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- 27 04 2026 - 15:36 - katatonik

Triumph des Unebenen

Die Hermetik von Kyoto im Vergleich zu Tokyo, sehr vieles in japanischen Schriftzeichen ohne begleitende Identifikationshilfestellung in lateinischer Schrift. Hermetische Architekturen, die sich habituell nach außen nicht vermitteln. Die Abgeschlossenheit japanischer Architektur gegenüber der Straße. Die Schmalheit der alten Häuser, da sich dereinst die Besteuerung eines Hauses nach der Breite seiner Straßenfront richtete (die Schmalheit der neuen, weil sie sich einpassen müssen in einer Ökonomie mangelnden Raums). # Kyoto ist langsamer. # Die Übersichtlichkeit des Schachbrettgrundrisses der inneren Stadt fräst sich in das Gehirn; es geriert sich anders als im Bewusstsein einer weiten Fläche verschlungen zusammengewachsener Dörfer (Tokyo).

Im Raku-Museum am Sonntag fast ausschließlich japanische Besucher*innen, viele Frauen im Kimono darunter. Sehr aufmerksames Personal; Besucher müssen die Schuhe ausziehen und in eigens dafür bereitstehende Schließfächer sperren, dafür bekommen sie Kunstlederslipper, so wie im Onsen. Eilig läuft eine Dame mit großen Slippern herbei, als sie korrekt diagnostiziert, dass die Standardgröße für G. zu klein sein würde. Ausstellung “Raku Successive Generations — Raku Tea Bowls Crossing Time”. Raku begann als Technik und wurde der Name einer Familie, in der deren Meisterschaft nach dem Isshi sōden-System weitergegeben wurde (Geheimnisse und Fertigkeiten werden vom Vater zu einem Sohn weitergegeben). Chojiro, der erste Meister in der Linie (verstorben 1589), gestaltete Teeschalen für den Teemeister Sen no Rikyu, den Ahnherren der Teezeremonie. Die Ausstellung stellt pro Meister(generation) eine Schale vor und erzählt Geschichten dazu, davon, wie eine Schale über Jahrhunderte nur für eine bestimmte Zeremonie in einer der Teezeremonien-Schulen verwendet wurde, davon, wie dieser oder jener Meister mit Shōgun- oder anderen Familien verbunden war und in Kriegszeiten die Verhältnisse navigierte, davon, wie die Schalen Motive aus der japanischen Poesie aufgreifen (eine Mondsichel ruft andere Assoziationen auf als ein Vollmond), davon, wie diese oder jene Gestaltung einer Schale das Prinzip der Raku-Familie exemplifiziert, dass man Neues und der jeweiligen Gegenwart Entsprechendes kreativ gestalten möge, gleichzeitig im Bewusstsein einer Tradition, die einem Fertigkeiten verlieh. (Schaffung von Familienmythen.) Die Schalen ein Triumph des Unebenen (mit Händen geformt, ohne Einwirkung einer Töpferscheibe). Im Obergeschoß weitere ausgewählte Stücke und ein prägnanter Film über den Brennprozess. Hitze, Glühen, Blitzen, Funkeln, unendliche Sorgfalt. Rezent (im jahrhundertlichen Sinne) gestalteten auch der berühmte Onnagata Bandō Tamasaburō und NIGO, ein DJ und Erfinder der Fashion-Linie “A bathing ape”, Raku-Schalen, die von den jeweils amtierenden Raku-Meistern gebrannt wurden. Vom aktuellen Meister stehen zwei in Frankreich gebrannte Stücke da; er brennt gern dort bei befreundeten Keramikern.

