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- 28 12 2003 - 21:09 - katatonik

Sockenstörung

“Vergangene Nacht wurde mein Schlaf von einem Zehenloch in einer Socke gestört. Ich hatte von dem Loch gewusst, als ich morgens die Socke – es war eine weiße Röhrensocke – anzog, aber tagsüber stört mich ein Loch kaum. Ich kann Socken mit einer fürchterlichen Heckluke tragen und tue es auch, dann ragt die ganze Ferse wie ein Tafelbrötchen heraus. Nachts dagegen erwachen die Ränder des Lochs zum Leben. Gestern Abend begann gegen halb zehn Uhr, ich las gerade meinen Gedichtband von Robert Service, der Lochrand die beiden Zehen, die hindurchragten, zu kitzeln und zu plagen. Ich versuchte, die Zehen zurückzuziehen und mit ihnen etwas vom Rand der Socke zu erfassen, sie über die Öffnung zu ziehen wie ein zu kleines Deckblatt, das vom Bett gerutscht ist, aber es klappte nicht – das klappt fast nie. Da wusste ich schon, später, nach Mitternacht, würde ich aufwachen und die Kühle des Lakens auf jenen beiden nackten Zehen spüren, und das würde mich stören, wobei jene Kühle mich nicht stören würde, wäre der ganze Fuß entblößt. Als Folge des Zehenlochs würde ich nicht mehr schlafen können, und das wollte ich nicht, weil ich mir vorgenommen hatte, um vier Uhr morgens aufzustehen.

Zum Glück hatte ich gestern Abend eine Alternative. Ich hatte eine saubere Röhrensocke mit ins Bett genommen, als Maske über die Augen, falls Claire noch lesen wollte. Zum Einschlafen brauche ich Dunkelheit. Ich habe von meinem Großvater eine Augenmaske aus dicker schwarzer Seide, wahrscheinlich aus den dreißiger Jahren, aber die riecht nach meinem Großvater, jedenfalls nach dem Innern seines Nachttischs. Das Gute daran, sich eine Socke über die Augen zu ziehen, ist, dass sie ein Provisorium ist. Wenn man sich bewegt, rutscht die Socke vom Kopf, aber da ist man dann schon eingeschlafen, und sie hat ihren Zweck erfüllt. Als das Loch in der Socke an meinem Fuß unerträglich wurde, langte ich hinunter, zog sie mit einem sauberen Ruck aus und schmiss sie in die Richtung des Abfalleimers durchs Zimmer – wenngleich ich sagen muss, dass der Anblick eines Stücks Unterwäsche, das man über viele Tage und Jahre mit dem eigenen Körper abgenutzt und gewärmt hat, zerknüllt im Abfall etwas beinahe schmerzlich Unangemessenes hat. Sodann zog ich über meinen nackten Fuß die frische Socke, die ich auf dem Gesicht gehabt hatte. Und das war so gut: O Mann, war das gut, richtig gut. Ich schob meinen frisch umhüllten Fuß wieder in die abgelegene Region der Laken, zog die dicken Wolldecken um mich und krümmte dann eine Hand und legte sie mir über die Augen, wo die Socke gewesen war, so wie eine Katze die Pfote. Schließlich kam Claire ins Bett. Ich hörte ihre Nachttischlampe anklicken und die Seiten ihres Buches rascheln, und dann drehte sie sich herum, damit wir uns einen Gutenachtkuss geben konnten. „Du hast die Hand über den Augen“, sagte sie. Ich murmelte. Dann drehte sie sich wieder um und schob ihren warmen Pyjamahintern zu mir her, und ich steuerte, die Hand auf ihrer Hüfte, durch die Nacht, und ehe ichÂ’s mich versah, war es vier Uhr und Zeit, aufzustehen und Feuer zu machen.”

Nicholson Baker, Die schöne Verstimmtheit des Dreiklangs.


"Röhrensocke" ist übrigens die Übersetzung von amerik. "tube sock": "Tube socks are circular knits and have no shaped heel area. The socks can be put on several ways and will stretch enough on any side to fit the heel area." Source: "Selecting Socks", part of Ohio State University Extension Fact Sheet, section Textiles and Clothing.

katatonik (Dec 29, 02:08) #


So eine ist mir aber noch nie über den Weg gesockt.

gHack (Dec 29, 08:14) #


Hm. Willkommen im innersten der Schlafgedanken oder so?
Na jud, mach ich mit. ;-)

Stellt sich natürlich die Frage, warum du die Socke nicht gleich abends ausgezogen hast. :o)

Ich kann nicht schlafen, wenn ich noch Socken anhabe - klar, ohne Socken hat man gelegentlich kalte Füsse, aber dagegen habe ich einen Getreidesack, den man ein paar Minuten in die Mikrowelle packt, und der dann halt eine Weile wärmt - aber wenn ich eine Socke anbehalte, ist der Fuss dauerhaft irgendwie zu warm und wenns zu warm ist, kann ich halt nicht schlafen...

Stefan (Jan 4, 00:20) #

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