Zerspant
Naan Gerd (“gerd”, Farsi: “kreisförmig, rund”). # Alan Abrahams und Jan Jelinek: Take me, I’m yours, Mai 2026. # Zerspante Tage # Bei einem Vortrag gewesen anfangs der Woche, wo mir nun, am Sonntag, gar nicht mehr einfällt, wer und worüber es war. Ja, doch: Es war eine interdisziplinäre Veranstaltung über imperiale Infrastrukturen in recht alter Geschichte, eine sympathische, jung wirkende japanische Assyrologin sprach über Assur, in der aufzählenden, vorstellenden, enzyklopädieartigen Weise, wie japanische Vorträge oft gehalten sind. Man hatte andere, eher seniore Repräsentanten regional benachbarter Fächer als respondents geladen, sie blickten von der Projektionswand als Zoomgesichter herab. Eine kuriose Kombination, Umständen geschuldet, mir war dann etwas zu viel “wonderful” dabei. Es kam zu einem Abendessen, draußen, in kleiner Gruppe, die Kollegin fächerte für die japanische Gästin alle möglichen Essensoptionen auf, und natürlich war die Japanerin damit total überfordert, und das macht man in Japan auch nicht so, da wird entweder von den Gastgebern bestellt, weil es ihre Zuständigkeit ist, für die Umgebung des Gastes zu sorgen und zu erspüren, was gerade angemessen wäre (denke ich, man denkt sich die Dinge ja so zurecht), oder es wird höflich eine bestimmte Option als regionaltypisch oder Spezialität des Hauses empfohlen, und das wählt eins als Gast dann natürlich erwartungsgemäß. Es kam dann also zu einer Schnitzelempfehlung, die japanische Kollegin verzehrte es dankbar, hernach kam es zu Grappa. # Nachts nach Hause radelnd.

Die Reinanke ist ein Süßwasserfisch, der sich von Plankton ernährt. Man könne, so der Fischhändler, die Reinanken der Seen in Kärnten und Oberösterreich nach ihrem Geschmack unterscheiden, denn das Plankton der einzelnen Seen unterscheide sich merklich. # Es fällt manchmal leicht, sich in Formen einzufinden. # Gespräche in mehrere Richtungen, was ein fertigzustellendes Dokument zur Planung betrifft. Suche nach dem richtigen Tonfall aus Bewusstsein für nötiges Sparen, denn es müssen ja alle unbedingt sparen (was geht mit Vermögenssteuern?), und selbstbewusstem Drang nach Zukunftsentwicklung, # Alle reden von “Strategie”, oder von “strukturellen Problemen”. # “die wir konstruktiv begleiten werden” is the new “schaumamal”. # Wenn sich das Wasser wie Beton anfühlt, einfach weiterpflügen. Weitermachen, weiterrotieren, weiter atmen. Überhaupt: atmen. # Bei noch einem Vortrag gewesen, ansprechend, viele historische Details, alter Bekannter, altes Bekanntes, das wirkt erholsam. Danach Sichuan-Essen, anfangs wehre ich Versuche ab, mir die Zuständigkeit für die Essensauswahl zu übertragen (“du kennst dich da ja aus und has das letzte Mal so gut …”), dann orchestriere ich doch den Entscheidungsfindungsprozess und finde mich zufrieden drein. Nachts nach Hause radelnd. # Eine Lektüresitzung mit Kolleg*innen und Student*innen, ich kann mich auf so etwas nur noch peripher vorbereiten, gerade in so zerspanten Wochen, dann wieder so ein Glücksmoment, weil es dennoch gelingt, die Struktur eines aus dem Sanskrit in das Tibetische übersetzten Textes aus dem, sagen wir, 9. Jahrhundert, besser zu verstehen, einordnen zu können, worauf der Autor mit diesem und jenem Schritt hinauswill, das Verständnis der Kollegin, die sich in ihrer Arbeit auf diesen Text konzentriert, voranzubringen, zu unterstützen.

Im Café Hummel teetrinkend einen Text gelesen, von einem anderen, der sich sehr intensiv unter anderem mit einem alten von mir beschäftigte, was mich freute. Vorwiegend ältere Besucher im Lokal, die alle etwas aßen, dazu ganz grauenhafte Muzak vom Band, WTF?. # Kühles Wasser an kühlen Tagen, im Stadionbad mehr Krähen als Menschen. Sie, die Krähen, haben den spaßbadartigen Pool mit Rutsche ganz für sich, schreiten am seichten Poolrand im Wasser umher, baden sich schüttelnd, schlürfen Wasser. Aus dem Stadionbad durch den 2. Bezirk radelnd, noch zwei Flaschen Champagner aufgabeln, dann zu einer Feier, die eine Dreifachfeier wird, Geburtstag, Krankheitsanzeichenlosigkeit nach schwerer Krankheit, akademische Karriereoptionen der ankommenden Art. Das ist schön, aber dann auch stark orchestriert, detailreich erzählt. Ich sehe bemüht wohlwollend über mein Mißfallen hinweg. Der Champagner schmeckte den Menschen. # Zu viel, noch zu sprechen, noch mehr über Parameter des akademischen Seins zu sprechen, das ist gerade keine Form, in die ich mich an diesem Abend noch einfinden möchte, es findet sich in mir keine Form, in die ich mich noch einfinden möchte, aber es findet sich auch nichts spontan Ungeformtes, dem ich nachgehen könnte mit denen, die da sind. Man nennt es wohl Müdigkeit. Nachts nach Hause radelnd.

Elliot Sharp spielte im Celeste vor gefühlt dreißig Leuten (den hatte ich zuletzt irgendwann im B.A.C.H. gehört, vor gefühlt dreißig Jahren), im Anschluss an den charmanten “Club Okkult”, ein Projekt von Christian Reiner und Leonard Skorupa, das zu wohlig-kratzigem Blasinstrument Texte und Stimmen vorstellt, die sich im engeren und weiteren Sinne mit Okkultem befassen (gibt es ein Tor zur Hölle im 3. Bezirk?). # Formen des gewogenen Herumsitzens, Süffelns und Hörens. Es werden diese Woche wohl mehr als 70 Kilometer Fahrrad werden.

