Team Minzgrün
Die roten Kübel, mit Wasser gefüllt, an den Hausecken. An einem das Schild “please do not throw cigarette butts into the bucket”. Nachts sollen mitunter Nachbarschaftspatrouillen (Freiwillige) durch die Straßen gehen, “hi no yōjin!“ (“Achtet auf Feuer!”) rufen, zwei Holzstöcke aneinander schlagen, zur Warnung vor Feuern, was in vorwiegend aus Holz gebauten Stadtvierteln nicht unangebracht scheint. # Vor dem Nachmittagsworkshop ein Erkundungsspaziergang durch den Nishihonganji-Tempel in der Nähe, riesige Holzgebäude (!) mit sehr massiven Dachkonstruktionen; eine Art Ritual findet in einem statt. Vor dem Heiligtum (Statuen von Buddhas oder Schulbegründern) knien Menschen vor einem Holzgeländer, die sich wohl für das Ritual angemeldet haben (und bezahlt). Es werden von Mönchen Sūtren rezitiert, erst in gedehnten, dann in kürzer akzentuierten Silben, zu denen Holzstockschlagen (!) einen dezenten Rhythmus erzeugt. Ich verstehe nicht, worum es geht. Später begegne ich einem älteren Mann in schwarzem Anzug, in Begleitung dreier Damen in schwarzen Kleidern, mit funkelnden Perlenketten, die am Ritual teilgenommen hatten; Sonntagskleidungsfeeling an einem Wochentag. # Erinnerung an den Amerikaner, den J. mir damals in Kyoto vorstellte, als wir zu einem Richard-Thompson-Konzert aus Hiroshima in J.s großzügig dimensioniertem Auto herfurhen. Der Amerikaner lehrte an einer Universität und hatte einen Aufsatz über japanische Architektur verfasst, in dem unter anderem die Beobachtung vorkam, dass das japanische Wort für Dach sich aus “Haus” und “Wurzel” zusammensetze, das Dach somit die Wurzel des Hauses sei und sich aus diesem Gedanken die massiven Dächer traditioneller japanischer Häuser ergeben würden. Vielleicht aber behielt ich seinen Gedanken in vereinfachter Erinnerung, um mich darüber echauffieren zu können, da ich Schriftzeichenmystifizierungen nach Art Dach = Hauswurzel, eingebettet in Mystifizierungen und Ästhetisierungen japanischer Kultur, für Topfen hielt. Es gibt übrigens auch die Idee, dass sich das japanische Wort für Dach (das übrigens anders als die schweren Holzdächer selbst nicht aus China übernommen wurde) von den Grubenhäusern aus der Jōmonzeit herleitet, bei denen die Ränder der Strohdächer bis zum Erdboden herabreichen. Who knows.
Tempelbesuchsschülergruppen. Viele. # Vier Teenager in Schuluniform bewundern die Holzmaserung der breiten Dielenbretter auf den Tempelterrassen. # Der Gingkobaum vor dem einen der Tempel, der sich so ausbreitet, soll mehr als 600 Jahre alt sein. # Amanojaku: kleine Dämonen, Geister, die Übles treiben, im Honganji aus Stein gemeißelt, unten an den Ecken großer Regenwasserbecken, die sie somit tragen. Eine Art Geisterbändigung, sie in den Dienst des Buddhismus stellen und sich so ihre Kräfte zunutze machen? Das wäre nicht out of character, jedenfalls. # Zufällig in ein kleines familienbetriebenes Restaurant in der Nachbarschaft geraten, Sitz an der Bar, très Showa, eine Atmosphäre höflicher und leicht staubiger Gemütlichkeit, die Herren mit Frisiercreme im schütteren Haar. Drei recht grell geschminkte spanische Damen links, Auftritt eines Manga-Paars rechts. Künstlich fahlgrau die Haarfarbe des etwas älteren Mannes, ein weißblonder Haarvorhang um das runde, mit übervoll betuschten Kunstwimpern akzentuierte rosa Gesicht der jungen Frau, deren künstliche Hand- und Fußnägel jeweils schwarz und blitzend exaltiert wie Klauen wirken, deren Beine so dünn sind, dass mich ihr ordentliches Reinhauen bei den hervorragenden Nigiri und dem gebratenen Oktopus gewissermaßen erleichtert. Sie sprechen zunächst gar nicht miteinander, doch als das Essen kommt, kommt auch das Gespräch, nämlich darüber. In der Ecke daneben ein älterer Herr, der seinen heißen Sake zu Sashimi zischt und sich ein größeres Gericht zum Mitnehmen bestellt. Die ältere Kellnerin trägt einen minzgrünen Kimono. # Begegnungen mit Buntmeisen (Sittiparius varius). # Tatsächlich gab es im aus der Meijizeit stammenden Gebäude der Ryukoku-Universität noch ein paar Hocktoiletten.