Die vielen Arigatos
Der Busfahrer, der wie alle, die ich bisher sah, Maske trug, schien sich ernsthaft daran zu erfreuen, mit tiefer, ruhiger Stimme ganz langsam jeder austeigenden Person zu danken (“arigato gozaimashita”). Wir fuhren mehr als 10 Stationen, es waren viele Arigatos. # Ein Wanderer kam von unten den Hang hinan zum Enryakuji-Tempel, berührte eine Zeder und kehrte unverzüglich wieder um. # Japanseidensänger, Orpheusbülbüls und Graukohlmeisen in den Zedernwäldern. # Das kindliche Vergnügen aller Erwachsener in einem Cable Car, das bergan fährt. Classic. # Erst das Cable Car, dann noch eine kleine Seilbahnreise. Drei Minuten. Das Cable-Car-Personal, der Seilbahnangestellte, sie alle verfügen über ein festes Repertoire an Gesten, kleine Verbeugungen, wenn das Gefährt ankommt, hektische Winkebewegungen, wenn es abfährt. Fließende Übergänge in der Welt müssen durch Gesten punktiert werden.
Am Berg Hiei, Hauptsitz der Tendai-Schule des japanischen Buddhismus, blühten noch einige Kirschbäume, insbesondere am Parkplatz direkt vor dem Eingang zum Areal des Enryakuji, der wie viele, vielleicht auch alle Tempel aus mehreren verstreuten Gebäuden besteht. # Oda Nobunaga belagerte den Tempel; 1571 gilt als Jahr seiner fast vollständigen Zerstörung und der Tötung aller, die da lebten (dies scheint jedoch von jüngerer historischen Forschung etwas abgeschwächt zu werden). Dies beendete Jahrhunderte von Disputen und Kämpfen zwischen Tendai-Fraktionen, unter Beteiligung von Kriegermönchen und Milizen. Die heutigen Tempelgebäude gehen auf das 16., 17. Jahrhundert zurück (seither mehrere Restaurierungen); gegründet worden war der Enryakuji schon 788. Die Gründer bis heute bedeutender buddhistischer Schulen verbrachten Zeit hier, so viel ist noch bekannt. # Der Berg Hiei liegt zwischen Kyoto und dem Biwa-See, mit 670,3 km2 Wasserflächer der größte Süßwassersee Japans (der Neusiedler See hat 320 km2). Auf den Wegen bergab zeigt sich durch die Bäume mal auf der einen Seite die Stadt, mal auf der anderen der See. Der Bus, der sich vom Enryakuji weiter nach unten schlängelt (Nr. 57, ich empfehle dies), mäandriert Täler und Hänge hinab, eröffnet Ausblicke, zeigt auf verfallene Fabriken und andere G’stätt’n (und einen recht großen Bambuswald!). # Eine große Gruppe von wandernder rüstiger Rentner*innen im Wald. # Assoziation des Hiei mit den “Marathon-Mönchen”, durch Fernsehdokumentationen wurde die Praxis des Kaihōgyō bekannt, dazu hier eine Zusammenfassung des Wissensstandes bezüglich seiner historischen Entwicklung. In jedem Fall eine sehr anstrengende Praxis des täglichen oder häufigen Laufens von ca. 30km am Berg herum, zuzüglich Rezitationen, Meditationen und Fasten. In der längeren Version braucht das Kaihōgyō sieben Jahre. Äbte des Enryakuji müssen das Kaihōgyō durchlaufen haben, das ist eine harte körperliche und geistige Auslese, von der ich mich frage, wie viel sie mit der Gewaltgeschichte des Berges zu tun hat.
Das Fotofestival Kyotographie mit über die Stadt verteilten Ausstellungen zufällig entdeckt, über das recht markante Poster, das im öffentlichen Raum weit verbreitet ist. Am Showa-Tag (29.4., Feiertag) das Fotobuchcafé Aquta aufgesucht. Ein schmales, längliches Haus im Nordwesten der Stadt, man zahlt 1000 oder 1200 Yen, bekommt Kaffee oder Tee bzw. noch eine japanische Süßigkeit dazu, gibt allfällige Taschen ab, erhält weiße Handschuhe und hat Gelegenheit, in der sehr üppigen und mit raren Stücken geschmückten Fotobuchbibliothek des Betreibers so lange zu stöbern, wie man möchte. Im Rahmen des Festivals stellte Koji Onaka aus, one of Japan’s most quietly influential photographers. Die Atmosphäre war heimelig, man plauderte mit dem anwesenden Onaka, blätterte in seinen (vorwiegend nicht mehr erhältlichen) Fotobüchern, erwarb die noch erhältlichen, so ging das gemütlich vor sich hin. Ich habe solche Begegnungen in Japan immer sehr sympathisch erlebt, unprätenziös, nur gelegentlich kommt ein Supernerd daher und will dem Künstler zeigen, was für ein Smartass er ist, stellt supertheoretische Fragen zur Kunst und so, man kennt das, aber den Künstlern ist das eher Blunzn, und die unterhalten sich auch mit Typen gerne, die ein Foto aus Mexiko sehen und daran bemerken, dass die Menschen dort sehr abgemagert aussehen. Onaka signierte, er stempelte auch einen Stempel in die signierten Exemplare, der freilich nicht auf jedem Papier gut trocknete. Der Café- und Fotobuchsammlungsbesitzer, auch so ein Supersymphat, eilte mit einem minzgrünen Fön herbei und begann, in einer Ecke die gestempelten Buchseiten zu fönen. Zartes Fönsurren begleitete weitere Unterhaltungen zwischen Onaka und diversen Fotofreaks. Arigato.