Hier- und Dajima
Es gäbe in japanischen Schwimmbädern — die recht seicht sind — eigene Spuren für Aquawalking, das unter älteren Menschen sehr populär wäre, sagt A. Tatsächlich waren mir bei Online-Erkundungen der Zeiteinteilungen in diversen Schwimmbädern (nicht, dass ich wirklich dafür Zeit gehabt hätte) Slots für Aquawalking aufgefallen, ohne dass ich verstanden hätte, was damit gemeint ist.
Die Nachbarinsel heisst “Mukoujima”, so heissen anscheinend einige Inseln Japans. Ein generischer Name? “Mukou” heisst so viel wie “da drüben”. Die Insel da drüben. Korrekt liest man den in Kanji geschriebenen Namen, glaube ich, eigentlich “Mukaejima”, das wäre dann “die willkommenheißende Insel”, auch nicht schlecht, doch mir gefällt der Name “die Insel da drüben” mit seiner Relativität und Beiläufigkeit. Noch lieber würde ich auf einer Insel wohnen, die “die Insel im Dadrüben” heisst. # Zum Ort Naoshima, der 1954 vom Rang eines Dorfes in den einer Stadt erhoben wurde, gehören 27 Inseln, von denen (Stand 2010) nur drei bewohnt sind. Mukaejima zählte da 15 Einwohner*innen. # Mitsubishi Materials, James Bond und moderne Kunst (sehr viel von letzterer). # Witze darüber, dass Naoshima eine perfekte Bond-Insel wäre, werden von der Realität verschaukelt, dass es hier tatsächlich ein James-Bond-Museum gibt, da die Insel das Setting des Bondromans “The Man with the Red Tattoo” (2002) war.
Im Ryokan treffen abends die Gäste in bunten Yukatas zum Abendessen ein, die sehr verschiedene Muster haben. Eine Art Karneval der Selbstverständlichkeit. # Erinnerung an ein Abendessen im historisch restaurierten Städtchen Narai (Größe eher dorfig), ein Ryokan, wo abends alle Gäste in gleichfarbigen Yukatas an niedrigen Tischen zusammensaßen, geometrische Muster, Indigo auf weißem Grund. Ich als einzige Ausländerin, das war mir etwas unangenehm. Nicht, weil die Leute unfreundlich gewesen wären, ganz im Gegenteil, sondern weil das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, sich nicht ausblenden ließ und die ganze Unterhaltung sich um Aspekte meines Fremdseins drehte, so eine Art Konversationsgefängnis. # Erinnerung an Ausflüge mit Kolleg*innengruppen. Institutsausflüge mit Profs und Studis, auch auf Inseln, wo dann alle in gleichen Yukatas nach dem geschlechtergetrennten Gang ins heiße Bad an niedrigen Tischen unzählige Variationen von Meeresfrüchtegerichten mit viel Bier und Sake genossen, dazu evtl. auch Karaoke. Dasselbe auch nach einer Konferenz im Fachkreis, Regionalabteilung Westjapan. # Von den Inseln sahen wir damals nicht viel, es ging ums gemeinsame Baden, Essen, Trinken, Palavern und gelegentlich auch Singen, auch um das Aushandeln von Konflikten in einem geschützten Raum, abseits der offiziellen Instituts- oder Konferenzumgebung. # Die Muster der Indigo-Yukatas (für Männer gedacht), hier ein paar dekodiert. Man fand sie früher in jedem Hotelzimmer vor und konnte in ein Gefühl gediegener Leichtigkeit schlüpfen, spüren, wie die aufgeräumte Geometrie Anmut produziert. Auf dieser Reise in den Hotels mit Ausnahme des Inselryokans weiße Waffelpyjamas oder Nachthemden; sie blieben unbeschlüpft.
Geile Systeme
Im Hotel in Hiroshima gab es ein Wartesystem für das Frühstück während der reisefreudigen Golden Week (im Restaurant ganz oben, im 14. Stock). Am Frühstücksticket dazu ein QR-Code, dessen Aufruf zu einer Wartelisten-Management-Website führte, wo man sich registrieren sollte. Es war etwas umständlich: E-Mail-Adresse eingeben, dann Bestätigungslink in der E-Mail klicken, dann die Anzahl der Personen eingeben, noch einmal klicken, dann hat man reserviert. Per E-Mail oder Benachrichtigung kommt dann die Nachricht, wann man sich in das Restaurant begeben sollen. Ich fand das anfangs recht blöd, dann bald superpraktisch. Besser vorher wissen, dass der Frühstücks-Zeitslot in 45 Minuten beginnt und dann aber sofort einen Tisch bekommen, wenn man dort aufkreuzt, als erst vor dem Restaurant herausfinden, dass es noch länger dauern wird.
Ein von vornherein geiles System ist Takkyubin: Transportunternehmen, die in Nullkommanix auch ganze Koffer versenden. Das wohl größte und bekannteste davon ist Yamato, das sind die mit der schwarzen Katze als Logo, die eine kleine schwarze Katze mit dem Mäulchen trägt, auf gelbem Grund. Man sagt auf Japanisch auch gern: “Schick mir das doch mit der Schwarzen Katze”, und dann weisst’, was los ist. Die Türkis bemalten Lieferwägen von Yamato fahren hier überall herum.
Während wir uns aus Hiroshima über mehrere Verkehrsmitteletappen auf eine Insel in der Inland Sea (Setonaikai) verfügen, mit leichtem Gepäck, reisen also die zwei Koffer mit Takkyubin bereits nach Tokyo voraus, wo sie uns zwei Tage später an einer Hotelrezeption erwarten werden. Ich hatte Sorge, dass die Koffer evtl. nicht in zwei Tagen in Tokyo sein könnten, es sind ja doch ca. 830 Kilometer. Derweil war die Sorge der Takkyubin-Mitarbeiterin eine ganz andere: Hotels nehmen Takkyubin-Sendungen für Gäste maximal einen Tag vor deren Check-in-Datum an. Sie befürchtete, die Koffer könnten eventuell zu früh in Tokyo ankommen, denn tatsächlich brauchen sie nur einen Tag. Es passte dann aber alles. Der Transport der beiden je an die 20 kg wiegenden Koffer kostete knapp 35 Euro. Insgesamt.
