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- 30 08 2025 - 18:12 - katatonik

Im Tun das Nichtstun kultivieren

Am Rande der Großkonferenz in Leizpig zweimal frühmorgens gewalkt, vom Stadtzentrum westwärts an kommunistischen Monumentalbauten vorbei in den Clara-Zetkin-Park hinein und dort eine größere Runde durch viel Grün. Es war sonnig und noch nachtkühl. Es gab Graureiher, Bläßhühner und Stockenten, ältere Damen am Morgenspaziergang, Basecap-Radfahr-Boys, Sportkampfradler und Joggerinnen. Walken durch fremde Städte und Parks immer so ein Gefühl wie ein Gang durch die Welt einer Kinderzeichnung, wo alles flächig gemalt ist und einfache, unhintergehbare Namen trägt: Baum, Haus, Auto, Katze, Frau, Mann.

Im Gespräch mit R. aus Jerusalem erinnerte ich mich und ihn daran, wie ich ihn in Berkeley während einer anderen Konferenz so bewundert hatte, da er, nicht minder vom Jetlag gelähmt wie ich, jeden Tag vor dem Frühstück laufen ging, also so richtig sportlich: laufen. Er hätte das längere Zeit nicht mehr gemacht, sagte er nun, jetzt, während der Angriffe aus dem Iran, wieder begonnen. Er konnte nicht nur dasitzen und nichts tun.

Beim Abschlußkaraoke der Großkonferenz (it was a first) gaben Frau J. und ich Rainhard Fendrichs Strada del Sole, sehr vergnügt vor einer Versammlung von Menschen, die des Österreichischen nicht kundig und in der Doppelbödigkeit österreichischen Humors nicht versiert waren. “Strada del Sole” ist ein Lied über fragile Männlichkeit vor der Folie von Italien-Stereotypen, in dessen Vokale und Diphthonge man sich herrlich reinseiern kann. Es war mir wichtig, als Präsidentin der die Großkonferenz symbolisch überschirmenden Vereinigung vor anwesenden Jungwissenschafter*innen dezidiert Unfug zu treiben. Im Tun das Untun gewissermaßen.

M., aus Berlin nach Wien gereist, rückte meine Erinnerungen an eine gemeinsame Kunsttransportfahrt von Wien über Zürich und Stuttgart und Wuppertal nach Berlin zurecht (“nein, ich habe damals nicht die Badewanne meiner Schwester in Böblingen überflutet, ich habe die Badewanne des Galeristen in Zürich überflutet!”). Dann war da noch die Geschichte der Büste von Thomas Mann, die M.s Vater angefertigt hatte; Thomas Mann hat sie seinen Tagebuchaufzeichnungen zufolge gehasst. Es soll recht vergnüglich gewesen zu sein, gerade diese Büste dem S.-Fischer-Verlag als Leihgabe zur Verfügung zu stellen, anlässlich einer dieser Jubiläumsveranstaltungen (M. findet Thomas Mann eher nicht so prickelnd).

Eine Gartenparty voller Lebensverlaufgeschichten. Einige davon könnte man als Geschichten des Scheiterns erzählen — Künstlerbiografien, die sich von künstlerischer Tätigkeit entfernten, aus Gründen des Von-etwas-Leben-Müssens —, aber die Betreffenden erzählten sie nicht so, vielmehr als Geschichten von Entscheidungen, von Perspektivwechseln. Im Garten der feiernden Gelöstheit klingen sie nach gewiss nicht spannungsfreien, aber eben auch nicht total trostlosen oder völlig verzweifelten Geschichten. Die Dinge ändern sich, und man tut halt. Begegnungen von Menschen, die damals — späte 1980er, frühe 1990er Jahre — für mich unterschiedlichen Zusammenhängen angehörten, jetzt aber bilden sich neue Gruppen, und Linien kreuzen sich. Chöre und Kulturvereine. Gespräche über Gesänge. Im Hintergrund quietschten zwei geschätzt achtjährige Mädels beim Köpfeln in den putzig dimensionierten Swimming-Pool.

Geschichten auch von solchen, die man nicht mehr sieht: solchen, die das Haus nicht mehr verlassen, den Fernsehapparat nicht mehr ausschalten, wenn man sie besucht, Rückzugsgeschichten. Einen von denen suchte der M. dann am Tag nach der Gartenparty auf, aber er war dann doch nicht anzutreffen, und die Telefonnummer passte auch nicht mehr.

Erzählungen, wie früher, also damals, der M., der G. und der nie besonders gesprächige F., der immer herumstand, dann irgendwann in der Nacht in dem einen Lokal zu tanzen begannen, drei tendenziell mit ihren Ärmeln segelnde Herren, davon mindestens zwei in Anzügen. So wollte es das Gesetz, ungeschrieben. Der M. und ich setzten das Gespräch am Tag nach der Gartenparty fort, in die Nacht hinein, in so einem Lokal “wie früher”, einem Tresenlokal, einem Sitz- und Stehlokal, in das du auch alleine gehen kannst, wenn du willst, und wir sind solche, die sowas tendenziell wollen, und wo junge Menschen, jüngere Menschen, abhängen, du aber nicht auffällst. Wir kamen auf ähnliche Reisen zu sprechen, in die Schweiz und nach China, auf Kunst in Beijing und die Grenzen ihrer Möglichkeiten, auf die Gao Brothers (Gao Zhen, der ältere, immer noch im Gefängnis, scheint’s), auf den leider bereits verstorbenen irischen Künstler und Fotografen Patrick Jolley (dessen Kunst wir damals auf der Badewannenüberflutungsreise unter anderem transportiert hatten), darauf, dass irische Künstler die Eigenart hätten, nicht alt zu werden. Und dann, als wir schon am müden Ende des fantastisch durchplauderten Abends waren, ging plötzlich die Tür auf, und überraschend kam der F. herein, tatsächlich der F., du glaubst es nicht. Jetzt weißhaarig, klar, etwas stämmiger, klar, und da war ein kurz zunickendes Lachen und Wiedererkennen, und dann setzte er sich hin, der F., klar, das mit dem Rumstehen ist irgendwann auch nicht mehr so einfach, und der M. und ich gingen, ohne uns von ihm zu verabschieden, das tat man früher ja auch nicht.

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