qua Wahl zu verantworten hat, so ist sie automatisch mit den bisherigen Minderheitenkläffern aus dem oppositionellen Kabarettlager in einem Boot. Nicht der Fehler der Kabarettisten, sondern des Establishments.

Nachtrag: auf dem Nockherberg wird Starkbier (_nicht_ Schwarzbier) angezapft und die Derbleckerei dabei, die sich übrigens nicht auf die CSU beschränkt, ist zum Teil durchaus subversiv.

Andreas (Sep 17, 01:23) #


unser mit-monochromist frank apunkt schneider hat einen text ueber das phaenomen helge schneider geschrieben, der sich auch ueberaus sachdienlich mit den oben angesprochenen themenkreisen beschaeftigt.
hier ist der link:
helge schneider fuer kinder. protokoll einer besichtigungsfahrt an die nahtstelle des siamesischen zwillings >sinn/unsinn<

ps: ad monochrom und matura: http://campcatatonia.org/index.php?id=1009

grenzfurthner (Sep 23, 00:21) #

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