Das Ganze auch noch supertoll organisiert: In der Takkyubin-Zweigstelle eine laminierte Anleitung auf Englisch mit QR-Code, der führt mein Mobiltelefon auf eine Seite, wo ich das Hotel als Zieladresse eingebe — dessen Telefonnummer reicht aus, das System findet die Adresse automatisch. Dann noch ein paar Standardfragen durchklicken (auch kein Gefahrengut im Gepäck?), Optionen ankreuzen (fragil? Kühlgut? Im Transportauto stapelbar?), und das war’s. Am Ende kommt ein QR-Code raus, mit dem die Mitarbeiterin die Information ins System übernimmt, zack.
Was nicht funktionierte, aber grundsätzlich funktionieren sollte: Dass die Aufgabe der Koffer bereits an der Rezeption des Hotels gemacht wird, von wo aus man sie eben abschicken möchte. Das Hotel in Hiroshima wollte nicht garantieren, dass unsere Koffer während der Golden Week zeitgerecht in Tokyo ankommen würden. Yamato schickt normalerweise auch Fahrer zum Abholen vorbei, aber in Hotels machen sie das nicht, das müsste das Hotel handhaben. Man kann auch in Convenience Stores Takkyubin-Sendungen aufgeben, aber dort nimmt man sie nur bis zu einer gewissen Größe entgegen, die Koffer waren da drüber. Wir fuhren also mit dem Taxi zur Yamato-Zweigstelle, auch kein Drama (Taxis sind in Japan im Vergleich zu Wien sehr günstig), wiewohl der etwas betagte Taxifahrer Mühe mit den Koffern hatte und sich von uns nur teilweise helfen ließ. Man sieht hier übrigens nicht wenige Menschen in höherem Alter noch arbeiten, was wohl auch an weniger geilen Systemen liegt.
Natsukashii
Ein Flußufer mit Cafés und Restaurants, wie unerhört. # Gepäckplanungen. # Der Hund, der gerne Gurken aß. # Wir bemerken im Gespräch, dass wir älter geworden sind. # Sie hätte nur 10 Prozent der Asche und Knochen ihres eingeäscherten Vaters zurückbekommen, das sei in Japan so übrig. Sie hätte gehört, die restlichen 90 Prozent würden zu Bodendünger verarbeitet, für Golfplätze und so. Wie das bei uns wäre? Ich vermute, die Eingeäscherten landen bei uns zu 100 Prozent in der Urne, sicher bin ich freilich nicht. Die Sache mit den Golfplätzen sollte man weiter verfolgen. Japan hatte übrigens 2012 die höchste Einäscherungsrate global, bei 99,9%, sagt Wikipedia. Wikipedia sagt auch: “In Eastern Japan, all of the remains are transferred into the urn, whereas in Western Japan, only some of the remains are collected.” (Verweis: Kapitel “Scattering Ceremonies” aus Satsuki Kawano, “Nature’s Embrace: Japan’s Aging Urbanites and New Death Rites”, 2010, hier) # Ich hatte ein paar alte Fotos mitgebracht, die meisten aus der Bar, alles noch prädigital. Die beiden Japanerinnen sagten natsukashii. Natsukashii wird häufig mit “nostalgisch” übersetzt, das trifft freilich nicht notwendigerweise und nur teilweise. Das Wort bringt eine bittersüße Empfindung zum Ausdruck, bezogen auf etwas Erinnertes, das wertvoll ist, das geschätzt wird, freilich ohne deutlich ausgeprägte Sehnsucht, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen. Der Affekt ist eingebettet in ein deutliches Bewusstsein des Vergangenseins der Vergangenheit, der Vergänglichkeit. Ein weiches, warmes Gefühl, das Erinnerungen in der Gegenwart leben und atmen lässt. Jedenfalls möchte ich das Wort so verstehen: als eine Ermöglichung einer erlebten, geteilten Vergangenheit, in der Gegenwart Wirkung zu entfalten. Wenn H. und Y. “natsukashii” sagen, heisst das für mich, schön, diese Erfahrungen mit dir gemacht zu haben. Dazu gehört auch ein Foto, dass Y., eine andere Y. und mich zu dritt in Matrosen-Schuluniformen zeigt, zur Feier meines Abschieds aus Japan (ich rauche dazu eine riesige Zigarre, Y. und Y. zelebrieren mit ihrer Körperhaltung ihre je zwei langen geflochtenen Zöpfe). Andere mögen Madeleines natsukashii finden, bei uns sind’s Zöpfe, Schuluniformen und Zigarren als Ingredienzien weiblicher Existenz in seedy Bars. # I. hätte in dem Hotel gearbeitet, in dem G. und ich nun absteigen, was ein Zufall. Vor ein paar Jahren hätte er Kontakt gesucht, wäre ein paar Mal vorbeigekommen, aber, hey, er rauchte dauernd Marihuana und trank zu viel, das war dann bald genug. # Als der Name eines Typen nicht einfallen will, fällt der Satz “you know, the guy whose penis we painted.” Sofort wissen alle, um wen es ging. # Sie wäre in einem Krankenhaus in Okayama gewesen, erzählt H., da hätte es drei Aufzüge gegeben, von denen nur der in der Mitte Braille gehabt hätte. Woher sollen die Blinden wissen, welchen Aufzug sie nehmen können? H. ist so jemand, die dann an den Infoschalter des Krankenhauses geht und dort nachfragt. Sie erhielt keine befriedigende Antwort und kam zum Schluss, die Berücksichtigung von Blinden sei in jenem Krankenhaus nur eine Alibiangelegenheit gewesen, um gut dazustehen. # Im Endeffekt ist es nicht wichtig, ob es in Gesprächen vorwiegend um mit Traurigkeit oder Leid verbundene Dinge geht, sondern, wie Gespräche tanzen können. # Bei einem der Fotos, es zeigt einen US-amerikanischen Kumpel und mich an der Bar, lachend, von H. aufgenommen, winkt uns A. in H.s ehemaliges Arbeitszimmer, da hängt ganz oben ein Bild an der Wand, das sie gemalt hat, nach ebendiesem Foto. Je suis baff. # Altenpflegegespräche: hier immer als default, dass die alten Eltern aufgenommen werden, gepflegt werden von den Kindern. Eine Person sprach von einem Pflegeheim, das für ihren Ü90-Vater nun in Betracht gezogen werde. Sie ist eine unkonventionelle Person.
