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- 13 06 2005 - 23:50 - katatonik

Dunkelziffer, tobend

Gestern hat mich der Nachbar ins Wiener Volkstheater verschleppt, wo Schorsch Kamerun Kathrin Rögglas Text “draußen tobt die dunkelziffer” inszeniert hat. Im Volkstheater war ich sehr lange nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal im Volkstheater war, ob ich überhaupt schon im Volkstheater war. Das Volkstheater sieht aus wie ein Biedermeierbau, der in den Siebzigern oder Achtzigern des 20. Jahrhunderts renoviert wurde. Die Bestuhlung stellt sich unangenehm geformt vor, erweist sich im Verlauf von 100 Minuten dann aber doch rückenfreundlicher als gedacht. Man sollte aber keine langen Oberschenkel haben, wenn man sie benützen möchte.

Schorsch Kamerun beginnt und endet den Abend als Moderator. Als Moderator ist er gewitzt und charmant, gelegentlich übertrieben kalauerig, als Regisseur äußert er sich auch einmal, etwas holprig, aber das geht schon ok. Schorsch Kamerun stellt vor: Wir begeben uns auf eine kriminalistische Suche nach dem Mittelstand, der tot ist. Das Verstorbensein des Mittelstandes eröffnet den Abend. Dann wird der Mittelstand gewissermaßen kurz reanimiert, damit die Todesursache rekonstruiert werden kann, also, ob Selbstmord oder Fremdeinwirken. (Natürlich gibt es keine so einfache Konklusion, man ist ja nicht beim Tatort, obwohl ich ein tatorteskes Aufschlüsselungsende für den Tod des Mittelstandes nicht so schlecht gefunden hätte.)

Personen, die als Mittelstand verstorben sind, werden vorgestellt. Dann gibt es noch drei Personen, die symbolisieren: Ein Fahrer in Fahreruniform das Auto (oder das Gefahrenwerden darin, weiss man nicht so genau), ein Dienstmädchen die Hausgehilfenschaft (oder so), ein Gärtner die Freizeit. Sie sitzen anfangs in der Kulisse, dann rollen sich Texte an ihnen und durch sie auf, und andere Figuren kommen dazu.

Kathrin Rögglas Stück behandelt die Verschuldung, privat und geschäftlich. Die Texte des Abends stammen, denke ich, nicht nur aus ihrem Stück. Es gibt Einsprengsel. Die österreichische Musikerin und Sängerin Gustav führt ein paar ihrer Nummern auf, wovon die über die dicken Kinder, die abnehmen wollen, am besten passt. Videos werden gezeigt: davon, wie die Theatertruppe als toter Mittelstand, der nicht pleite sein will, mit entsprechenden Transparenten auf der Mariahilfer Straße demonstriert, wie Käserainer (der Typ von Oma Hans) als Berliner Wurstverkauf-Ich-AG in der Shopping City Süd herumläuft, mit Käsekrainer natürlich. Ein schöner Sketch zwischen zwei Schauspielern, denen Dialog zwischen zwei Aufenthaltswerbern in Österreich per Band eingespielt wird, und der das kalauerig mit der Geldsammlung für die Erhaltung von Unserm Steffl (Stephansdom) verbindet. Versatzstücke, schlingensiefisch inspiriert, aber freundlicher. Es passt und amüsiert, es ist intelligente Nummernschau, fein, aber zwischendurch beginne ich zu denken, dass Rögglas Text ohne Kameruner Einsprengsel nicht bühnenfähig wäre, oder zumindest für mich nicht auf der Bühne interessant, und zu mutmaßen, dass ihr Text, den ich nicht gelesen habe, mich wahrscheinlich als Text sogar ärgern würde. Vom Ansatz her. Vom Engblick her.

Der Mittelstand stirbt, weil er pleite ist. Menschen im Konkurs, in der Pleite, gleichzeitig handybesessene Teenager, kreditbetrügende Pleitiers, Kreditkartenkinder. Alles irgendwie pointenhaft. Sermonesk. Am Ende des Stückes läuft im Hintergrund ein Video: schwarzweiß, in das exquisite Bürgerleben brechen Tiermasken tragende Störwillis ein und zerstören alles. Das hat mich an einen Film erinnert, den ich möglicherweise nie gesehen habe, etwas aus den Sechzigern, besser, Siebzigern des 20. Jahrhunderts, etwas mit Bourgeoisie und dem Einbrechen von Störfaktoren von draußen. Jetzt sind die Störfaktoren die Berater, die, die sagen, Sie haben das Geld längst nicht mehr, das sie ausgeben, die Pfänder, die mitnehmen, was mitzunehmen ist.

Was macht das alles eigentlich politisch? Wenn man den Tod der Mittelstand als seinen ökonomischen Niedergang beschreibt, als seine Gängelung durch automatisierte Schuldeintreibinstitutionen? Die Leute haben weniger Geld, irgendwann werden sie so wenig haben, dass es knallen muss. Das ist eigentlich alles, was bleibt von dem Stück. Viel Sprachmechanik, die Sprache der Berater und der Pleitiers nachbildend, vielleicht, um Sprachkritik zu betreiben als Beleuchtung gesellschaftlicher Verhältnisse, aber zwischendurch frage ich mich, ob diese Sprachkritik nicht einfach darauf hinausläuft, dass es besser wäre, wir hätten alle einfach mehr Geld und könnten mehr shoppen, überspitzt gesagt. (Zwei, drei Momente in einzelnen Monologen ließen mich aufhorchen, allerdings, die gingen weiter und tiefer ins Mittelständische rein, oder, genau genommen, in die Verfasstheit der Gegängelten, die sich selbst zu gängeln beginnen.)

Was ist das für eine Betrachtungsweise des Mittelstands, im Vergleich zum einstmaligen diskreten Charme der Bourgeoisie? Die Bourgeoisie war menschlich ausgehöhlt und politisch hinüber, der Mittelstand ist einfach nur pleite.


Der Mittelstand unterscheidet sich (unter anderem) dadurch von der Bourgeoisie, dass er sich erst gar nicht vormacht, irgendeine Substanz zu haben, welche über die unmittelbar sichtbaren materiellen Besitztümer hinausgeht. Dadurch unterscheidet er sich von der Unterschicht und das reicht ihm schon, weil allein schon dazu beträchtlicher Aufwand nötig ist, denkt er.

gHack (Jun 14, 08:20) #


Mittelstand sind die, die für ihre Kinder kein Bafög be.com, es aber bräuchten, denkt man.

seewolf (Jun 14, 13:04) #


tja, wenn der mittelstand wirklich so tumb ist, ist es wohl kein wunder, dass sich an seinem niedergang kein allzu berauschender theatertext entlangschreiben lässt.

katatonik (Jun 14, 19:17) #


ihre shermaneske bezugnahme auf den film aus den sechzigern oder siebzigern bezog sich nicht etwa auf zabriskie point (1970)?

agrypnia (Jun 20, 00:38) #


Die drei Symbole sind: Fahrer- welcher für das Auto steht, das Dienstmädchen-welche die Wohnung symbolisiert und der Gärtner, wie du richtig schriebst-die Freizeit darstellt.
Der seewolf hat mit seiner Definition von Mittelstand vollkommen recht.

kätzchen (Jun 21, 19:08) #


Das Thema ist jedenfalls sehr interessant.

gHack (Jun 21, 19:35) #

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