Sekimori Ishi
Es ist heiß, Sie wissen das. Zu Beginn dieser Woche war es noch nicht ganz so heiß, doch es wurde heißer, jedenfalls so, dass Menschen begannen, einander mit Hinweis auf die Hitze und ihre technische Handhabbarkeit zu begrüßen. “Hobt’s eh a Klima?” als habitueller Gruß, in jovialer Besorgtheit. Geschichten über öffentliche Gebäude, in denen es kühlende Anlagen gab oder auch nicht, und wenn es sie gab, wie im Falle meiner eigenen Arbeitsstätte, wann sie denn nun repariert würden, denn sie wären seit Wochen kaputt.
Gegen Ende der Woche lief mir beim Mithören der Bachmannpreislesungen eine Bemerkung von Klaus Kastberger ins Ohr, der zum Text von Magdalena Schrefel Peter Handke in Erinnerung rief, in Zusammenhang mit dessen Erzählung “Wunschloses Unglück”. Es ging darum, dass Handke (und ebenso Schrefel) Sätze auf ihre Brauchbarkeit hin überprüfte — überprüfte, inwieweit sie für das Erfassen, Beschreiben, Modellieren einer gewissen Situation passen würden. Diese Verfahrensweisen verfing bei mir gerade, denn seit Wochen habe ich nicht nur Sätze im Kopf, das ja ohnehin ständig, sondern auch ein Thema und das nicht nur im Kopf, sondern auch im Gespräch mit G., vielfach, aus verschiedenen Richtungen, und so schien es mir dann, rückblickend, als hätte ich in der letzten Woche, oder schon länger, dieses Thema auf seine Brauchbarkeit hin überprüft, für dieses und jenes.

Das Thema, das Bild, das Zeichen, der Gegenstand, ist der Sekimori Ishi (関守石). Er ist ein Zeichen, das man leicht übersieht. Ein Steinbrocken, 10 bis 20 Zentimeter im Durchmesser, von einem Hanfseil eingefasst, dessen eines Ende absteht. Seine Größe, liest man mitunter, sei an der des menschlichen Herzens orientiert. Er ist Teil der Architektur der Gärten um japanische Teehäuser und wird auf den Großmeister der Teezeremonie, Sen no Rikyū, zurückgeführt. Im Garten des Teehauses sollen keine blühenden Pflanzen angesetzt werden. Moos möge dort wachsen. Da man sich auf Moos jedoch nasse Füße holen kann, soll ein Pfad aus Steinplatten, Trittplatten, angelegt werden. Nun kann es sein, dass aber auch Pfade angelegt werden müssen, die in andere Richtungen abzweigen. Der Sekimori Ishi zeigt dann an, welcher Weg nicht genommen werden soll. Er markiert sanft eine Grenze. Eine Art der Lenkung, eine kulturelle Technik der Markierung von Distanz, von Abgrenzung. Eine Art Lenkung von Wegen, die leicht negativ ist, aber nicht offensiv verbietend, eine Technik des Anzeigens von Bewegungsmöglichkeiten durch eine zarte Warnung, einen Aufruf zu Zurückhaltung. Du kannst die anderen Wege sehen, du kannst sehen, wohin sie führen, den Raum, in dem sie angesiedelt sind, aber geh doch bitte dort nicht hin. Lass es bleiben, denn.
Mentale Sekimori Ishi. Da kamen unvermutet Erinnerungen auf, die dazu führten, dass sich da ein recht schmerzhaftes Denken an etwas einstellte, das unmöglich geblieben ist. Ja, da kannst du einen Sekimori Ishi hinplatzieren, du kannst mental ein kleines Hindernis dort hinkultivieren, einen kleinen, sekimori-ishi-artigen Block, der gedankliche Wege fürderhin in andere Richtungen lenkt, dort, wo Mögliches sein könnte. Du musst die Erinnerungen deshalb nicht abwürgen, wegdrücken, kannst sie immer noch sehen, sie sind ja im Raum, aber eine gewisse Distanz, die kann hergestellt werden, ja, doch. The weight is lifted, so ein Satz, der in den Zwischenraum fährt, zwischen mich und die Erinnerungen, einmal, nachts in der Hitze. Der Sekimori Ishi beginnt als Zeichen und wird zum mentalen Werkzeug.
Eine Feier zu Ehren einer Wissenschaftlerin, die einen runden Geburtstag beging und auch noch eine Ehrung erhielt. Kurze Ansprachen von Funktionsträger*innen, Kolleg*innen, akademischen Schüler*innen, Festvortrag, Dankesworte, Empfang mit Häppchen, dazu noch eine Gesangsdarbietung. Niemand dachte daran, für nach dem Empfang noch ein Restaurant für ein Abendessen zu reservieren. Die Geehrte musste sich überraschen lassen und konnte ihr Organisationstalent nicht einbringen. Die Organisator*innen (Kategorie Schüler) hielten ihr Werk mit dem Empfang für vollendet. So standen wir also herum. Die etwas betagtere Festvortragende schwächelte bereits, und als wir dezent die Organisator*innen frugen, ob sie nicht an ein Abendessen gedacht, sagte eine mit dem kühlsten Lächeln freundlicher Unzuständigkeit, nein, sie hielten ja ihr Werk mit dem Empfang für vollendet. Ich denke kurz, das Ruder zu übernehmen und in einem benachbarten Restaurant anzurufen, ob sie denn noch Platz, aber ich bin nicht die, die einschätzen könnte, wie viele der noch anwesenden Personen denn mitkämen, und welche man ansprechen sollte. Meine dipomatischen Fingerspitzen reichen in dieses Sozialgefüge nicht hinein. Ich nehme einen kleinen Sekimori Ishi wahr, gehe diesen Weg nicht weiter, sondern woandershin. Für diese Woche passte der Sekimori Ishi oft und gut: Da ist eine Möglichkeit, sich zu verhalten, eine Gesprächsrichtung einzuschlagen, eine Verhaltensweise anzunehmen, aber, ach, nein, ich kultiviere mir da einen Sekimori Ishi hin und folge einem anderen Weg. Manchmal stolpere ich freilich auch über meine eigenen Sekimori Ishi drüber, wenn Sie wissen, was ich meine, man verhaspelt sich, ist nicht immer so kohärent, wie man sich zusammenschreibt, das kommt auch vor.

Auf der Insel Naoshima sah ich vor ein paar Monaten einen Sekimori Ishi, ohne ihn zu sehen, wurde erst später von G. auf ihn aufmerksam gemacht (und überhaupt auf die Existenz von Sekimori Ishi): Er markiert dort etwas, das vermeintlich ein Zugang zu Hiroshi Sugimotos gläsernem Teehaus “Mondrian” an der Rückseite der Hiroshi Sugimoto Gallery (eines fahlen Baus von Tadao Ando) ist, aber eben doch kein Zugang, denn der Weg führt nicht von Land zu Land, sondern ist ein Streifen im Wasserbecken. Zu diesem Teehaus führt kein Weg. Es ist die Abstraktion eines Teehauses, eine reine Möglichkeit, die Summe aller Unmöglichkeiten, if you catch my drift.