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- 04/01/15 20:17 - katatonik

Wenn du zur Meise gehst, vergesse nicht den Pinienkern (und den Photographen)






campfire [1]

- 22/12/14 20:06 - katatonik

Zeichen im Schwarzwald

Ich fahre gern in den Tagen vor Weihnachten durch das Land. Ich lasse mich gern irgendwohin einladen und mir dafür die Reise bezahlen. Wenn sich das zuweilen ergibt, sitze ich in fast leeren Ersteklasseabteilen, häufig allein, immer still, und werde durch Landschaften in Hellgrau, Graugrün, Braun oder Nachtschwarz gezogen. Ich mache keine Fotos. Ich twittere gerne Abfälliges über Kassel-Wilhelmshöhe, einen Ort, den ich nur als Verursacher massiver Verspätungen im Bahnwesen kenne, und den ich wegen seiner Loriotschen Lautqualitäten aufrichtig schätze. Nur elsässische Ortsnamen wie “Oberhoffen-lès-Wissembourg” haben ein Gnihihi-Potenzial vergleichbaren Ausmaßes. Es knarzt übrigens immer im Zug. Deutsche ICEs haben ihre je eigenen, leicht voneinander abweichenden Knarzprofile, die man in Sonogrammen bestimmt verdeutlichen kann, so wie zeitlich gedehnten Zaunkönigsgesang.

Manchmal bleibt der Zug stehen, dann sieht man etwas, Bahnsteige, Menschen, deren Gepäck, meistens aber sieht man nichts, und nichts bedrängt einen, es anzusehen, ihm Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im Bewusstsein, dass da draußen geradezu hysterische Geschäftigkeit herrscht, die aber unsichtbar bleibt, fährt man durch die Landschaft im standardisiert möblierten, leeren und leise knarzenden Raum. Das ist würdig und recht.

Am Wochenende vor Weihnachten fahre ich, gewissermaßen in Verlängerung der Reisen in räumlicher Entlegenheit, gerne an etwas entlegenere Orte. Letztes Jahr und dieses Jahr war ich im nördlichen Schwarzwald; von einem meiner beiden Wohnorte aus ist es dahin nicht weit. Hierhin führen mich dann nicht leere Ersteklasseabteile, sondern S-Bahnen, in denen viel ein- und ausgestiegen wird, nicht selten mit Schnapsfahnen und Bierdosen; missbilligende Blicke werden geworfen, hin und her, immer wieder. S-Bahnen in Karlsruhe sind ganz besonders seltsam, weil sie aus der Stadt hinausführen, aber so aussehen, als wären sie für eine kleine Stadt erdacht worden, vor langer, langer Zeit; ein bisschen so wie Karlsruhe selbst, von dem ich einen bestenfalls oberflächlichen Eindruck habe, der mir freilich nicht nahelegt, dass ich das bedauern sollte.

Es geht mit der S-Bahn durch Vororte von Karlsruhe. Es geht die Alb entlang, die Wiesen sind für die Jahreszeit bizarr grün. Hie und da steht ein Graureiher am Albufer und lauert auf Fische. Ich ersinne Kalauer, in denen das Wort “Albtraum” vorkommt.
 

 
In dem Ort, in dem ich aussteige, ist fast nie jemand zu sehen. Die, die auch aussteigen, gehen alle zielstrebig irgendwohin; es wird nicht geschlendert. Wer schlendert, hat sich offensichtlich verirrt. Um diese Jahreszeit spaziert auch kaum jemand — und wenn, dann nur im Park um die Therme, oder im etwas weiter nördlich gelegenen Kurpark.
 

 
Es ist ein Kurort mit vielen Wegweisern, in einer Kurlandschaft mit noch mehr Wegweisern. In Kurlandschaften wird ganz besonders gern hingewiesen, denn Möglichkeiten zu Erholung und regenerierendem Zeitvertreib bedürfen der Benennung, der Aufmerksamkeit, der Konzentration auf bestimmte Orte. Es gibt Orte und Unterkünfte mit „ruhe“, „rast“ oder „blick“ am Ende, und „Wald“, „Tal“, „Park“ oder „Wiesen“ zu Beginn. Etwas undurchsichtiger ist die Gastronomie. Natürlich haben Eiscafés italienische Namen, und Bistros französische, aber –
 

