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- 6 07 2026 - 12:58 - katatonik

Selbstdurchkämmung

Dass das Gedächtnis gelegentlich nicht so funktioniert, wie eins das möchte, oder gewohnt ist, kommt vor; Veränderungen dabei sind wohl auch erwartbares Begleitphänomen des Alterns. Manche Dinge fängst du ab, verwendest deinen Kalender nun doch kleinteiliger als anno dazumals, schreibst oder wischst Einkauflisten, wiewohl häufig der Akt des Notierens schon ausreichend ist fürs Merken — die Liste selbst wird dann gar nicht mehr angeschaut. Entwickelst generell Mechanismen zur Selbstüberlistung, Selbstaustricksung. Aber da ist offenbar noch Luft nach oben.

Schwieriger sind so diese “aber ich weiß doch, dass dieser Gegenstand hier war, warum ist er da nicht”-Fälle, also die offenbar falsche Erinnerung, die mit einer unerschütterlichen Gewissheit daherkommt. Mein bisher merkwürdigster solcher Fall (es soll aber nix Schlimmeres passieren) war folgender: eine Flugreise nach Deutschland, also ins benachbarte Ausland, für vier Tage, also nicht wirklich lange. Die Knopfkopfhörer kommen eh immer mit, klar, also dann kurz vor der Abreise noch die Frage, ob die Over-Ear-Kopfhörer auch noch mit ins Handgepäck sollen. Es kommt zu einem Einerseits-Andererseits, einerseits könnte es vorkommen, dass ich im Hotel superlaut Musik hören möchte, und die Over-Ears sind halt schon verdammt viel besser als die Minis (und ja, ein Bluetooth-Lautsprecher kommt auch noch ins Gepäck, man gönnt sich ja sonst nichts, aber der ist halt nichts für superlaut), andererseits sind’s eh nur ein paar Tage, und ich schleppe eh schon den Lautsprecher mit, und was denn nicht noch alles, also bitte. Ich treffe eine Entscheidung.

Bei der Rückreise fällt mir im Hotel beim Packen auf: Der Over-Ear-Kopfhörer ist nicht da. Es ist dies das zweite Hotel der Reise, also vielleicht im ersten Hotel vergessen? Deutlich sehe ich die Situation vor mir, wie ich im ersten Hotel den Handgepäcksrucksack auspacke, Gegenstände, die ich während des Dienstgeschäfts dorts nicht benötige, darunter war doch sicher auch der Kopfhörer. Also ganz bestimmt war er das. Ich spüre geradezu die hartschalige Verpackung in meinen Händen, die Bewegung, mit der ich das Teil aus dem Rucksack nehme. Und außerdem weiß ich doch, wie ich die Kopfhörer während des (recht kurzen) Flugs verwendet hatte, satte Musik gehört. Danach aber nicht mehr erinnerlich, offenbar doch kein Lautemusikbedürfnis.

Aber wo hätte ich die Kopfhörer im Hotelzimmer abgelegt? Das bleibt unerinnerlich. Es kann nicht auf einer Fläche gewesen sein, denn ich durchkämmte den ganzen Raum gründlich, daran erinnere ich mich. Aber den Schrank habe ich nicht mehr geöffnet, nein — und dort habe ich ja bereits einmal ein Hemd vergessen, bei einer früheren Reise, allerdings noch rechtzeitig vor Abreise entdeckt. Vielleicht habe ich den Kopfhörer dort reingelegt? Das wäre untypisch für mich, gerade angesichts der Hemderfahrung, aber ich möchte es nicht ausschließen. Nichts in Hotelschränke bei kurzen Reisen, das ist einer meiner Selbstüberlistungstricks, also, Vergesslichkeitsüberlistungstricks. Die Erinnerung an das Auspacken der Kopfhörer in jenem Hotelzimmer aber ist sich ihrer selbst dermaßen gewiss, das kann doch nicht anders.

Ich schreibe also eine E-Mail an das Hotel, da ich aus Gründen da gerade nicht anrufen kann. Nach der Rückkehr zu Hause denke ich noch, eventuell habe ich den Kopfhörer auch gar nicht im Hotelzimmer ausgepackt, sondern beim Dienstgeschäft, in einem Sitzungsraum, wo ich den Handgepäcksrucksack an die Wand stellte. Vor einigen Monaten hatte ich in einer ähnlichen Situation eine kleine Umhängtasche mit Geldbörse und so weiter in einem Sitzungsraum vergessen, da ich sie untypischerweise abgenommen und neben den Rucksack an die Wand gelegt hatte, auf den Boden, und beim dann etwas hastigen Aufbruch nicht mehr daran gedacht hatte, dass die da daneben lag. (Es kam zu einem konspirativen Zusammentreffen mit einem Tagungshotelrezeptionisten in einer Wiener U-Bahn-Station zur Übergabe, um halb zwölf Uhr nachts.) Also, diese Erfahrung erinnernd, schien es mir durchaus plausibel, diesmal eben den Kopfhörer aus dem Rucksack gepackt und abgelegt zu haben, am Boden, wiewohl dies ein ärgerlicher Wiederholungseffekt wäre, lerne ich denn gar nichts mehr aus Erfahrung?

Also schreibe ich, auf diese Weise mein Gedächtnis durchkämmend, mich durchkämmend, eine E-Mail an die Organisatorin des Dienstgeschäfts. Drei Minuten später, es ist bereits heute früh, es ist bereits ein koffeinierter Zustand eingetreten, schüttle ich Polster auf der Couch, und da sehe ich — das Kopfhörerbehältnis. Der Kopfhörer natürlich drin. Ich lache laut auf. Was würde ich nun tun, meldeten mir Hotel oder Organisatorin (oder gar beide) zurück, dass tatsächlich Kopfhörer der von mir angegebenen Marke gefunden wurden?