Erzählte ich bereits?
Vor dem Hotel der breite Peace Boulevard, für fast die ganze Dauer des Aufenthalts gesperrt wegen des “Hiroshima Flower Festivals”. Die surreale Erfahrung einer beiläufig wahrgenommenen Massenattraktion. # Einige der sehr alten Straßenbahnen fahren immer noch. # Die stets beruhigende Wirkung der die Stadt durchziehenden Flussarme. Erinnerungen an Sommernächte, die nicht wirklich kühl wurden, mit kalten Getränken an Flussufern, Grillenzirpen. # Ein Hotel mit Armaturen aus der Showazeit. # Das Stadtzentrum von Hiroshima, im Regen oder nachts wie aus Blade Runner, tagsüber und bei Sonne wie ein Foto von Martin Parr. # An einem Ort des mehrjährigen Lebens vor längerer Zeit nach Spuren Ausschau halten, eher so im Nebenbewusstsein, aber die Zeit des aktiven Aufsuchens von Erinnerungen ist vorbei. # Groberinnerungen, an Gegenden und Stimmungen geknüpft, keine Feinerinnerung; Gebäude umgebaut, abgerissen, Lokale vergangen; Menschen im Irgendwo verschwunden. Dort ein kleines Restaurant irgendwo in einem oberen Stock, eingeladen von fröhlichen älteren Menschen, denen ich etwas Deutsch beibrachte, das luftigste Tempura, das du dir vorstellen kannst. # In Nagarekawa, dem Viertel mit den hunderttausenden Bars und Restaurants und Hastdunichtgesehen, der Abend mit R. aus Kanada und dem älteren wohlhabenden Arzt, dem sie etwas Englisch beibrachte, in einer Hostess-Bar mit gutem Whiskey.
Zwischendurch Denken an Antics mit H., wie wir einen Einkaufswagen stahlen, ihm einen Namen gaben, den ich nicht weiß, und in ihrer Garage parkten. Wir behandelten ihn wie ein Lebewesen, wir sprachen über ihn wie ein Lebewesen, wenn wir einander trafen. Wie wir einmal unbedingt einander Torten ins Gesicht drücken wollten. Ich trieb bei einem Laden in meiner (ruhigen) Nachbarschaft Tortenböden auf, rührte Schokocreme für die eine an, Sahne für die andere, besorgte einen Spritzbeutel und fabrizierte etwas, das man sich so richtig gerne ins Gesicht drückt. H. steuerte Tortentransportbehälter bei. Wir waren zu einer Party eingeladen, wie immer in einer recht kleinen Wohnung, gingen dann dort irgendwann nachts auf die Straße vor dem Haus, abends, und taten unser Ding vor belustigten Partybesucher*innen. Wir fanden es toll. Die Gastgeberin mochte das alles nicht, obwohl wir denkbar vorsichtig waren, nichts von dem Tortengeschmiere in ihre Wohnung zu tragen. Also wirklich.
Beim Anblick eines bestimmten Krankenhauses Erinnerung an einen Fahrradunfall: Ein rechts abbiegendes Taxi fuhr mich sehr, sehr langsam an, die ich sehr, sehr langsam über eine Kreuzung fuhr. Direkt vor einer Polizeistation, wie praktisch, in der Nähe des Krankenhauses, wo der Taxifahrer sofort mit mir hinfuhr. Er wartete mit mir, wartete die Verarztung meiner paar werdenden blauen Flecken ab, und führte dann mich und das Fahrrad (im Kofferraum) nach Hause. Ein Vorgesetzter von ihm kam auch vorbei. In solchen Konstellationen gilt (galt?) der Autofahrer per definitionem als schuldtragend. Ich hätte, so erzählten mir andere, Entschädigungsgeld verlangen können. Ich tat es nicht. Der Taxifahrer hätte seinen Job verlieren können. Er tat es nicht.
Die Bar ist wieder umgezogen, schon vor einigen Jahren, raus aus Nagarekawa, weiter westlich im Stadtzentrum, in ein Gebäude, das im richtigen Ausmaß heruntergekommen wirkt. Vom ursprünglichen Besitzer*innentrio arbeitet nur noch B. hinter der Bar (jetzt mit weißem Bart), der mich als Österreicherin erinnert, meinen Namen nicht, doch es fallen Wörter wie “punk” und “wild”, die durchaus zu geteilten Erfahrungen passen. “Maruku natta”, sagt er zu mir über mich, was ich später nachschlagen muss. “You became mellow.” Yuri arbeitet nicht mehr, ihre Knie, sie kann nicht mehr hinter der Bar stehen. Und Mac, der Namensgeber der Bar, er ist verstorben, schon einige Jahre her — was ich weiß, aber wir sprechen nicht darüber. B. spielt unverzüglich Musik, die passt, David Byrne, was von Rei Momo, dann später Mr. Jones. Eine Runde sehr fröhlicher Japaner*innen mittleren Alters, ein so ein sehniger Motorradtyp mit Kopftuch, einer der aussieht wie Koji Yakusho, sie stürzen Vodka Sours und Whiskeys on the rock hinunter und greifen dann nach der akustischen Gitarre, die im Eck lehnt. Als der Motorradmann den Anfang von “Blackbird” intoniert, dreht B. die Lautstärke der Anlage wieder hoch. Während er sie runtergedreht hatte, hörte man von der Bar her mehr von dem, was eine junge Britin einem jungen westlichen Heteropärchen erzählte, so landerklärungsmäßig. Japan sei kein entwickeltes Land mehr, das hätte sie erkannt, da würde zu viel nicht mehr passen, zu viele Obdachlose, jugendliche Ausreißer*innen, mangelnde Toleranz für Homosexualität, alle Probleme des Landes erklärt sie den notgedrungen Zuhörenden, die sehr höflich sitzen bleiben. Nein, sie würde nie hier leben wollen, sagt sie, und ich frage mich, wie viele solche Suaden B. schon mitangehört hat. An einem anderen Tag treffe ich H., ja, in der Bar würden jetzt eigentlich hauptsächlich Touristen aufschlagen, die Atmosphäre wäre anders. Die japanischen “Regulars”, sie würden halt lieber pubcrawling betreiben, dafür sei Mac’s Bar nun aber an ihrem jetzigen Ort zu weit weg von den anderen watering holes in Nagarekawa. Und viele wären eigentlich wegen Yuri gekommen, ihrer unermeßlichen Freundlichkeit, begleitet von situationselastischer Strenge (gegenüber Besoffenen und Trotteln), und, nun ja, sie würde da nicht mehr arbeiten. Eine Bar, die auf einen neuen Charakter wartet, vielleicht.
