Kniekehlen und Kinnkanten
Viel Städte haben Mietradsysteme, die über Nextbike funktionieren. Man muß in der Nextbike-App dann von einer Stadt in die nächste wechseln, damit die lokal unterschiedlichen Parameter geladen werden können. In Linz scheint das “citybike” genannte Leihradsystem gut etabliert zu sein. Am sonnigen Spätnachmittag finde ich rasch ein Radl und fahre die viereinhalb Kilometer ins Hotel an der Donau, beim Winterhafen, mit Google-Sprachnavigation über den Knopf im Ohr. Das funktioniert, wenn nicht gerade die Vorstellungen, die Google von “rechts” und “links” hat, auf die mitunter gekrümmten Straßen- und Platzgeografien nicht passen wollen. Abends spielt im Stadion Fenerbahçe Istanbul gegen Pogoń Szczecin (Fußball, that is); im Hotel viele vorfreudige türkische Familien, die Männer in blaugelben Fenerbahçe-T-Shirts. Am Gehsteig die lange Straße nach Westen, die ich vom Hotel aus zur Busstation vor dem Lentos-Museum radle, immer wieder Männergruppen mit Buben dabei, am Weg ins Stadion. Es scheint in Linz erwartet zu sein, dass Fahrräder auf Gehsteigen fahren (man sieht auch oft Schilder, die Radler dazu auffordern). Jedenfalls treten alle ohne Murren beiseite, wenn sie merken, dass ich mit dem Fahrrad vorbei möchte. Das ist ungewohnt.

Gallneukirchen hat an die 7.500 Einwohner (Nebenwohnsitze mit eingerechnet) und liegt etwa 15 Kilometer von Linz entfernt. Das wäre theoretisch mit dem Fahrrad machbar, aber das Höhenprofil ist prohibitiv (es geht für mich zu stark bergauf), und praktische Gründe (Alkohol, nächtliche Finsternis) sprechen ebenfalls gegen eine Rückfahrt mit Rad. Eine Übernachtung vor Ort war so kurzfristig nicht mehr organisierbar. Also wird’s der Regionalbus hin, mit einem ausnehmend freundlichen Chauffeur, vermutlich Linztürke und möglicherweise Fenerbahçe-Fan. Mir fällt auf, dass ihn alle Fahrgäste, die mit ihm reden, duzen, ältere, jüngere.

Ich fahre sehr selten zu Festivals, also praktisch nie, aber auch bei Konzerten gibt es ja den Effekt, dass eins sich im Anreiseverkehrsmittel die Frage stellt, ob noch andere der Mitfahrenden vielleicht ebenfalls jenes Ereignis besuchen würden, und wenn ja, welche wohl. Das ist im Fall von Gallneukirchen gar nicht so offensichtlich, wie ich nach Ankunft beim Klangfestival bemerke, weil das Publikum tatsächlich sehr durchmischt ist, wie es in, äh, ländlicheren Gegenden häufig der Fall ist; in Großstädten differenziert sich das eher aus. Das Klangfestival ist örtlich verteilt auf das Alte Hallenbad, eine Alte Feuerwehrsstation und eine evangelische Kirche, eine Art Nebengeografie einer österreichischen Kleinstadt. Die Konzerte, die ich aufsuche, finden im Alten Hallenbad statt, dessen Badeinfrastruktur sehr liebevoll zu einem passenden Rahmen für ein Festival mit popularen und experimentellen Klangerzeugungen dekoriert wurde.

