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- 28 04 2026 - 11:14 - katatonik

Taisho, nein, Meiji

Sonntags hätte es eine Gruppe Falun-Gong-Jünger beim Hotelfrühstück gegeben, sagt G.; ich habe sie nicht bemerkt. # Wir gehen durch die Straßen und machen einander auf Dinge aufmerksam. # In der Umgebung des Hotels vorwiegend alte Häuser, hölzern oder mit Holzrahmenkonstruktion. Als wir an einem Werktag vormittags durchspazieren, sehen wir ausschließlich ältere Menschen. Aus einem alten Haus wird eine weißhaarige Frau im Rollstuhl abgeholt, von zwei Damen in einer Art Arbeitskleidung, ein Sozialdienst oder jedenfalls ein Transportdienst. Ein gebeugter, ebenfalls weißhaariger Mann schließt das Tor hinter ihr. Ältere Geschäftsinhaber kleiner Ministores plaudern miteinander. Auch in Werkstätten, von denen es viele gibt (die dem Anschein nach weit in die Gründstücke hineinreichen, die Gebäude sind schmal, aber dafür sehr tief), ältere Männer, recht alte Männer. Dazwischen jedes zweite Haus eine Pension, ein Ryokan, ein Inn. Hypothese: Die Alten leben da noch, wenn sie zu alt dafür werden, übernimmt das Beherbergungsgewerbe. Skeletthafte Gewerbestrukturen. # In der Apotheke, die wie alle Apotheken wie ein Drugstore gestaltet ist, führt ein Beratungsgespräch in Sachen gestauchtem Zeh zu Loxoprofen, das in Brazilien, Mexiko, China und Japan (sagt Wikipedia) unter dem Markennahmen Loxonin vertrieben wird. # Ein Vormittag in einem Department Store. Japanische Kaufhauskultur, im Keller das Food Basement, ein beglückendes Kaleidoskop aus ausgewählten Sparten des Eß- und Trinkgenusses auf unzähligen Stationen und Ständen. Mir gehen die Wörter für die Schattierungen von “sorgfältig” aus, mit denen sich das Verhalten der dort tätigen Arbeitenden beschreiben ließe. Das Zurechtfalten einzelner Roastbeefblätter auf vorbereiteten Salatplättchen etwa. Behutsam, konzentriert, achtsam, aufmerksam, bedächtig, hingebungsvoll, sorgsam, andächtig. # An der Kassa drängt sich eine gebückte Ü80-Jährige nonchalant vor, sie darf das. # In einem oberen Stockwerk Erstehen von Teebechern aus Keramik. Als die Verkäuferin sie in die Schachtel packt, greift sie routiniert aus ihrem Fannypack einen weißen Baumwollhandschuh für die rechte Hand, ein Tuch für die linke, und so hält sie den Becher mit der einen, reibt ihn mit der anderen ab. Es wäre empfehlenswert, würden wir dies periodisch zu Hause auch tun, sagt sie dazu. Es würde der Keramik helfen zu leben, so etwas in der Art. (Es ist Bizen-Keramik, die sich im Gebrauch stets verändert.) # Das leicht singende queere Amerikanisch des molligen jungen Mannes beim Tax-Free-Schalter im 8. Stock. # Im Heidelbeercafé. Die deutsche Sprache eignet sich irgendwie besser zur Vermittlung japanischer Quirkyness als die englische, “Heidelbeercafé” transportiert zugleich Verschrobenheit und Gemütlichkeit, das Anheimelnde ebenso wie das Fantasievolle, wogegen “Blueberry café” recht transaktional nüchtern nach einem industriell gefertigten “blueberry muffin” klingt. (Ich übersteigere dies.) # Wenn das Sorgsame in Überbesorgtheit kippt. Von Frauenstimmen stets wiederholte Tonbandstimmen pflastern den Weg durch eine japanische Stadt: Am Bahnhof gilt es aufzupassen, wenn der Zug einfährt, wenn die Türen öffnen, wenn die Türen schließen, wenn man geht, wenn man steht, auf der Rolltreppe im Kaufhaus seien Sie bitte beim Betreten und Verlassen derselben vorsichtig, im Kaufhaus wird auch davor gewarnt, dass man bei der Verwendung der Kreditkarten bezüglich der Geheimzahl vorsichtig sein sollte, da Berichte vorlägen, wo Personen sich solche unrechtmäßig angeeignet hätten und damit Mißbrauch betrieben. Der öffentliche Raum ist eine einzige Aufforderung zur Vorsicht, die bei mir nach ein, zwei Wochen Unlust evoziert und den Wunsch, nur noch Keiji Haino zu hören. (Wunsch auch, nichts zu verstehen.) Erinnerung an Picknicke damals mit Studienkollegen, ein, zwei Professoren dabei, der eine bei diversen Phänomenen in der Natur immer sofort “abunai, abunai!” rufend (“gefährlich, gefährlich!”), als wären wir unter wilden Bären und nicht in einem gut gepflegten Park am Universitätsareal. # Der Vortrag findet in einem Gebäude statt, in dem ich anerkennend zu K., dem Gastgeber, sage “Looks like a Taisho-era building”. Er so: “no, it’s actually Meiji”, also noch älter und durch Erstkontakt mit westlichen Bauformen geadelt. # K., der Kollege aus Fukuoka, kann leider nicht selbst nach Kyoto anreisen und schickt einen Studenten mit Entschuldigungen sowie einem Gastgeschenk: Glibberige Süßigkeiten, umhüllt von Matchapulver (er weiß, ich trinke gern Matcha). # Professor H. ginge es gut, er sei nun 102 Jahre alt, sagt Professor K., selbst an die 80. Er, also Professor H., würde essen und trinken wie wir Jüngeren, also er, Professor K., und ich. # Du kannst dich bei den Abendesseneinladungen so schön treiben lassen, ein, zwei Entscheidungen bei der Getränkeauswahl, der Rest des Abends besteht darin, dass immer neue ansprechend aussehende Gerichte vor dich hin gestellt werden (dietary preferences und restrictions wurden natürlich vorher abgefragt, ebenso, ob du als Nichtjapaner rohen Fisch essen kannst, das ist ein Ding). # Die Jagd nach dem beauftragten reinen Wasabipulver (weitere Kaufhauseskapaden). # In der Nähe des Hotels über ein aus dem architektonischen Rahmen fallendes Gebäude stolpern: “Honganji Dendo-in“https://travelers.whg-hotels.jp/en/post/16543/. Auch das ist in der Meiji-Zeit, nämlich1895, als Gebäude einer Versicherung errichtet, zeigt eine eklektische Stilmischung des weit gereisten, damals jungen (1867 geboren) Architekten Chuta ITO, wurde später von der Nishi-Hongan-Schule der Jodo-Shinshu-Richtung des Buddhismus (Buddhismus des Reinen Landes) übernommen, “currently serves as a place for training and enlightening monks”.