Im Vordrängen in Warteschlangen sind Japaner*innen groß. Vor allem die -innen, Hut ab. # Dem jungen Schuhverkäufer fielen zu Oosutoria sofort Alaba und Arnautovic ein, natürlich wusste er über deren Team-Affiliationen und Mannschaftswechsel sehr viel besser Bescheid als ich. # Der halbtätige Workshop endete etwas früher als geplant. Organisator N. wirkte etwas hilflos, er hätte auch an diesem zweiten Tag noch mit mir gern zu Abend gegessen, so viel signalisierte er, aber ich konnte nicht mehr mit Gruppen sozialisieren, ausgegruppt. Ich schlug vor, wir könnten noch Kaffee trinken gehen, woraus dann eine sehr fidele Kaffeerunde mit Studierenden und Postdocs wurde, mit Käsekuchen und Sachertorte bei “Backen Mozart”, so heisst eine hiesige Kaffeehauskette. Wir saßen auf der Terrasse, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn damals konnte man nirgends draußen sitzen, absolut nix mit Gastgarten, außer vielleicht Biergärten auf Kaufhausdächern in der passenden Saison. Jetzt aber gar nicht so wenige Lokale mit zur Straße hin offenen Fensterfronten, und tatsächlich Terrassen und Gastgärten, also natürlich eher Gastgärtchen, die räumlichen Verhältnisse sind ja beengt. Wir schoben Tische zusammen und durften das, das mag man in Lokalen hier ja nicht immer, und gerne schoben uns die Leute am Nachbartisch noch einen Sessel rüber.
Obanzai
Politischer Protest: Ein Poster der kommunistischen Partei gegen den weiteren Ausbau von Shinkansen-Routen, es wirbt mit einer Katze. Auf einem comicesken Poster trägt eine zornige junge Frau eine Fahne, darauf steht “Gegen das Hotel!” (oder “Gegen Hotels!”, zur Differenzierung bräuchte es mehr Kontext.) Das war übrigens für mich in Kyoto das einzige sichtbare, spürbare Anzeichen von Overtourism. Ich mied Orte, wo damit zu rechnen wäre, recht erfolgreich. # sclaundry, eine ehemalige Weberei in Kyoto, nun ein aufgeräumter Waschsalon, im Hinterhaus ein behaglich-nüchtern gestaltetes Café mit Bagels, in den oberen Geschossen gerade eine Ausstellung des Fotofestivals Kyotographie, zufällig vorbeigekommen. Vor dem Haus steht das weithin sichtbare gelbe Banner des Festivals. Die Ausstellung zeigt Ergebnisse beeindruckender, langwieriger Projekte mit Materialien und der Zerlegung fotografischer Prozesse: Da werden Zeitungen erst gestaltet, dann vielfach gedruckt und in Pakete gepackt, in Wasser gelegt, dem Wind ausgesetzt, mit Kunstharz epoxiert, Entwickleremulsion ausgesetzt, und so weiter. Ähnliches mit Steinen und Farbschichten (vielen übereinander). Prozesse, die insgesamt ein Jahr dauern, mit aufgerauhtem, aufgeräumtem Fabrikcharme präsentiert. Wir stehen mit einem der drei Fotokünstler da, und er erzählt uns die Objekte. Es stellt sich heraus, dass aus dem Fotografieprozess verschiedene Schritte heraus isoliert wurden, im ersten Stock stehen die Objekte für einen Teil davon, am Dach die Objekte für einen anderen, das ganze also auch räumlich projiziert, sehr anmutig. Der etwa achtjährige Sohn des Künstlers hopst um die Objekte herum. # Im buddhistischen Myōkakuji-Tempel, einer kleineren Tempelanlage neben dem Higashi-Honganji (die wohl letztlich auch zum Honganji gehört), findet ein Ritual statt, in einem Nebengebäude wieder eine Ausstellung, die mir zwar künstlerisch weniger sagt, aber ohne sie hätte ich diese Tempelanlage mit ihrer Ruhe inmitten bemooster Steine und Farne (Tempelfarne, yay!) nicht gesehen. Die Künstler natürlich auch wieder total sympathisch, freundlich, scherzend. Kinder hopsen von Stein zu Stein, niemand sagt “abunai!” oder anderes Warnendes. # Das Fuji-Rabbit-Gebäude aus 1925, ein Taisho-Gebäude, ein verspieltes Kulturdenkmal, im Erdgeschoß ein pfundiges Fastfoodrestaurant mit ordentlichem Negitorodon um knapp 6 Euro. Ein mehrsprachiges Automaten-Bestellsystem, wobei dann auch die die fertigen Gerichte ausrufende Automatenstimme die eingangs gewählte Sprache spricht, oha. # Es war, das kann man sagen, ein starker Reisetag. Der Shinkansen selbst nur von Kyoto bis Shin-Osaka sehr gut gefüllt, dann der Waggon recht leer. Die Bahnhöfe jedoch übergut gefüllt mit Menschen, was zu erwarten war: Golden Week, ein achttätiger Zeitraum mit vier Feiertagen, wo alle, die können, frei nehmen und rumreisen. Die Schlange vor dem Taxistand im total verregneten Hiroshima eine gute halbe Stunde lang. Der Taxifahrer lud uns sehr höflich und mit großem Bedauern in strömendem Regen 300m vor dem Hotel ab, da wegen des Hiroshima Flower Festivals kein Durchkommen war. # Mit Schirmen durch die Stadt, ein kleines, überaus freundliches Restaurant, das sein Essen Obanzai nannte.
