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- 17 09 2002 - 02:10 - katatonik

oh, <a href="http://campcatatonia.org/index.php?id=1010">ein nerv getroffen</a>, oder sowas in der richtung.

wir danken für die wortreichen wortspenden zum thema kabarett und politik, die wir, hicks, in etwas angetrunkenem zustand hiemit wortreich würdigen. (wichtelwichtel, wie manche an dieser stelle sagen würden.)
zu adorno: die these, dass sich die satire am liebsten von einem moralisch erhabenen standpunkt aus über bestehende verhältnisse mokiert, scheint mir kabarettpraktisch unzutreffend. soweit im kabarett satire vorkommt, wird heute nicht ein moralisch erhabener standpunkt eingenommen, sondern eher ein diffus auf-zustimmung-des-publikums-zählender. es könnte sein, dass sich die im kabarett angewandte satire vom gestus her von der literarischen satire unterscheidet, weil erstere wohl stärker und unmittelbarer auf publikumszuspruch schielt. es könnte auch sein, dass die moralische erhabenheit des satirischen standpunkts in die kabarettsituation als unterschwelliges kulturkapital mitgeführt wird. hicks. andiskutieren. hicks.
ich sehe sehr selten kabarett, übrigens. 1999 kam ich aus kabarettarmen japanischen jahren zurück nach wien und ging dann zu einem thomas-maurer-stück. herr maurer war mir persönlich bekannt, und dementsprechend sah ich mir das stück an.
was soll ich sagen: ich begann nach drei minuten oder so herrn maurer zu bemitleiden, hicks, weil er sich mit diesem ganzen schwachsinn von welt-nach-blablabla-art-in-männlein-weiblein-trennen (a) abgeben und (b) das auch noch lustig darstellen mußte. mußte? ach, ich weiß nicht. mir stellte sich plötzlich die frage, wie viel man als profi-witzemacher auf die gedanklichen universen des witzepublikums eingehen muß, und da wurde mir schlecht. wir ham dann noch ein paar achteln getrunken, da kam das nicht zur sprache, und da war auch noch eine junge dame dabei, die begeistert vom letzten handke-stück (jugoslawienmäßig, siewissenschon) erzählte, und ich meinte, sowas würd ich mir aus prinzip nicht anschaun, und sie mochte mich nicht, und ich hab die bekanntschaft von herrn maurer dann nich mehr weiter gepflegt, und das ist wohl blöd, aber so war das. eben. hicks ?!
josef hader habe ich im deutschen fernsehen einmal gesehen, und das war der gipfel der genialität dessen, was man als österreichischer kabarettist im deutschen fernsehen machen kann. hicks !!!
nix mit liebäugeln mit alpiner niedlichkeit, kein flirt mit austro-zungenverdrehter kauzigkeit, sondern der konsequente entwurf einer dramatisch geschlossenen manie, die natürlich austromäßig identifizierbar ist, weil der hader nun mal ein melker lachmelker ist, aber das austriakische keineswegs (a) verniedlicht, (b) überstrapaziert, (c) glatt poliert (wählen sie ihr attitudinales feindbild: (a), (b), oder©). so viel zu hader, den ich allerdings live nie gesehen habe.
was ich in fastletzter zeit live gesehen habe, ist das da, und demgegenüber ist jedes blatt blümchenklopapier (a) lustiger und (b) politischer und© anregender.
harald schmidt habe ich seit fast einem dreiviertel jahr nicht mehr gesehen (wg fernsehkaputt), aber den fand ich auch sehr grenzgenial gnadenlos. hicks. reaktionäres usw. entging mir wohl. hicks %$&/)


hicks.

funzel (Sep 17, 09:02) #


Wenn man sowas Publikumsbezogenes macht wie Kabarett oder Pop im Allgemeinen, so besteht die Kunst ja immer darin, zu checken, welche Makros im Publikum schon da sind und mit denen dann zu spielen. Spielt man zu sehr auf Nummer Sicher, wird man verlieren. Gute Leute, wie zum Beispiel die Biermösl Blosn, checken bei Gastspielen _immer_ vorher ab, was in der Stadt so los ist, in der sie spielen. Dann bauen sie den CSU-Bürgermeister und seine neuesten Sauereien möglichst g'schert in ein G'stanzl ein. Singt man G'stanzl eigentlich auch in Österreich? Das ist ja sowas wie der bayuwarische Rap.