Irgendwo lese ich, dass sich das japanische Wort für Postkarte, “Hagaki” (“Ha” bedeutet “Blatt”, “Gaki” steht für “Schreiben”) von der indischen Praxis des Beschreibens von Palmblättern herleitet. Das ist eine schöne, einfache Geschichte. # Der Kaffee in den zarten weißen Porzellantassen in jenem kleinen, superfreundlichen Café, das Teriyaki-Chicken-Crêpes anbietet (schmackhaft). # Der Kyoto Gyoen, “National Garden”, beim Kaiserpalast, da verlaufen sich die zu erwartenden Touristenmengen. Wo die Fahrradspuren durch die breiten Kieswege führen, ist der Kies etwas heller. Schnurgerade Linien. G. fotografierte sie bereits vor fast 17 Jahren. # Bänke im Park (keine Bänke in Tokyo, nirgends). # Ein alter Mann, das kleine Fahrrad neben sich geparkt, verscheucht Krähen in der Wiese. # Menschen liegen im Gras und lesen Bücher. # Aus der Rinde eines riesigen Baumes wächst Gras in sympathischen Fransen. Ich vermute, es handelt sich um den als “Demizu shidarezakura” bekannten Baum, den “weeping cherry blossom tree” am Demizu-Bächlein, an dem Kinder spielen. (Das Bächlein wurde während der Kaiserzeit hier aus dem Biwa-See gespeist.) # Viele, viele herabgefallene Kirschblütenblätter unter den Bäumen. Familien picknicken auf ausgelegten Decken. Noch Warnschilder aus der gerade vergangenen Kirschblütenzeit, man möge doch bitte keine Plätze vorbelegen und den Müll im Anschluss an das Kirschblütenpicknick wegräumen. # Flanierwege führen durch Shinto-Schreine, deren einer sich mit einem 600jährigen Kampferbaum rühmt. Verwitterte Strohdächer. Ein blühender Baum voller Hummeln, Bienen und Schmetterlingen. # Ich hatte vorgestern nachgelesen, wie man sich an Shinto-Schreinen verhalten soll. Es gibt feststehende Sequenzen von Verbeugungen vor dem Torii und dem Hauptheiligtum, dazwischen ein Ritual der Handwaschung zur Reinigung nach dem Gang durch den Torii und vor der Annäherung an den eigentlichen Schrein. Natürlich hatte ich fast alles davon schon wieder vergessen, was mir der stumm mißbilligende Blick eines Herrn verdeutlichte, der mich bei der Handwaschung beobachtete. Ich machte es ihm dann nach, nachdem ich ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, befürchte aber, ich habe auch das vergeigt. # Auch der Schrein hat grasige Fransen. # In einem Garten auf einer Landzunge im Teich ein Graureiher (beschopfter als die zentraleuropäische Spezies), die etwa drei Meter entfernt von ihm Koi fütternden Menschen ignorierend. Er steht lange da. Enten schlummern auf Miniinseln im Wasser. # Es gibt keine Hocktoiletten mehr. # Auf der steinernen Brücke über den Teich ein junger Mann mit Stativ und Kamera, Italiener oder sowas, der vom einen Brückenrand seine am anderen Rand posierende Freundin fotografiert, wiederholt, ausgedehnt, unterbrochen von Begegnungen des Ausweichens mit durchkreuzenden Tourist*innen; die Freundin folgt mit ihren Blicken zwischendurch den Wegen der Tiere. # In der Nähe gibt es Tennisplätze, wo fröhlich unter Rufen gespielt wird. # Umgeben von Freizeitgeräuschen und knirschendem Kies. # Suche nach einem Abendessenrestaurant über eine App, aber dann doch einfach losgezogen, es war eh zu spät fürs Reservieren. Die Izakaya (sehr gute Google-Rezensionen) mit dem über offenem Feuer angegrillten Thunfisch hatte zwei Plätze an der Theke. Sitzen und Plaudern an der Theke mit Fisch, Reis und Bier (alkoholfreies Asahi) zu J-Pop, den Köchen und Kellnern zusehend, ein Gefühl des Gut-Aufgehobenseins. # Erstaunen über den geringen Preis großartigen Essens (wir gingen zu zweit unter 6.000 Yen, so um die 35 Euro, satt aus der Izakaya), immer wieder, die große Zahl kleiner, guter, günstiger und gut gefüllter Lokale.