 
Aber. Vielleicht gibt es Orte, an denen der exotische Traum mit der Abbildung der Landschaft als Heimat verbunden wird, werden kann, werden muss, wer weiß. Kurorte sind mit ihren heimatgenerierenden Zeichen, mit ihrer zaghaft-dekorativen Fremdheitssuggestion auch räumliche Projektionen von Formen der Urlaubskommunikation von anno dazumals, aus jener Zeit, in der die heute Älteren jung waren. Damals haben sie Karten verschickt, heute sehen sie Spuren davon in den Kurorten, an denen sie weilen, in den Namen, und auch in den Schriftzügen. Die Kurorte sind so alt, wie die Jugend ihrer Besucher vorbei ist. Wie sehen Kurorte in dreißig Jahren aus? Gibt es sie dann noch, so dass sich jemand überlegen muss, wie man das bis dahin sicher längst archivierte Facebook-Design in Caféfronten übersetzt, um den Rentnern Reminiszenz zu ermöglichen?
 

 
Ich fahre gerne im Winter in Kurorte, spaziere durch Thermengegenden mit ihren Ferienwohnungen, Pensionen und Therapiezentren. Da ist selten jemand. Das üppige Zeichensystem ist vorhanden, aber doppelt aus der Zeit, denn das meiste Angezeigte hat geschlossen. Freizeitanlagen stehen leer (Minigolf, Freischwimmbäder) und werden von vorweihnachtlichen Zusammenkünften genützt (die junge Feuerwehr schenkt am Minigolfplatz Glühwein und Kinderpunsch aus, es gibt Blasmusik). In den Wiesen außerhalb des Ortes lungern Schafe und Ziegen. Ponyhöfe sind verwaist, hie und da hängt noch ein buntes Hinweisposter auf kinderfreundliche Aktivitäten an einem Baum; man hat es abzunehmen vergessen.
 



 
Erst, seit ich in entlegene Kurorte fahre, an den Wochenenden vor Weihnachten (nie an Weihnachten selbst), bemerke ich, wie viele Paare und Familien diese Zeit in Hotels zubringen. Das hatte ich nicht geahnt. Einmal war ich nicht in einem Kurort, sondern in einem etwas kostspieligeren Biohotel im Elsass, sehr entlegen, ich musste dreimal umsteigen und dann mit dem Taxi abgeholt werden, bevor ich ankam. Deshalb mache ich das nicht noch einmal, obwohl es sehr schön war. Es war schön, freundlich wirkenden französischen Familien und Paaren beim Abendessen beizuwohnen, doch am 24. hätte mich das deprimiert; ich hätte ihre Anwesenheit als skeptische Anfrage verstanden („und Sie?“), das wäre mir dann doch unangenehm gewesen. Mein Französisch ist nicht gut genug, alles zu verstehen, was an Nebentischen geplaudert wird. Das hat mich Frankreich gegenüber schon immer positiv eingenommen. Wahrscheinlich bringt der Franzose beim Vorweihnachtsessen auch seinen rassistischen Quark mit gewinnendem Lächeln vor, dieser Perfidling.

 

 

Im Schwarzwaldkurort brachte ich das Wochenende letzes Jahr im kostspieligen, renovierten Hotel auf der einen Talseite zu. Dieses Jahr nächtigte ich im weniger kostspieligen 1980er Hotel auf der anderen (“im Stil der 1980er Jahre renoviert”). Mehr junge Paare dort, mehr ältere Paare hier. Mosaikfliesen im Dampfbad dort, Plastikverschalung hier. Gewiss, mehr Wohlhabende dort, mehr weniger Wohlhabende hier. Kinder in beiden Fällen eher eine Seltenheit. Ich bilde mir ein, der missbilligende Blick war in beiden Hotels recht gut vertreten, stärker jedenfalls als im Elsässer Hotel, damals. Es ist ja weniger stets ein akut missbilligender Blick, vielmehr der Eindruck, die meisten Anwesenden würden sich missbilligend verhalten, sobald sie sich zu Verhalten aufgefordert sähen. Es ist die Disposition zur Missbilligung, die im Aktualisierungsfall zu einem an die Allgemeinheit gerichteten „ts, ts!“ oder „also sowas!“ wird (von Kopfschütteln begleitet). Darin unterscheidet sich im übrigen der deutsche Griesgram vom österreichischen Guftwuzel (man kann fast sagen: der Deutsche vom Österreicher, denn das Griesgrämige gehört beiderorts zur Grundstimmung), denn letzterer äußert sein Missfallen direkt in einem „bist deppert?“, während sein deutsches Pendant stets zur Allgemeinheit gerichtet missbilligen muss.
 