Ich bin wegen Deerhoof hier, die um 22 Uhr spielen, davor gibt es noch einiges anderes. Im großen Becken, in das Sitzstufen und eine Bühne gebaut wurden, tritt Susu Laroche auf, eine ägyptisch-französische Künstlerin, Filmemacherin, Klangproduzentin. Die Bühne in Dunkelheit, projizierte morphende Schwarzweißgraubilder. Die Tracks von ihrem Album: D-09: War Against The Lie, inspiriert von einem Fund menschlicher Überreste im British Museum (“Body 53”: Schädel einer jungen Frau, 18-20 Jahre alt, ca. 2600 v.u.Z., ausgegraben von Leonard Woolley in den 1920er Jahren). Texte basierend auf Sufi-Gesängen, auch solchen, die der Mystikerin Rabia aus Basra im 8. Jh. zugeschrieben werden, “a para-fictional account of a historical law that governed ancient Zoroastrian civilisations in Persia, and a demand for truth.” (Bandcamp-Seite). Laroche bewegt sich mit einer Art Sprechsingsang zu getragen dröhnenden, hallenden Klängen, die orientalische Rhythmen und Harmonien aufnehmen, über die Bühne, begleitet von beigemischtem Hintergrundchor; das hat etwas von Rezitation, ihre Bewegung etwas von Prozession. Eine schmale Figur, die ein Mikrofon trägt. Lange Beine, helle Haut unter schwarzem Rock oder Kleid, mitunter von helleren Scheinwerfern angestrahlt. Ich mache Kniekehlen aus. Es ist für mich Musik, die gegenüber der Konserve deutlich von der schattenhaften Performance gewinnt, von den angedeuteten Bewegungen eines Frauenkörpers durch eine Dunkelheit, die, wenn man über den Hintergrund der Texte weiß, auch das Tasten nach einer Art von Wahrheit, einer Art von Erkenntnis, in bruchstückhaft bekannter Vergangenheit markieren könnte; Geschichte. Eine Musik, die sich selbst sehr ernst nimmt. Spontan irritiert mich das, aber Perspektiven variieren. Was für die einen ein epistemisches Problem ist, eine ferne Erinnerung, ein interessantes Phänomen, ist für andere ein schmerzhaftes Zeichen für eine unmögliche Zukunft.

Zwischen den Konzerten sind etwa fünfzehnminütige Pausen angesetzt. In der besonderen Kombination aus räumlichen Gegebenheiten (genug Platz), Besucher*innenzahl (nicht zu gedrängt) und Servicequalität (hervorragend und superfreundlich) gibt das genug Zeit für einen Toilettenbesuch (orange Schwimmbadtoilettewände!), Getränkeversorgung (superbitteres alkoholfreies Freistädter!) und etwas Lungern in Liegestühlen draußen. Sitztechnisch sind im großen Konzertraum die dort belassenen Sprungblöcke am Beckenrand sehr apart, auch, weil sie Überblick verschaffen (sie sind auch recht begehrt) — so lange, bis der Rücken Abstützung einfordert, dann Platzwechsel auf Stufen, oder auf ebenfalls dort belassene Seitenbänke an den Wänden.

Im Anschluss an Susu Laroche auf der kleineren Bühne (das “kleine Becken”) nebenan “Flöjter”, das sind Delphine Joussein und Mats Gustafsson (Album Paris Blow), Querflöte mit elektro-klanglichem Berserkertum. Der Querflötenanteil in seinen die Räume des Instruments auslotenden Bewegungen ansprechend, das Berserkertum evoziert bei mir dagegen eine unmittelbare Resistenz, das ging mir schon beim Vorhören online so. Seltsam, wo ich doch dem klanglichen Berserkertum an sich keineswegs abgeneigt bin. Eine ähnliche Resistenz wie im geschmacklichen Bereich Arancini (also die kandierten Orangenschalen), die ich vom Prinzip her schätze, die aber einfach eine starke sensorische Abneigung hervorrufen. Das kommt vor.
Ich schiebe einen Spaziergang durch die Umgebung ein, eine Runde um den Block, wie man in einer größeren Stadt sagen würde. Es ist Dämmerungszeit, Grillengezirpe, vorbei an aufgemotzten Achtzigerjahrevorortbunkern mit runtergelassenen Außenjalousien, durch SUV-gesäumte Gässchen. In einem Bunkergarten ein kleines Gartenhäuschen mit anheimelndem Licht und gemütlich Hockenden; ein kleiner Hund stürzt sich daraus kläffend gegen den Gartenzaun, mir entgegen. In einer Bunkergarage ein Fest mit fröhlich Hockenden, Heurigenbänke. Das Gespräch dreht sich um den Lärm, den man vom Klangfestival hört, um welche Uhrzeit schon, um welche Uhrzeit noch, welche Art von Lärm, eine Art unsicheres, belustigtes Mokieren, das aber schon auch in Aggression kippen könnte (wir sind in Österreich).