Die Internationale
Nachts schwerer Regen, irgendwann auch heftiges Donnergrollen. # Japan, Regen, offenes Fenster, Assoziationsreichtum entspannenden Feinsinns. # Die Gründer-Halle (Goei-dō) des Higashi-Hongaji-Tempels weist eine Fläche von 927 Tatamimatten auf. # Im etwas trüben Wassergraben um den Higashi-Honganji bunte Koi, plötzlich taucht etwas auf, tatsächlich fischt da ein Kormoran herum, an einem von Menschen sehr belebten Ort. # Im wechselhaften Wolkenspiel blitzen die massiven, riesigen Holzdächer der Tempelgebäude immer wieder sonnenbestrahlt auf. # Auch ein Gebäude des Higashi-Honganji wurde für das Fotofestival Kyotography zur Verfügung gestellt. Werke einer südafrikanischen Fotografin an einem sehr besonderen Ort, der eigens dafür auch recht aufwändig gestaltet wurde. Menschen schätzen den Aufwand still. # Der Higashi-Honganji ist ein Ort, der seine Superlative zelebriert, die ungeheuren Holzmengen, die für den Bau dieser riesigen Hallen, mit ihren dicken Säulen und massiven Dächern, nötig waren. Die Seile für den Antransport der Holzstämme beim letzten der mehreren Wiederaufbauten im 19. Jahrhundert (Feuer zerstörten die Anlage im Laufe ihrer Geschichte einige Male) gemischt aus Frauenhaar und Hanf. Die qualitativ schlechten Hanfseile der damaligen Zeit, so heisst es, hätten den schweren Stämmen nicht standgehalten. Daher hätten Frauen in ganz Japan ihr Haar gespendet, aus dem insgesamt 53 Seile geflochten wurden. Das längste davon 110 Meter lang, 40 Zentimeter dick, etwa 1 Tonne schwer. # Eine langgezogene Demonstration am 1. Mai, der hier kein öffentlicher Feiertag ist, am Gehsteig an einer viel befahrenen Straße. Es folgen aufeinander Blöcke aus unterschiedlich zurechtgemachten Leuten, manche mit bunten Spitzhüten, andere mit roten Armbinden. Aus Lautsprechern tönen fröhlich orchestrierte Chöre mit Orchesterbegleitung, ähnlich dem revolutionären Liedgut Chinas, darunter dann auch die Internationale. Transparente, unter anderem “Putin! Hör mit dem Krieg auf!” # Ein sehr modernes Universitätsgebäude mit weitläufigen, nüchtern und dennoch behaglich gestalteten Mittelräumen mit viel Platz für lesende und lernende Studis, sogar mit Mikrowellengeräten ausgestattet. # Im Entenrestaurant am Entenfluss (Kamogawa). Kyoto Duck soll speziell sein, die Jungs bestellen alles mögliche an Spießen mit Entenfleisch und -innereien, Entensukiyaki, Enten-Shabu-Shabu, Enten-Sashimi, einfach alles auf Ente. # Salat mit knackig gebratener Tofuhaut (Yuba). # Ausgerechnet am WC des Restaurants der Hinweis, man würde hier nur lokale Tiere, unter tierfreundlichen, hygienischen Bedingungen aufgewachsen, etc. pp. # Die Jungs sind auch absolute Sakespezialisten, Hut ab. # Gierige Schwarzmilane werden in Kyoto zur Herausforderung. # Kinderfreundlichkeiten: das niedrige Pissoir in einer öffentlichen Damentoilette. Kinderformungen: die kleinen Einkaufskörbe, an den Supermarkteingängen, in rosa und hellblau, neben den größeren in grau.
Lob der Halbtätigkeit
In der High-End-Keramikgalerie, die ansonsten très Wabi-Sabi war, perlte klassisches Klavier, bestätigend, dass kulturelle Qualität in Japan sehr gerne mit klassischer Musik markiert wird. # Vor zwei Tagen erstmals die Maschinen von Bōsōzoku aufheulen gehört, um 03:48. Gestern ebenfalls, jedoch verhaltener (Feiertagsbōsōzoku?). # Am Ende der halbtägigen Workshop-Sitzung, hybrid, dankte der Organisator allen online Teilnehmenden einzeln, namentlich und mit einem kräftigen “Arigato gozaimasu”. # Halbtägige Workshops, halbtätige Workshops. # Kaleidoskope. # Ich war recht kurzfristig aufgefordert worden, im Anschluss an den halbtätigen Workshop noch über ein Thema zu referieren, zu dem ich bis 2023 ein Forschungsprojekt leitete, dessen Ausläufer immer noch, nun ja, auslaufen, das jedoch einen Bereich berührt, zu dem ein ehrwürdiger Kollege in Kyoto bedeutend mehr wusste. Ich fühlte mich nicht wohl dabei und wünschte ausdrücklich ein Framing dieses Referats als informeller Forschungsbericht, nicht als formeller Vortrag. Dem wurde nicht ganz entsprochen, jedoch gelang es mir, was mich selbst überraschte, spontan ein einigermaßen kohärentes Referat zu präsentieren, sogar mit korrekten Jahreszahlen und allem drum und dran. Diese Erfahrung, dass du selbst erstaunt bist, was du sprechen kannst, während du sprichst. # Studierende wurden aufgefordert, Fragen zu stellen, doch ihre ebenfalls anwesenden Lehrer verhielten sich still, brachen nicht das Eis, gingen nicht mit gutem Beispiel voran, was nicht für sie, die Lehrer, sprach. Einer der Studis hatte dann doch etwas zu sagen, und die Sache verlief ins Günstige. # Man zeigte mir ein Foto von Professor H., 102 Jahre alt, umgeben von seinen Schülern (no gendering needed), ebenfalls grau- und weißhaarig. Zweimal im Jahr würden die Schüler zu Professor H. gehen, das wäre immer etwas sehr Besonderes. # Ein Abendessen in einer simplen Shokudō, einem separaten Tatamizimmer mit niedrigem Tisch, vorzügliches Essen, vorzüglicher Sake, eine ältere, resche Besitzerin & Kellnerin, die beim Abschied gut zu scherzen vermochte. # F. so: Dieses Restaurant hat über 30, 40 Jahre mehr Kolleg*innen im Fach gesehen als wir alle zusammen. # Ich hätte gerne die Geschicklichkeit von Kollegen M., soziale Situationen zu navigieren, das stille Nachbestellen von Gerichten und Getränken, wenn beim Essen einige noch hungrig oder noch nicht besoffen genug wirken, der elegante Themenwechsel, wenn eine Unterhaltung politisch prekär oder zu exklusiv wird, die Aufmerksamkeit dafür, andere noch mit einzubeziehen, die schon längere Zeit eher stumm und unbeteiligt verharren, ohne sie zu Redebeiträgen zu nötigen. # Tatsächlich ist die Qualität des öffentlichen Verkehrs in Kyoto bestürzend, wenn man aus der perfekt und in kurzen Intervallen durchgetakteten Metropole Tokyo hierher kommt. # Nachts noch durch dunkle Viertel laufen, bevor das Gewitter beginnt.