Während des Frühstücks am Sonntagmorgen flog ein Graureiher auf das Dach des 1980er Hotels. Er oder sie stand dort ganz oben, gute zehn Minuten, und hielt Umschau. Sie wissen, was ich meine: Stehen, Kopf und Schnabel nach links wenden, Kopf und Schnabel geradeaus wenden, Kopf und Schnabel nach rechts wenden, und weitermachen, ohne Aufregung, wachsame und gelassene Selbstbestimmtheit verkörpernd.

campfire

- 19/12/14 20:29 - katatonik

Paris, Regen


















campfire

- 28/09/13 16:53 - katatonik

Tüdelü

campfire

- 22/09/13 19:30 - katatonik

Variationen in Meer





campfire

- 13/09/13 21:42 - katatonik

Mann und Möwe

campfire

- 10/04/13 21:41 - katatonik

Gediegene Verschrullung

Ein Mann am Stock steigt in den Bus ein, hinter mir. Er erhebt Anspruch auf einen Sitzplatz hinter dem Fahrer, doch eine Frau weist ihn darauf hin, dass da noch ein bequemer, breiter Sitzplatz ein Stück weiter hinten sei, der ja auch für Gehbehinderte ausgeschildert sei. “Ach so”, sagt er, “danke”, und setzt sich. “Ich bin so lange nicht Bus gefahren, wissen Sie.” Alle nicken, wie man eben so nickt, wenn jemand etwas Unerwartetes, unerwartet Persönliches in die fremde Öffentlichkeit sagt. “Seit Montag fahre ich wieder Bus. Davor bin ich das letzte Mal am 4. Januar 1964 Bus gefahren.” Das entspannt die Lage, ja klar, da können Sie sich ja nicht zu recht finden, isjaklar, und alle plaudern anerkennend, wissend durcheinander.

campfire

- 07/04/13 20:21 - katatonik

Wenn Menschen größer wären als Systeme, könnten sie sich nicht verstecken






















campfire [2]

- 06/04/13 16:46 - katatonik

Modalitäten der Bewegung

Mir ist, als wäre ich altmodisch, in einer noch zu empfindenden Weise. Das ist, als würde man unscharf sehen, sich selbst und die Welt, und daher das eine oder das andere, die Welt oder sich selbst, in Dauerirritation behalten.

Im Anflug auf Shanghai zeigt die Fluglinie ein Video, dem man nicht entkommen kann, denn es legt sich gnadenlos über alles, was man sich gerade im persönlichen Unterhaltungssystem so ansehen könnte – Ralph Fiennes’ Coriolanus, oder Wanderlust, oder eine chinesische Serie namens The Lurk (2009), in der ein kommunistischer Untergrundaktivist 1946 die Kuomintang unterwandert und eine Fassadenehe mit einer ebenfalls infiltrierenden Guerillakämpferin führt, sich aber dann wirklich in sie verliebt, etc. pp. (sounds familiar ?)

Das Video, dem man nicht entkommen kann, fordert die Fluggäste zur Gymnastik auf. Die Fluggäste, noch müde, sind amüsiert oder irritiert, aber viele machen mit. Die Stewardessen zeigen Übungen vor, verstärken die Videos, die neben Einzelvorturnern auch Gruppen in Parks zeigen. “Calisthenics” sagen sie, dabei ist darunter auch ein astreiner gomukhāsana (nur der Armteil). Vieles, was ungewohnte Gruppenaktivitäten angeht, die man mit Asien verband, stieß früher vielleicht auf modernistisches Unwohlsein, aber das ist nicht mehr so. Fragen der kulturellen Identifikation haben sich abgelöst, Fragen des postmodernen Spasses haben sich überlebt. Fragen der Selbstoptimierung haben sie ersetzt, sage ich mal so.




campfire [3]

- 14/03/13 20:46 - katatonik

Vessels of delight (San Francisco)




campfire