gHack (Sep 17, 10:43) #


G'stanzl'n gibt's in Österreich auch (die Attwengers kennen sich da aus), ja.
Das mit den Makros finde ich weiter beredenswert.
Gibt es beispielsweise auch im Villacher Fasching. Funktioniert natürlich auch dort. Ich war ja einmal bei einer Festsitzung des Villacher Faschings, anno 1990 oder so, damals mit Landeshauptmann Haider. Da hat man auch die Makros registriert, Haider verarscht, der stand am Ende grinsend und triumphierend auf der Bühne, und das Volk jubelte ihm zu. Ein toller, demokratischer Kerl, der Spaß versteht.
Mein Halbbruder, Kindertheatermacher und auch beim Kabarett gelegentlich aktiv, lud mich einmal in das so genannte Seminarkabarett "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit" von Bernhard Ludwig ein. Da wurde ordentlich auf Klischees zu männlich-weiblichem Sexual- und anderem Verhalten herumgeritten (Männer gehen immer fremd und denken mit dem Penis, Frauen wollen immer gleich Liebe und haben Orgasmusschwierigkeiten, Männer sind tumbe Esel, Frauen hysterische Zicken, blabla). Die dramatisch etwas avancierte Version des Schwiegermutterwitzes. Die Makros haben funktioniert, keine Frage.
Das waren jetzt zwei Beispiele, die ich (a) unlustig und (b) aus Gründen, die ich vor Zuendetrinken des schon fast erkalteten Kaffees vor mir nicht näher benennen kann, ärgerlich & bedenklich fand. Wo ist die Grenze zwischen einerseits lustig-akzeptablem Makroabtasten und andererseits unlustig-bedenklichem? Kann man die ziehen? Fall-zu-Fall-Entscheidung oder -Empfindung?

katatonik (Sep 17, 11:45) #


Da muss ich uns vorher noch nen frischen Kaffee machen. Dann kann ich weiterdenken :)

gHack (Sep 17, 11:48) #


OK, also zweiter Versuch. Ich glaube, eines der Merkmale, an denen man affirmativen Klamauk erkennen kann, ist die institutionelle Einbettung. Es wird ein von den Mächtigen anerkannter Rahmen geschaffen, innerhalb dessen Grenzen Kritik geübt werden darf. Wie Du ja schon festgestellt hast, gibt es kaum etwas, was Macht so sehr bestätigt, wie das lächelnd in der Öffentlichkeit inszenierte Anhören von untertänig vorgebrachter Kritik, denn Schwächen machen menschlich - speziell dann, wenn sie selbst vordefiniert werden.

Verlässt die Kritik diesen Rahmen oder die akzeptierten Makros, dann wird sie als unfreundlich wahrgenommen, als unanständig gebrandmarkt und bekämpft.

gHack (Sep 17, 13:21) #


meiner ansicht nach stürzen sich in österreich nur ster- und grissemann aus diesem skizzierten rahmen.
wer's nicht glaubt lese das interview mit den beiden nach, das sich heute in diebekannt regimeunkritischen "oberösterreichischen nachrichten" verirrt hat. (http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur.asp?id=319511&ressort=Kultur)

zitat...ach was, zitat...ausschnitt:

Stermann: Wie kann man ernsthaft in Erwägung ziehen, Schüssel wieder zu wählen, nach all dem Irrsinn im Land? Ich weiß, Österreich sieht sich selbst gerne in leidender Position, aber auch das hat seine Grenzen.

Grissemann: Das langweilt mich alles. Ist mir scheißegal, ob Schüssel mit Mölzer, Stadler oder Riess-Passer paktiert.

Stermann: Dein Standpunkt ist dumm.

Grissemann: Aber ehrlich. Ich glaube auch, dass Schwarz-Blau bei den Wahlen wieder die absolute Mehrheit bekommen wird.

Stermann: Es gibt Momente, wo ich nicht mehr zynisch sein will.

Grissemann: Ich bin nicht zynisch, nur müde. Und du redest wie ein satter Kleinkünstler.

Stermann: Ich kann mich deshalb aber nicht aus allem raushalten. Wie der Düringer, der in den Interviews so tut, als gäb's gar nichts, wofür man stehen müsste. Außer für das, was man tut, und für Autos. Ich lebe in diesem Land, und da krieg ich auch einiges mit.

Grissemann: Einen Scheißdreck kriegst du mit.

Stermann: Das ist doch Schwachsinn.

Grissemann: Glaubst du nicht, dass vierzig Prozent von dem Geld, das du einstreifst, dreckiges Geld ist? Du lässt dich ja auch von jedem Herrn bezahlen.

Stermann: Das ist jetzt etwas anderes.

Grissemann: Verstehst du, ich greife nicht deine Sätze an, sondern deine Haltung. Für mich bist du nicht integer genug.

Stermann: Wer ist schon integer?

Grissemann: Wenn du bei der "Modestrecke" von News mitmachst, dann ist das ein Zeichen von Nicht-Integerhaftigkeit.

Stermann: Weil ich vor sechs Jahren in News war, darf ich jetzt nichts mehr sagen? Das ist doch Schwachsinn.

Grissemann: Mich stört dein Heiligenschein. Wenn du Werbung für die Wiener Städtische machst, bist du verlogen.

Stermann: Ja, das sag ich auch jedem, ja, das ist verlogen.

Grissemann: Dein Leben abseits der Bühne ist also auch nicht moralisch einwandfrei. Du kommst mir vor, als würde sich Schumacher gegen Autoabgase aussprechen. Sag mir doch endlich deine Haltung zur Werbung. Wenn ich Werbung für McDonald's mache, leide ich wie ein Schwein, leidest du auch?

Stermann: Das ist doch lächerlich. Seit meine Tochter vier Jahre ist, weiß sie, dass wir dort nicht hingehen, weil die Leute kein Trinkgeld bekommen. Die weiß das! (Stermann steht auf, um Getränkenachschub zu holen. Er kommt nicht wieder.)

del (Sep 17, 19:11) #

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