Die vielen Arigatos
Der Busfahrer, der wie alle, die ich bisher sah, Maske trug, schien sich ernsthaft daran zu erfreuen, mit tiefer, ruhiger Stimme ganz langsam jeder austeigenden Person zu danken (“arigato gozaimashita”). Wir fuhren mehr als 10 Stationen, es waren viele Arigatos. # Ein Wanderer kam von unten den Hang hinan zum Enryakuji-Tempel, berührte eine Zeder und kehrte unverzüglich wieder um. # Japanseidensänger, Orpheusbülbüls und Graukohlmeisen in den Zedernwäldern. # Das kindliche Vergnügen aller Erwachsener in einem Cable Car, das bergan fährt. Classic. # Erst das Cable Car, dann noch eine kleine Seilbahnreise. Drei Minuten. Das Cable-Car-Personal, der Seilbahnangestellte, sie alle verfügen über ein festes Repertoire an Gesten, kleine Verbeugungen, wenn das Gefährt ankommt, hektische Winkebewegungen, wenn es abfährt. Fließende Übergänge in der Welt müssen durch Gesten punktiert werden.
Am Berg Hiei, Hauptsitz der Tendai-Schule des japanischen Buddhismus, blühten noch einige Kirschbäume, insbesondere am Parkplatz direkt vor dem Eingang zum Areal des Enryakuji, der wie viele, vielleicht auch alle Tempel aus mehreren verstreuten Gebäuden besteht. # Oda Nobunaga belagerte den Tempel; 1571 gilt als Jahr seiner fast vollständigen Zerstörung und der Tötung aller, die da lebten (dies scheint jedoch von jüngerer historischen Forschung etwas abgeschwächt zu werden). Dies beendete Jahrhunderte von Disputen und Kämpfen zwischen Tendai-Fraktionen, unter Beteiligung von Kriegermönchen und Milizen. Die heutigen Tempelgebäude gehen auf das 16., 17. Jahrhundert zurück (seither mehrere Restaurierungen); gegründet worden war der Enryakuji schon 788. Die Gründer bis heute bedeutender buddhistischer Schulen verbrachten Zeit hier, so viel ist noch bekannt. # Der Berg Hiei liegt zwischen Kyoto und dem Biwa-See, mit 670,3 km2 Wasserflächer der größte Süßwassersee Japans (der Neusiedler See hat 320 km2). Auf den Wegen bergab zeigt sich durch die Bäume mal auf der einen Seite die Stadt, mal auf der anderen der See. Der Bus, der sich vom Enryakuji weiter nach unten schlängelt (Nr. 57, ich empfehle dies), mäandriert Täler und Hänge hinab, eröffnet Ausblicke, zeigt auf verfallene Fabriken und andere G’stätt’n (und einen recht großen Bambuswald!). # Eine große Gruppe von wandernder rüstiger Rentner*innen im Wald. # Assoziation des Hiei mit den “Marathon-Mönchen”, durch Fernsehdokumentationen wurde die Praxis des Kaihōgyō bekannt, dazu hier eine Zusammenfassung des Wissensstandes bezüglich seiner historischen Entwicklung. In jedem Fall eine sehr anstrengende Praxis des täglichen oder häufigen Laufens von ca. 30km am Berg herum, zuzüglich Rezitationen, Meditationen und Fasten. In der längeren Version braucht das Kaihōgyō sieben Jahre. Äbte des Enryakuji müssen das Kaihōgyō durchlaufen haben, das ist eine harte körperliche und geistige Auslese, von der ich mich frage, wie viel sie mit der Gewaltgeschichte des Berges zu tun hat.