Gelegentlich sah man Menschen mit FFP2-Masken durchs Publikum streifen, auffällig vor allem ein schmaler, sehniger Typ mit grauem langem Haar (das Wort “Zausel” drängte sich vor) und einem bunt gemusterten Shirt; scharfe Kinnkanten. Stellte sich heraus, das war Greg Saunier, der Drummer und Mitgründer und Hauptsprecher von Deerhoof. Überhaupt schienen die FFP2ler zumeist mit Deerhoof verbunden (Techies und so), was ich sehr sympathisch fand. Tourpläne sind gewiss anstrengend, mir ringt das eh immer enormen Respekt ab. Ich vermute, da will man sich nicht unbedingt den gewiss reichhaltig vorhandenen Viren der moshenden Menschen in eher geschlossenen Räumen aussetzen. Das mittelblaue Hemd mit gestuften Volants an den Oberarmen des einen Gitarristen Ed Rodriguez fasziniert mich mindestens ebenso wie die Kinnkante von Saunier. (Nachrecherchieren nach lateinamerikanischen Hemdtypen dieser Art führt zu nichts. Eine Idiosynkrasie etwa?) Satomi Matsuzaki, die singt und Baß spielt, trägt ein grün-weiß-blockgemustertes Sommerkleid, weit. Als ich sie nach dem Konzert durch den Hof das Konzertareal verlassen sehe, bin ich erstaunt, wie klein sie ist. Auf der Bühne fiel mir das nicht auf. Sie singt ja sehr kraftvoll, und Baß spielende Frauen sehen vielleicht aus einer gewissen Ferne auch größer gewachsen aus, als sie sind (oder stehen gar auf Podesten, parbleu!).

Das Zusammenspiel der Vieren wirkt ungemein präzise. Greg Saunier am Schlagzeug spricht mitunter. Er macht dabei lange Pausen, während derer niemand im Saal sich zu regen scheint, also wirklich, kein Mucks, das Publikum hängt an seiner Stille. Er spricht langsam und versucht zusehends, mehr deutsch zu sprechen, irgendwann sagt er auch, in lakonischer Freundlichkeit, etwas von der Art “wir spielen schnell, wir sprechen langsam”. Der erste Sprechpart beginnt mit sowas wie “for a long time, we have been asking ourselves a question.” Ich möchte spontan schreien “where, in short, are the flying cars?”, denn tatsächlich könnte dies ja ein Motiv vom Album Love-Lore aufgreifen, meinem Einstieg in das Deerhoof-Universum vor wenigen Jahren, und ich würde mich sonstwohin beißen, wäre dies ein Zufall. Dort geht es um eine “generational promise”, die langsam aufgebaut wird — Sie können das auf Love-Lore 4 nachhören, ab ca. 11:50, es beginnt mit “a secret question hovers over us”. Natürlich schreie ich nicht, ich bin ja viel zu schüchtern für sowas. Jedenfalls baut Saunier auch hier sehr gekonnt, langsam und genüßlich Spannung auf, mit Pausen, mit Sätzen, eine Spannung, die sich dann in ein Kontaktangebot an das Publikum entlädt. Die Frage, die sich Derhoof also lange stellte, ist: “Wie viel ist vielen Dank”. Vielleicht hätte das auch anders ausgehen können als in Richtung einer charmanten Fremdheits-, Zerstreutheits- und Alternsgeschichte (Tenor: Wir haben in all diesen Jahren diese Frage entweder niemandem gestellt, der die Antwort wusste, oder wir haben die Antwort vergessen, meint Herr Saunier weiter). Aber da ist sie nun, die Frage, die das Publikum höflich amüsiert (und die natürlich unbeantwortet bleiben muss).

Eine um eine Spur schaumgebremste (im Vergleich zur Platte), ganz leicht verhuschte Fassung von “Love-Lore 4”, die so schön mit einer Aufnahme von den “Oscillations” der Silver Apples beginnt und wie das ganze Album stimmig einen ordentlichen Brocken Rock, Pop und Avantgarde des 20. Jahrhunderts in diesen Deerhoof-Sound aus Treiben, Brummen und Vibrieren einschmilzt. Ach, wie schön, und ich wünschte, meine geografisch über Kontinentaleuropa verteilte Deerhoof-Bezugsgruppe wäre physisch anwesend, um diese Erfahrung zu teilen. Nach der letzten Nummer formierte sich im Publikum ein Chor, der nicht etwa “da capo” oder “Zugabe” oder sonst so Blödsinn rief, sondern rhythmisch “vielen Dank” skandiert, das war sehr berührend.