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- 1 04 2007 - 20:20 - katatonik

The Swimmer (1968), R: Frank Perry, D: Burt Lancaster und andere

“The Swimmer” beruht auf einer Geschichte von John Cheever. Ich habe den Film erstmals in Japan auf Video gesehen. Einmal pro Woche fuhr ich per Fahrrad damals ans andere Ende der Stadt Hiroshima. Dort gab es eine Videothek mit einer großen Zahl nichtjapanischer Filme in Originalsprache. Es war nichts außergewöhnlich Cinephiles an dem Laden; er war Teil einer Kette, mit dem Sonderangebot von 5 Filmen für 1000 Yen pro Woche.

Auf “The Swimmer” stieß ich zufällig. Ich hatte davor nichts von dem Film gewusst. Es ist schön, Filme zu sehen, von denen man nichts weiß, nichts gelesen hat, nichts erzählt bekommen hat. Ich habe das Video kopiert, und es lag hier wohl jahrelang ungesehen herum, war nun nicht mehr zu finden. Wieder an den Film erinnert, beschaffte ich mir nun die DVD.

Ned Merrill, der muskulöse, vom Altern in der Sonne gezeichnete Burt Lancaster, erscheint am Pool eines befreundeten Paares. “Ned! Neddie!” Diese überrascht-freundlichen Rufe wird man an einigen Pools im Laufe des Films hören. Woher Ned kommt, an diesem Sonntag Vormittag, das weiß man nicht. Er ist da, er tauscht manisch, aber konzentriert Überschwang aus, mit den verkaterten Gastgebern und deren verkaterten Gästen. Er hat eine Idee: Er könnte nach Hause schwimmen, durch die sonnigen Wälder und Hügel Connecticuts laufen, von einem befreundeten Pool zum nächsten, dabei die Pools durchschwimmend.

Der Film zeigt den Verlauf des schwimmenden Heimwegs. Er friert Reflexe der Sonne in Augen und Blättern ein. Er folgt Ned Merrill. Er ist Oberfläche, indem er Schwimmen, Körper und Begegnungen zeigt, und dabei Neds Leben in Splittern sichtbar macht, Oberflächen davon, Schnitte hinein.

Ned trifft auf alte Freunde, neue Feinde, alte Lieben, alte Gläubiger. Die Gespräche am Rande der Pools, bevor und nachdem er sie durchschwimmt, sind unser Bild seines Lebens, gemeinsam mit den Bewegungen seines Körpers. Das Bild wird nie ganz werden, ähnlich des Bildes, das man von Städten hat, wenn man sie erstmals kennen lernt: einzelne Punkte, Gebäude und Haltestellen, durch Fahrten und Gänge umschlossen, aber nie zu einem kontinuierlichen Ganzen verbunden. Splitter von Irritation und Sympathie, Menschlichkeit und Abstoßung, und, so kommt es mir vor, letztlich vor allem Wahn, aber nicht unsympathischem Wahn. Das ist das schöne Paradox des Filmes: sympathischer Wahn.

G. fühlte sich an “The Valley of the Dolls” erinnert, denn auch “The Swimmer” zeigt die Oberfläche einer Gesellschaft, die sich für erfolgreich und gut hält. Auch “The Swimmer”, zeigt darin, wie er die Oberfläche zeigt, Einsamkeit, Brüche und Tragik dahinter, darunter. Aber “The Valley of the Dolls” ist zorniger und anklagender, wenn ich mich recht erinnere. Er hat eine Moral zu vertreten, indem er Unmoral zeigt und anprangert. “The Swimmer” hat das nicht. Das wäre das eine.

Der Schwimmer ist allein. Er spürt das Wasser um sich brausen, er hört seinen Atem, er sieht, wenn er krault, nichts als das Wasser oder den Boden des Beckens darunter. Schwimmer leben bestenfalls parallel zu anderen Schwimmern, wenn sie das Schwimmen ernst nehmen, und Ned Merrill nimmt das Schwimmen sehr ernst. Er nimmt vieles ernst; sogar seine manischen Nettigkeiten haben Ernsthaftigkeit, vor allem aber seine Blicke aus strahlend blauen Augen.

Aber der Ernst wird nur vom Wasser gespiegelt, nicht von den Menschen, das wird immer deutlicher. Im Verlauf des Filmes zerbricht Ned, noch während wir unser Bild von ihm zusammensetzen. Zu Beginn des Filmes schwimmt er kraftvoll. Am Ende watet er bibbernd, erschöpft und auch körperlich verletzt durch den letzten Pool auf seinem (vermeintlichen) Heimweg. Am Ende setzt Regen ein. Der Regen ist das Ende. “The Swimmer” hat auch viel mit Wirklichkeiten zu tun und deren Wahrnehmungen, ihrer Flüchtigkeit und Subjektivität. Neds Leben ist nicht so, wie es die Wasseroberfläche zeigen könnte, und nicht so, wie er es sieht. Das ist der Wahn.

Die Pools, die Ned durchschwimmt, gehören Menschen. Sie sind wichtig für die Menschen, sie und ihre Größe, ihre Schönheit, die Qualität des Wassers (“99.99.99 percent filtering of all solid matter in the water”, stellt ein Poolbesitzer stolz seinen neuen Pool vor.) Sie sind Symbole von Reichtum, Lebensart und Lebensstil. Sie gehören zu den Menschen wie die Drinks, die an ihren Rändern gereicht werden, die Chauffeure, die ihre Wagen fahren, die Lieferanten, die französische Erdbeermarmelade in ihre Häuser bringen. Die Pools gehören dazu und sind Dekoration. Sie werden nicht benützt, indem man in ihnen schwimmt. Sie sind türkise Wasseroberflächen, die genossen werden, indem man ihre Ränder genießt. Der Pool ist seine Umgebung. Der Pool ist nicht er selbst.

Es gibt eine sehr schöne Szene, in der Ned gemeinsam mit einem kleinen, von seinen Eltern in der Obhut eines Dienstmädchens zurückgelassenen Jungen den geleerten Pool von dessen Haus durchwandert: Sie gehen am türkisblauen Boden entlang, mit den Armen rudernd; Ned erklärt dem Jungen, der schlecht im Sport ist, wie er schwimmen kann. Sie sprechen. Am Ende ist der Junge stolz darauf, erstmals eine ganze Länge durchschwommen zu haben. Aber es war ja nicht echt; es war ja kein Wasser drin. So dürfe er nicht denken, sagt Ned. Niemals. Es war echt. Er hat es geschafft.


vielleicht kennen sie klaus tschabitzer, vielleicht haben sie ihn mal auf einem euroranch-clubabend gesehen und/oder gehört. ich kenne den film jedenfalls nur vom hörensagen, weil herr tschabitzer sich seinen künstlernamen davon abgeleitet hat. http://fm4.orf.at/grenzfurthner/103239/main

(wie mach ich hier nen anständigen link? ich hab keine ahnung!)

p3k (Apr 5, 08:52) #


latürnich! (den herrn hätt ich natürlich erwähnen sollen, wie peinsam.)

(link: wie mit textile. linktext in doppelten anführungszeichen, dann doppelpunkt, dann url.)

katatonik (Apr 5, 17:35) #


Gute Rezension!

Jo Perrey (Sep 1, 16:35) #

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