Das Fotofestival Kyotographie mit über die Stadt verteilten Ausstellungen zufällig entdeckt, über das recht markante Poster, das im öffentlichen Raum weit verbreitet ist. Am Showa-Tag (29.4., Feiertag) das Fotobuchcafé Aquta aufgesucht. Ein schmales, längliches Haus im Nordwesten der Stadt, man zahlt 1000 oder 1200 Yen, bekommt Kaffee oder Tee bzw. noch eine japanische Süßigkeit dazu, gibt allfällige Taschen ab, erhält weiße Handschuhe und hat Gelegenheit, in der sehr üppigen und mit raren Stücken geschmückten Fotobuchbibliothek des Betreibers so lange zu stöbern, wie man möchte. Im Rahmen des Festivals stellte Koji Onaka aus, one of Japan’s most quietly influential photographers. Die Atmosphäre war heimelig, man plauderte mit dem anwesenden Onaka, blätterte in seinen (vorwiegend nicht mehr erhältlichen) Fotobüchern, erwarb die noch erhältlichen, so ging das gemütlich vor sich hin. Ich habe solche Begegnungen in Japan immer sehr sympathisch erlebt, unprätenziös, nur gelegentlich kommt ein Supernerd daher und will dem Künstler zeigen, was für ein Smartass er ist, stellt supertheoretische Fragen zur Kunst und so, man kennt das, aber den Künstlern ist das eher Blunzn, und die unterhalten sich auch mit Typen gerne, die ein Foto aus Mexiko sehen und daran bemerken, dass die Menschen dort sehr abgemagert aussehen. Onaka signierte, er stempelte auch einen Stempel in die signierten Exemplare, der freilich nicht auf jedem Papier gut trocknete. Der Café- und Fotobuchsammlungsbesitzer, auch so ein Supersymphat, eilte mit einem minzgrünen Fön herbei und begann, in einer Ecke die gestempelten Buchseiten zu fönen. Zartes Fönsurren begleitete weitere Unterhaltungen zwischen Onaka und diversen Fotofreaks. Arigato.
Team Minzgrün
Die roten Kübel, mit Wasser gefüllt, an den Hausecken. An einem das Schild “please do not throw cigarette butts into the bucket”. Nachts sollen mitunter Nachbarschaftspatrouillen (Freiwillige) durch die Straßen gehen, “hi no yōjin!“ (“Achtet auf Feuer!”) rufen, zwei Holzstöcke aneinander schlagen, zur Warnung vor Feuern, was in vorwiegend aus Holz gebauten Stadtvierteln nicht unangebracht scheint. # Vor dem Nachmittagsworkshop ein Erkundungsspaziergang durch den Nishihonganji-Tempel in der Nähe, riesige Holzgebäude (!) mit sehr massiven Dachkonstruktionen; eine Art Ritual findet in einem statt. Vor dem Heiligtum (Statuen von Buddhas oder Schulbegründern) knien Menschen vor einem Holzgeländer, die sich wohl für das Ritual angemeldet haben (und bezahlt). Es werden von Mönchen Sūtren rezitiert, erst in gedehnten, dann in kürzer akzentuierten Silben, zu denen Holzstockschlagen (!) einen dezenten Rhythmus erzeugt. Ich verstehe nicht, worum es geht. Später begegne ich einem älteren Mann in schwarzem Anzug, in Begleitung dreier Damen in schwarzen Kleidern, mit funkelnden Perlenketten, die am Ritual teilgenommen hatten; Sonntagskleidungsfeeling an einem Wochentag. # Erinnerung an den Amerikaner, den J. mir damals in Kyoto vorstellte, als wir zu einem Richard-Thompson-Konzert aus Hiroshima in J.s großzügig dimensioniertem Auto herfurhen. Der Amerikaner lehrte an einer Universität und hatte einen Aufsatz über japanische Architektur verfasst, in dem unter anderem die Beobachtung vorkam, dass das japanische Wort für Dach sich aus “Haus” und “Wurzel” zusammensetze, das Dach somit die Wurzel des Hauses sei und sich aus diesem Gedanken die massiven Dächer traditioneller japanischer Häuser ergeben würden. Vielleicht aber behielt ich seinen Gedanken in vereinfachter Erinnerung, um mich darüber echauffieren zu können, da ich Schriftzeichenmystifizierungen nach Art Dach = Hauswurzel, eingebettet in Mystifizierungen und Ästhetisierungen japanischer Kultur, für Topfen hielt. Es gibt übrigens auch die Idee, dass sich das japanische Wort für Dach (das übrigens anders als die schweren Holzdächer selbst nicht aus China übernommen wurde) von den Grubenhäusern aus der Jōmonzeit herleitet, bei denen die Ränder der Strohdächer bis zum Erdboden herabreichen. Who knows.
Tempelbesuchsschülergruppen. Viele. # Vier Teenager in Schuluniform bewundern die Holzmaserung der breiten Dielenbretter auf den Tempelterrassen. # Der Gingkobaum vor dem einen der Tempel, der sich so ausbreitet, soll mehr als 600 Jahre alt sein. # Amanojaku: kleine Dämonen, Geister, die Übles treiben, im Honganji aus Stein gemeißelt, unten an den Ecken großer Regenwasserbecken, die sie somit tragen. Eine Art Geisterbändigung, sie in den Dienst des Buddhismus stellen und sich so ihre Kräfte zunutze machen? Das wäre nicht out of character, jedenfalls. # Zufällig in ein kleines familienbetriebenes Restaurant in der Nachbarschaft geraten, Sitz an der Bar, très Showa, eine Atmosphäre höflicher und leicht staubiger Gemütlichkeit, die Herren mit Frisiercreme im schütteren Haar. Drei recht grell geschminkte spanische Damen links, Auftritt eines Manga-Paars rechts. Künstlich fahlgrau die Haarfarbe des etwas älteren Mannes, ein weißblonder Haarvorhang um das runde, mit übervoll betuschten Kunstwimpern akzentuierte rosa Gesicht der jungen Frau, deren künstliche Hand- und Fußnägel jeweils schwarz und blitzend exaltiert wie Klauen wirken, deren Beine so dünn sind, dass mich ihr ordentliches Reinhauen bei den hervorragenden Nigiri und dem gebratenen Oktopus gewissermaßen erleichtert. Sie sprechen zunächst gar nicht miteinander, doch als das Essen kommt, kommt auch das Gespräch, nämlich darüber. In der Ecke daneben ein älterer Herr, der seinen heißen Sake zu Sashimi zischt und sich ein größeres Gericht zum Mitnehmen bestellt. Die ältere Kellnerin trägt einen minzgrünen Kimono. # Begegnungen mit Buntmeisen (Sittiparius varius). # Tatsächlich gab es im aus der Meijizeit stammenden Gebäude der Ryukoku-Universität noch ein paar Hocktoiletten.